Plötzlich steht Trump wie seine Vorgänger da

Die Eskalation mit Teheran birgt erhebliche Risiken für den US-Präsidenten. Er stellt sich damit auf die gleiche Stufe wie Obama oder Hillary Clinton.

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Miami: 2016 wude er auch gewählt, weil er mit dem aussenpolitischen Kurs seiner Vorgänger aufräumen wollte. Die Eskalation mit dem Iran könnte ihn nun Stimmen kosten. Foto: Reuters (3. Januar 2020)

Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Miami: 2016 wude er auch gewählt, weil er mit dem aussenpolitischen Kurs seiner Vorgänger aufräumen wollte. Die Eskalation mit dem Iran könnte ihn nun Stimmen kosten. Foto: Reuters (3. Januar 2020)

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«Um wiedergewählt zu werden, wird Barack Obama einen Krieg mit Iran anfangen», warnte Donald Trump im November 2011. Nach der Tötung des iranischen Top-Generals Qassim Soleimani am Donnerstag in Bagdad könnte Donald Trump ein ähnlicher Vorwurf gemacht werden.

Noch vor wenigen Monaten dachte dieser Präsident öffentlich darüber nach, alle US-Truppen aus den Konfliktzentren des Nahen und Mittleren Ostens abzuziehen. Stattdessen hat Trump durch den Raketenanschlag auf den Konvoi des Kommandanten der iranischen Al-Quds-Brigaden mit kaum kalkulierbaren Konsequenzen an der Eskalationsschraube im schwelenden Konflikt mit Teheran gedreht.

Video: USA töten iranischen General

In einem Luftangriff in Bagdad ist der iranische General Qassim Soleimani getötet worden. (Video: AP)

Der Iran hat US-Präsidenten seit der Flucht des Schah aus der iranischen Hauptstadt im Januar 1979 vor allem Unglück gebracht: Die Besetzung der US-Botschaft 1979 trug massgeblich zu Jimmy Carters Wahlniederlage 1980 bei, fast wäre Ronald Reagan 1987 über den Irancontra-Skandal gestolpert. George W. Bushs Intervention im Irak 2003 bescherte den Ayatollahs einen politischen Machtzuwachs, den General Soleimani zum Schaden Washingtons über die gesamte Region vom Jemen bis zum Libanon vertiefte.

Ob Soleimani tatsächlich wie von Trump und seinem Aussenminister Mike Pompeo behauptet Attacken auf amerikanische Einrichtungen plante, sei dahingestellt. Nach den Lügen des Irakkriegs sollten derartige Verlautbarungen mit Vorsicht genossen werden. An Soleimanis Verantwortung für den Tod hunderter US-Soldaten im Irak kann es hingegen keine Zweifel geben.

Warum Trump gegen Clinton reüssierte

Für Trump birgt die Aktion in Bagdad erhebliche politische Risiken. Denn für viele US-Wähler war Kandidat Trump 2016 auch deshalb attraktiv, weil er dem Interventionismus seiner Vorgänger und seiner demokratischen Gegnerin Hillary Clinton eine Absage erteilt hatte. Unter einem Präsidenten Trump würden die USA nach innen schauen, anstatt Billionen Dollar für unnütze Feldzüge wie im Irak oder in Afghanistan auszugeben.

Dass Hillary Clinton als Aussenministerin die Obama-Administration dazu gedrängt hatte, die französische und britische Intervention in Libyen zu unterstützen, unterstrich in den Augen vieler Trump-Wähler die Arroganz der Eliten in Washington: Wiederholt zerrten sie die USA in kostspielige Abenteuer, deren Ergebnis oft zu wünschen übrig liess und die amerikanische Etats mit Unsummen belasteten.

Nicht wie 1990 oder 2003

Trump lehnte dies ab, und im Grossen und Ganzen hat er dieses Versprechen bislang gehalten. Mit der Tötung von Soleimani hat der Präsident jedoch einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung getan. Denn niemand kann vorhersagen, wie der Iran auf den Tod des Top-Generals reagieren wird. Es droht eine Eskalation, die in einen asymmetrisch geführten Krieg zwischen Washington und Teheran münden und den Nahen Osten weiter destabilisieren könnte.

Von Terroranschlägen bis zu Cyberattacken würde die Palette einer solchen Auseinandersetzung reichen. Statt aus der Region abzuziehen, muss Trump jetzt zusätzliche Truppen in den Irak und Eingreifreserven nach Kuwait verlegen, um für Teherans nächsten Schritt gerüstet zu sein.

«Machen wir uns nichts vor: Ein Krieg mit dem Iran wird nicht wie der Golfkrieg 1990 oder der Irakkrieg 2003 ablaufen, er wird in der gesamten Region mit einer Vielzahl ziviler, ökonomischer und militärischer Werkzeuge geführt werden», warnte am Freitag der Nahostkenner Richard Haas, ein Berater mehrerer Präsidenten und gegenwärtig Präsident des Council on Foreign Relations.

Trumps Wiederwahl wäre eine solche Entwicklung nicht sonderlich dienlich. Denn er stünde als Präsident plötzlich wie seine Vorgänger da.

Erstellt: 04.01.2020, 10:20 Uhr

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