NGO berichtet von Toten durch Schüsse des Militärs in Venezuela

In der Auseinandersetzung um Hilfslieferungen hat es an der Grenze Venezuelas schwere Zusammenstösse gegeben. Die USA kündigen «Massnahmen» an.

«Wir wollen arbeiten»: Zusammenstösse zwischen Demonstranten und Nationalgarde in Ureña. Video: Tamedia/AFP

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Venezuelas umstrittener Staatschef Nicolás Maduro hat den Abbruch aller diplomatischer Beziehungen zu Kolumbien verkündet. Bei einer Kundgebung in der Hauptstadt Caracas sagte Maduro am Samstag, die «faschistische Regierung von Kolumbien» müsse all ihre diplomatischen Vertreter binnen 24 Stunden aus Venezuela abziehen. Er reagierte damit auf die Unterstützung der kolumbianischen Regierung für Venezuelas selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó und ausländische Hilfslieferungen nach Venezuela.

Der Machtkampf zwischen Maduro und Guaidó spitzt sich immer weiter zu. Wie vorab angekündigt, wurden am Samstag ausländische Hilfsgüter für die venezolanische Bevölkerung aus Kolumbien und Brasilien auf den Weg gebracht. Venezolanische Sicherheitskräfte stellten sich dem entgegen.

Offenbar zwei Menschen getötet

Bei gewaltsamen Zusammenstössen an der Grenze zwischen Venezuela und Brasilien sind nach Angaben einer Nichtregierungsorganisation mindestens zwei Menschen getötet worden, darunter ein 14-jähriger Knabe. Beide seien durch Schüsse der venezolanischen Armee in Santa Elena de Uairén gestorben, sagte der Sprecher von Foro Penal, Olnar Ortíz, am Samstag der Nachrichtenagentur AFP. 31 weitere Menschen seien verletzt worden.

Auch an der Grenze zwischen Venezuela und Kolumbien gab es gewaltsame Ausschreitungen mit Verletzten. Das venezolanische Militär setzte Tränengas ein, um eine Demonstration an der Grenze zu Kolumbien aufzulösen. Im Grenzort Ureña kam es zu Zusammenstössen zwischen Streitkräften und Demonstranten, als diese versuchten, nach Kolumbien zu gelangen. Dabei wurden mindestens sechs Menschen verletzt.

Die kolumbianische Regierung hat die Rückkehr der Lastwagen mit Hilfsgütern für Venezuela angeordnet. Der «friedliche und humanitäre» Einsatz sei von der Regierung des umstrittenen venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro an der Grenze der Nachbarstaaten gewaltsam unterbrochen worden, begründete der kolumbianische Aussenminister, Carlos Holmes Trujillo, die Entscheidung am Samstag.

Hilfsgüter angezündet

An Venezuelas Grenze sind offenbar zwei Lastwagen mit Hilfsgütern aus dem Ausland in Brand gesteckt worden. Zwei der vier Lastwagen auf der Santander-Brücke in der an Kolumbien grenzenden Stadt Ureña seien angezündet worden, sagte die oppositionelle Abgeordnete Gaby Arellano am Samstag vor Journalisten.

Sie machte Staatschef Nicolás Maduro für den Vorfall verantwortlich. «Die Menschen retten den Grossteil von dem, was auf dem ersten Laster ist, und suchen nach der humanitären Hilfe, deren Abfackeln der Diktator Maduro angeordnet hat», sagte Arellano. Die kolumbianische Einwanderungsbehörde bestätigte, dass zwei Lastwagen in Brand gesteckt worden seien.

In Videos in den sozialen Online-Netzwerken war zu sehen, wie Dutzende Menschen inmitten einer grossen Rauchwolke aus den Lastwagen Säcke und Kartons mit Medikamenten und Lebensmitteln herausholten. «Unsere mutigen Freiwilligen bilden eine Kette, um das Essen und die Arzneien zu retten», erklärte Venezuelas selbsternannter Übergangspräsident Juan Guaidó. «Die menschliche Lawine ist unaufhaltsam.»

Pompeo kündigt «Massnahmen» an

US-Aussenminister Mike Pompeo hat «Massnahmen» Washingtons zur Unterstützung der Demokratie in Venezuela angekündigt. Nun sei die «Zeit zum Handeln» gekommen, um dem «verzweifelten venezolanischen Volk» zu helfen, schrieb Pompeo am Samstag im Kurzbotschaftendienst Twitter. Zugleich verurteilte er das gewaltsame Vorgehen der venezolanischen Sicherheitskräfte an Grenzübergängen, über die Hilfsgüter aus dem Ausland in den südamerikanischen Krisenstaat gebracht werden sollten.

«Die USA werden Massnahmen gegen jene ergreifen, die sich der friedlichen Wiederherstellung der Demokratie in Venezuela widersetzen», schrieb Pompeo. «Wir sind solidarisch mit denen, die ihren Kampf für die Freiheit fortsetzen.»

Mit scharfen Worten verurteilte der Minister das Einschreiten der venezolanischen Sicherheitskräfte an den Grenzübergängen wenige Stunden zuvor. Die «Attacken auf Zivilisten» seien von «Schlägern» des linksnationalistischen venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro verübt worden.

Sicherheitskräfte desertieren

Die Zahl der aus Venezuela desertierten Sicherheitskräfte ist nach kolumbianischen Angaben auf 60 gestiegen. Sie seien am Samstag aus den venezolanischen Bezirken Norte de Santander und Arauca nach Kolumbien geflohen, teilte die dortige Einwanderungsbehörde mit.

Wie Vertreter der kolumbianischen Einwanderungsbehörde mitteilten, brachen drei Mitglieder der Nationalgarde Venezuelas mit einem gepanzerten Fahrzeug durch Sicherheitsbarrikaden auf der Grenzbrücke Simón Bolívar. Eine Frau auf der kolumbianischen Seite sei bei der Aktion verletzt worden, berichtete ein AFP-Reporter. Die Behörden erklärten zudem, ein Offizier der Nationalgarde sei über eine andere Brücke aus Venezuela in den kolumbianischen Grenzort Cúcuta desertiert.

Guaidó: Erste Hilfslieferung angekommen

Nach Angaben des selbsternannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó ist eine erste Hilfslieferung aus dem Ausland eingetroffen. Eine Lieferung mit Hilfsgütern sei aus Brasilien über die Grenze nach Venezuela gelangt, teilte Guaidó am Samstag im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. «Das ist ein grosser Erfolg, Venezuela!», schrieb Guaidó.

Guaidó hat am Samstag verkündet, die von den USA gestiftete humanitäre Hilfe sei «auf ihrem Weg» nach Venezuela. Die Hilfe werde «definitiv» Venezuela erreichen, «auf friedliche und ruhige Weise», sagte Guaidó bei einer Zeremonie zum Start des Hilfstransports an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela. Begleitet wurde der selbsternannte venezolanische Interimspräsident von den Präsidenten Kolumbiens, Chiles und Paraguays.

Die Lebensmittel und Medikamente sollen von tausenden Freiwilligen an bedürftige Venezolaner verteilt werden. In dem südamerikanischen Land herrscht trotz seines Ölreichtums eine Wirtschaftskrise mit akuten Versorgungsengpässen.

Kolumbien fordert Öffnung der Grenze

Kolumbiens Staatschef Iván Duque hat am Samstag die freie Einfuhr von Hilfsgütern nach Venezuela gefordert. Die Blockade der von der venezolanischen Opposition organisierten Hilfe sei ein «Attentat» auf die Menschenrechte, sagte er.

Duque äusserte sich in Cúcuta auf einer gemeinsamen Medienkonferenz mit Juan Guaidó. Dieser rief die venezolanischen Sicherheitskräfte an den Grenzübergängen auf, sich «auf die Seite der Verfassung» zu stellen und die Hilfsgüter durchzulassen.

«Diese Brücke gehört mir»

Die Regierung von Staatschef Nicolás Maduro hatte am Freitag grosse Teile der Grenze zu Kolumbien geschlossen, nachdem Oppositionsführer Juan Guaidó trotz eines Ausreiseverbots ein Benefizkonzert auf der kolumbianischen Seite der Grenze besucht hatte.

Der kolumbianische Fernsehsender Caracol veröffentlichte ein Video, auf dem Guaidó mit Anhängern im Laufschritt über eine Grenzbrücke zwischen Venezuela und Kolumbien rennt. «Diese Brücke gehört mir», ruft er und streckt eine Faust in die Luft. «Natürlich schaffen wir es.»

Zu dem Benefizkonzert im kolumbianischen Grenzort Cúcuta waren zehntausende Anhänger Guaidós gekommen. An der auf Initiative des britischen Milliardärs Richard Branson zustande gekommenen Veranstaltung «Venezuela Aid Live» nahmen Stars wie der durch den Hit «Despacito» bekannte Puertoricaner Luis Fonsi teil. Der Erlös soll der Bevölkerung in dem südamerikanischen Krisenstaat zugute kommen.

An der nur rund 300 Meter entfernten dreitägigen Gegenveranstaltung des Linksnationalisten Maduro auf venezolanischer Seite nahmen deutlich weniger Menschen teil. Rund 2500 Besucher kamen zu dem Konzert unter dem Motto «Hände weg von Venezuela».

Den Zusammenbruch Venezuelas erklärt

Chaos, Armut, politische Instabilität – das Erklärvideo zeigt, wie es soweit kommen konnte. (sep/anf/chk/afp/sda)

Erstellt: 23.02.2019, 13:19 Uhr

Venezolaner demonstrieren in der Schweiz

Einige hundert Personen haben am Samstag in drei Schweizer Städten gegen den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro demonstriert. Sie forderten, dass die Regierung die Lieferung von Hilfsgütern an die Bevölkerung Venezuelas zulässt.

In Zürich versammelten sich nach Angaben der Organisatoren rund 200 Personen bei der Rathausbrücke. «Wir wollen, dass die internationale Gemeinschaft akzeptiert, dass man die humanitäre Hilfe jetzt braucht», sagte Sprecherin Gabriela Sarmiento auf Anfrage von Keystone-SDA.

Die Demonstranten forderten den Rücktritt von Maduro und freie Wahlen in Venezuela. Die Stimmung sei friedlich; neben den Reden gab es Musik und eine Schweigeminute für die Todesopfer der Proteste in Venezuela.

Auch in Basel und Genf fanden sich Venezolaner zu Kundgebungen ein. Vor dem Sitz des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte (UNHCR) in Genf waren es am Nachmittag rund 80 Personen, am Morgen auf dem Platz der Vereinten Nationen zwischen 80 und 100. Auch sie kritisierten, dass das «diktatorische Regime» von Maduro die Lieferung von dringend benötigten Lebensmitteln und Medikamenten verhindere.

«Jeder hier kennt einen politischen Gefangenen oder hat Bekannte, die unter der Misere im Land leiden», sagte Maria Alejandra Aristeguita gegenüber der Keystone-SDA. Sie wurde nach eigenen Angaben von Oppositionsführer Juan Guaidó zur Vertreterin Venezuelas in der Schweiz und bei der UNO ernannt. (sda)

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