Polizei befürchtet nach Mafia-Mord neuen Bandenkrieg

Zum ersten Mal seit über 30 Jahren rechnen die berüchtigten New Yorker Mafia-Familien auf offener Strasse miteinander ab.

Mafiaboss Francesco Cali wurde vor seinem Haus in Staten Island, New York erschossen. Video: Reuters

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Wenn es direkt vor der Haustür kracht und scherbelt, weil ein Pick-up-Truck den geparkten SUV rammt, dann wird dessen Besitzer wissen wollen, was los ist.

Genau dies tat am Mittwochabend Francesco Cali im New Yorker Stadtteil Staten Island. Gegen 21.20 Uhr trat der 53-jährige Familienvater aus seiner Villa im noblen Quartier Todt Hill. Empfangen wurde er von einem Killer, der seine 9-Millimeter-Pistole zückte und kaltblütig auf ihn schoss. Polizisten zählten nachher zwölf Patronenhülsen. Cali, der sich unter seinem Wagen verstecken wollte, wurde von sechs Kugeln in Kopf und Rumpf getroffen.

Was Calis Nachbarn erst für ein Feuerwerk hielten, war für die meisten anderen eine Sensation: die Ermordung eines Mafia-Bosses. Francesco «Franky Boy» Cali war der Anführer der Gambino-Familie, die lange der mächtigste der fünf New Yorker Mafia-Clans war.

War angeblich nie gewalttätig: «Franky Boy» Calis Ding waren schmutzige Geschäfte. Foto: Keystone

Ein vergleichbares Attentat gab es seit 1985 nicht mehr, als Paul Castellano, auch er ein Gambino-Boss, niedergestreckt wurde. Der 70-jährige wollte im Sparks Steak House in Manhattan dinieren, als ihn drei Mörder abfingen, automatische Waffen unter ihren Trenchcoats hervorzogen und ihn niederschossen.

Weil es seither um mafiose Machenschaften in New York stiller wurde, fragen sich viele, was nun droht. Ein neuer Bandenkrieg? Schiessereien auf den Strassen?

Gewalttaten mit Mafiosi als Opfern sind das Resultat interner Machtkämpfe der Clans.

Vielleicht hilft bei der Prognose ein Blick zurück in die Geschichte von New Yorks Cosa Nostra, die in Spielfilmen wie «Der Pate» und Büchern mehrfach verewigt wurde. Italienische Kleinkriminelle nisteten sich seit den 1880er-Jahren in Amerika ein. Die Rivalität der Banden in der US-Metropole gipfelte im blutigen Castellam­mare-Krieg von 1930 und 1931. Beendet wurde der Kampf um die Vorherrschaft erst durch Charles «Lucky» Luciano. Er gründete die «Commission», ein Führungs­gremium von fünf Bossen. Seither regeln die Familien Gambino, Lucchese, Genovese, Colombo und Bonanno ihre Konflikte untereinander auf friedlichem Weg.

Gewalttaten mit Mafiosi als Opfern sind seither das Resultat interner Machtkämpfe der Clans. Auch diese beruhigten sich jedoch in den 80er- und 90er-Jahren, als Staatsanwälte eine Offensive gegen das organisierte Verbrechen starteten. Bei den Gambinos landete John Gotti, der die Ermordung Castellanos in Auftrag gegeben hatte, 1992 im Gefängnis. Der stadtbekannte Boss mit dem Übernamen «Dapper Don» fiel durch Geprahle und extravagante Kleidung auf. Er starb 2002 im Gefängnis an Krebs.

Die New Yorker Mafia hat an Einfluss verloren

«Franky Boy» Cali, der Gotti nach ein paar Zwischenfiguren nachfolgte, war dessen Gegenteil: Er führte ein privates Leben, mied das Telefon und war angeblich nie gewalttätig. Sein Ding war das Geschäft, das im Vergleich zu früher kleiner war. Die Zeiten, als New Yorks Mafia den Zementhandel und die private Müllabfuhr kontrollierte, sind vorbei. Cali konzentrierte sich auf das verbliebene Business, von dem Amerikas italienische Mafia heute lebt: Vergabe von Wucherkrediten, Handel mit harten Drogen, Geldspiel im Verborgenen.

Gleichzeitig machte Cali seine Verbrecherfamilie stärker, indem er harte Burschen aus Sizilien importierte. Und hier könnte der Grund für das Attentat auf ihn liegen. Letzten September wurde John Gottis Bruder Gene, 72, aus dem Gefängnis entlassen. Fahnder vermuten, dass womöglich die Gottis mit anderen amerikanischen Gambino-Mitgliedern die Sizilianer weghaben wollen.

Es könnte also tatsächlich wieder blutig werden. Cali wurde auf extrem «respektlose» Weise hingerichtet, nicht irgendwo in Manhattan, sondern bei sich zu Hause, mit Frau und Kindern im Haus als Zeugen. Die Polizei fürchtet: Eine ebenso brutale Rache wird nicht lange auf sich warten lassen.

Erstellt: 16.03.2019, 22:49 Uhr

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