Nur Gutes über den Kaiser

Trumps Umgang mit «New York Times»-Verleger Sulzberger ist ein Beleg für das grösste Übel, das derzeit die Welt überzieht: den Verlust der Wahrheit.

Will nur hören, was ihm passt, alles andere ist «Fake News»: Donald Trump will an der Pressekonferenz mit Theresa May keine Fragen von CNN beantworten.

Will nur hören, was ihm passt, alles andere ist «Fake News»: Donald Trump will an der Pressekonferenz mit Theresa May keine Fragen von CNN beantworten. Bild: Keystone

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Am Ende des Epochenjahres 2016 wählte die Redaktion der Oxford Dictionaries post-truth zum Begriff des Jahres. Die Wortkombination beschreibe Umstände, in denen «objektive Fakten weniger bedeutend sind bei der Beeinflussung der öffentlichen Meinung als emotionale Appelle oder der persönliche Glaube», so die Begründung. Weniger zurückhaltend könnte man auch sagen, dass es um die Kraft der Lüge geht und post-truth insofern das Zeitalter der Lüge, der kompletten Verwischung zwischen richtig und falsch bezeichnet.

Die Begegnung Donald Trumps mit A.G. Sulzberger, dem Herausgeber der «New York Times», vor gut einer Woche war gewissermassen das Gipfeltreffen in diesem Zeitalter: Noch niemals zuvor hat ein US-Präsident so pathologisch gelogen wie eben Trump, und kaum ein Medium in den USA hat derart hartnäckig und ausdauernd diese Verrohung der demokratischen Spielregeln angeprangert wie die «New York Times». Dass Trump entgegen den Absprachen über das Treffen berichtet und eine fundamental andere Lesart des Gesprächs in die Welt setzt als sein zum öffentlichen Widerspruch genötigter Besucher ist ein Beleg für das grösste Übel, das die Politik in den USA befallen hat und von dort aus wie ein Krebsgeschwür die Welt überzieht: den Verlust der Wahrheit.

Wahrheit ist bei Trump, was er selbst zur Wahrheit erklärt, was ihm schmeichelt und nutzt.

Wahrheit ist natürlich ein subjektiver, ja philosophischer und damit stark interpretationsbedürftiger Begriff. Und dennoch braucht ein demokratisches Gemeinwesen ein paar Gewissheiten, auf die man sich bei aller Streiterei einigen kann, und an denen sich Konflikte messen und lösen lassen. Wer auf den Strassen per Gesetz den Rechtsverkehr einführt, anschliessend aber behauptet, rechts sei eigentlich links, der muss sich über die hohe Zahl von Unfällen nicht wundern.

«Volksfeinde» nennt Trump all jene, die seine gestörte Wahrnehmung nicht teilen

Ähnlich verhält es sich mit Trump, der Anzeichen wachsenden Realitätsverlusts zeigt. Gerade noch teilte er seinem Publikum mit: «Glaubt nicht an den Mist, den ihr von diesen Leuten seht, die Fake-Nachrichten. Was ihr seht und was ihr lest, ist nicht das, was passiert.» Wahrheit ist bei Trump, was er selbst zur Wahrheit erklärt, was ihm schmeichelt und nutzt. Unwahrheit ist das Gegenteil. «Volksfeinde» nennt Trump all jene, die seine gestörte Wahrnehmung nicht teilen, bevorzugt kritische Medien. Nach Hitler und Stalin galt diese ideologische Totschlagformel im Repertoire von Demokraten als unbenutzbar – aus dem Mund eines US-Präsidenten war sie bislang unvorstellbar.

Trumps rastlose Angriffe gegen seriöse Medien zerstören den letzten Rest Konsens, den eine Gesellschaft für ihren Zusammenhalt benötigt. Wer die gemeinsame Wahrheit als Basis der demokratischen Auseinandersetzung zerstört, dem bleibt nur noch der blanke Hass, die Unterdrückung, am Ende die Gewalt. Aus einer Glaubwürdigkeitskrise wird eine Vertrauenskrise und daraus eine Staatskrise. Die Amerikaner leben längst in einer Staatskrise, weil die Einteilung des Staates in Lügner und Anhänger der Trump'schen Wahrheit das Land zerrissen hat.

Trumps Lügen sind eine Form von Terror, von Propaganda, von Massenverführung. Franklin D. Roosevelt, selbst ein eitler Volkstribun, wusste, dass die öffentliche Psyche auch Phasen der Beruhigung braucht und nicht dauerhaft im Ausnahmezustand leben kann. Bei Trump ist diese Beruhigungsphase nicht abzusehen. Umso wichtiger, dass sich Medien wie die «New York Times» nicht geschlagen geben.

Erstellt: 31.07.2018, 16:38 Uhr

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