Nur einer war im Kampfmodus

In der Nacht lieferten sich die demokratischen Präsidentschaftsbewerber die erste TV-Debatte. Wer gewann? Wer verlor? Und wer kann sich noch an Jim Webb erinnern?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn fünf Menschen hinter Podien stehen, Lichter in Weiss, Rot und Blau die Bühne erleuchten, das Publikum frenetisch applaudiert und die fünf sich selbst bewerben, verteidigen und Fragen wie im Quizshow-Modus beantworten, dann ist: amerikanischer Wahlkampf.

Gestern trafen sich die (derzeitigen) Kandidaten der Demokraten zur TV-Diskussion in Las Vegas, was der Inszenierung zusätzlich Nachdruck verlieh. In der Rhetorikarena waren:

  • Hillary Clinton, ehemalige Aussenministerin
  • Bernie Sanders, Senator von Vermont
  • Martin O'Malley, ehemaliger Gouverneur von Maryland
  • Jim Webb, ehemaliger Senator von Virginia
  • Lincoln Chafee, ehemaliger Gouverneur von Rhode Island und Senator


Die ausgewählten Themen

Und es ging vielversprechend los. Das Thema war – wie unter umgekehrten Vorzeichen – der Kapitalismus. Vielversprechend, weil das Thema zu Anfang kam und vor der Finanzkrise höchstens bemüht wurde, um gegen den Kommunismus zu wettern. Eines bereits vorweg: Sanders würde sich für die nächsten zwei Stunden auf den Kapitalismus einschiessen.

Apropos schiessen: Die jüngsten Schiessereien – vor allem in Oregon – katapultierten das Thema Waffengesetze wieder auf die Agenda. Hillary Clinton griff Bernie Sanders an, weil dieser nicht entschlossen genug sei gegenüber der Waffenlobby. Martin O'Malley inszenierte sich mit emotionalen Anekdoten und der Beteuerung, wie sehr er die Waffenlobby NRA bekämpfe. Das kam beim Publikum gut an – wirkte streckenweise aber arg pathetisch.

Das Thema Aussenpolitik begann mit Russlands Rolle in Syrien – und war vorbei, bevor es wirklich besprochen werden konnte. Ausser Clinton konnte hier niemand aus dem Vollen schöpfen. Das war ihr Gebiet als ehemalige Aussenministerin der Regierung Obama. Dann ging es schnell um die Vergangenheit, die Irakinvasion 2003. Clinton verteidigte – wie schon während der innerparteilichen Debatte gegen Obama – ihre Haltung. Sanders wich mehrfach der Frage aus, unter welchen Umständen er militärisch in einem Konflikt intervenieren würde. Seine Ansicht für eine isolierte US-Aussenpolitik ist seit dem Ersten Weltkrieg in den USA nicht mehrheitsfähig gewesen. Spätestens gegenüber einem republikanischen Kandidaten im eigentlichen Wahlkampf wird ihm diese Position Probleme bereiten.

Dann folgte Clintons Minigeneralprobe für die kommende Anhörung in Sachen E-Mails auf privaten Servern. Auf das Thema war sie vorbereitet, antwortete ruhig, souverän, mit etwas Ironie – und schwenkte rasch und gekonnt über zu Themen, welche wichtig für die Amerikaner seien. Sanders sprang ihr zur Seite und sagte: «Die Amerikaner haben die Debatte über deine verdammten E-Mails satt.» Mit dieser Schützenhilfe hatte Clinton wohl kaum rechnen können. Lächelnd und erleichtert schüttelte sie ihrem Kontrahenten noch auf der Bühne als Dank die Hand. Das Publikum drehte durch – ein grosser Einflussfaktor auf die Zuschauer vor den Bildschirmen. Lincoln Chafee machte den Fehler, auf Nachfragen des CNN-Moderators das Thema wieder aufzugreifen, nachdem das Trio Clinton/Sanders/Publikum es schon niedergewalzt hatte. Eiskalt servierte Clinton ihn ab – damit war die Debatte für Chafee endgültig vorbei.

Beim Thema Sozialstaat ging es neben Steuern vor allem um Bildung und das Gesundheitssystem. Zwar hatte jeder der fünf etwas zu sagen, doch entwickelte sich die Diskussion zum Fundamentaldialog zwischen Clinton und Sanders um Krankenkassen für Arme und das Gratisstudieren. Die anderen drei verkamen zu Statisten.

In Sachen Immigration betonten zumindest Sanders, O'Malley (mit einer Grundsatzrede) und Clinton, sie wollten weiter gehen und mehr machen als Obama. Doch dass Obama einen Schwerpunkt seiner Präsidentschaft auf das Lösen des Problems gelegt und wie Don Quichotte gegen die Windmühlen auf dem Capitol Hill angekämpft hatte, erwähnten sie nicht – auch nicht, wie die Einwanderungsreform konkret aussehen würde.

Die Klimadebatte wurde arg vernachlässigt, fand nur durch eine Zuschauerfrage Zugang in die Runde. Und dann wurde sie grundsätzlich abgehandelt. Clinton wies auf ihre Errungenschaften auf der internationalen Bühne hin. Und Sanders wollte mal wieder alle Länder zusammenbringen.

Beim Thema Legalisierung von Marihuana sagte Sanders klar Ja. Sein Argument: Der Krieg gegen Drogen habe die Existenz vieler Menschen zerstört, die nur mal gekifft hätten und sofort im Gefängnis gelandet wären. Kriminelle Wallstreet-Banker dagegen kämen straffrei davon. Hillary Clinton blieb eine Antwort schuldig, forderte aber mehr Studien und langfristige Arbeit in dem Bereich. Die anderen kamen – einmal mehr – nicht zu Wort.


Die Gewinner

Bernie Sanders war 118 Minuten im Kampfmodus – genauer gesagt im Klassenkampfmodus. Casino-Kapitalismus, Mittelklasse, Wallstreet, Ungleichheit, Geld: Das waren seine Themen. Und obwohl er diese Aspekte in jedes thematische Korsett drückte, wirkte seine ideologische Haltung im Bereich Wirtschaft nie weltfremd, denn er unterstrich seine praktischen Erfahrungen, als er von langen und harten politischen Prozessen in Washington sprach. Aussenpolitisch würde er als Präsident schneller auf den Boden der Tatsachen zurückkommen, als es ihm lieb sein dürfte.

In der E-Mail-Debatte kam er Clinton zu Hilfe, was ihm Sympathien und Berichterstattungen einbringen dürfte. Es mag etwas Kalkül mit im Spiel gewesen sein, denn Clinton zu unterstützen, ist risikoärmer und ertragreicher als ein Frontalangriff.

Hillary Clinton wirkte jederzeit souverän und wach. Sie hatte sich gut vorbereitet und bringt Erfahrungen in solchen Foren mit, was sehr wichtig ist. Sie präsentierte sich als Staatsperson und setzte in den richtigen Momenten das nötige Quäntchen Humor ein. Mit Glück und Kunst konnte sie die Generalprobe der Anhörung zu der E-Mail-Debatte bewältigen. Ihr Unterschied zu Präsident Obama? «Das ist offensichtlich. Ich wäre die erste Frau im Präsidentenamt.»

Das Mittelfeld

Martin O'Malley hat sein Bestes gegeben, er versuchte, mit Geschichten zu überzeugen – doch wirkte häufig sehr pathetisch. Er machte nicht den Fehler wie Konkurrent Chafee, nach der bereits vorzeitig entschiedenen E-Mail-Debatte auf Clinton zu schiessen. O'Malley wirkte wach und brachte sich ein bei der Einwanderungs- und Energiedebatte – mehrfach ungefragt. Doch zu einem Überraschungssieg reichte es nicht.

Die Verlierer

Was ist von Jim Webb geblieben? Nicht viel. Vielleicht dies: Der Mann hat eine Frau, die mit ihrer Familie in einem Boot aus Vietnam fliehen musste, kein Englisch sprach und es trotzdem zu einem Jusstudium brachte. Dass Webb bereits zum dritten Mal verheiratet ist, erwähnte er nicht, das kommt nicht so gut an im Wahlkampf. Und noch was: Auf die Frage, wer sein grösster Widersacher sei, sagte Webb: «Der feindliche Kämpfer, der eine Granate auf mich warf. Aber dieser ist heute nicht zugegen.» Der Applaus war – verhalten. Bei seinem Abschlussstatement dürfte ein Teil des Publikums eingenickt sein.

Blass, energielos, unwohl auf der Bühne: All das war Lincoln Chafee. Seinen Angriff konterte die ehemalige Aussenministerin Clinton locker. Von der Demütigung erholte Chafee sich nicht mehr. Und dann kam es noch schlimmer: In der Bankendebatte erinnerte Moderator Cooper ihn daran, dass er 1999 für ein Gesetz stimmte, das «Banken grösser machte». Chafee verteidigte sich – mehr schlecht als recht. «Mein Vater starb, und ich war zu der Zeit ganz frisch ins Senatorenamt gerutscht.»


Das Fazit

Es gab zwei separate Diskussionen. Eine war eine Pseudodebatte unter allen fünf Kandidaten. Doch die wirkliche Debatte lief zwischen Clinton und Sanders ab. Es herrschte mehr Einigkeit als Streit in den demokratischen Reihen, was die Kandidaten auch nutzen, um sich von den Republikanern abzuheben.

Und noch etwas zum Schluss: Zweimal betonte Chafee, dass er während 30 Jahren Politikkarriere keine Skandale gehabt habe. Skandalfreiheit als Wahlgrund. Die Debatte verriet mehr über das aktuelle amerikanische Politsystem als über die demokratischen Kandidaten selbst.

Erstellt: 14.10.2015, 12:26 Uhr

Artikel zum Thema

Sanders hat Debatte um Clintons E-Mails satt

Die demokratischen Bewerber für den Chefposten im Weissen Haus trafen sich zur ersten TV-Debatte. Donald Trump begleitete die Diskussion spottend auf Twitter. Mehr...

Zu Tisch mit Hillary

Analyse Diese Woche stellt sich Hillary Clinton ihren innerparteilichen Rivalen. Trotz aller Stärken weist sie viele Schwächen auf. Die Demokraten haben es versäumt, junge Talente zu fördern. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Zeigen Flagge: Luftaufnahme der Flaggen-Zeremonie für die Olympischen Jugendspiele, die 2020 in Lausanne stattfinden werden. (19. September 2019)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...