Protest auf dem Fussboden

Mit einem Sitzstreik will eine Gruppe US-Demokraten schärfere Waffengesetze erzwingen. An ihrer Spitze: John Lewis, ein Held der Bürgerrechtsbewegung.

Angeführt von John Lewis, demonstrierten Dutzende demokratische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus. Foto: AP, Keystone

Angeführt von John Lewis, demonstrierten Dutzende demokratische Abgeordnete im US-Repräsentantenhaus. Foto: AP, Keystone

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Der Aufstand beginnt, als ein Mann mit kahlem Schädel ans Pult tritt und sagt: «Ich bitte alle meine Kollegen, sich mir im Plenarsaal anzuschliessen.» John ­Lewis sagt das ganz ruhig. Er klingt sogar melancholisch und blickt so ernst auf sein Pult, als stehe jetzt ein Ritual bei einem Begräbnis an. Lewis (76) ein Abgeordneter aus dem Südstaat Georgia, kann wütend sein, aber er beherrscht auch den würdevollen Auftritt. Es folgt an diesem Mittwochmorgen eine Demonstration im US-Repräsentantenhaus: Mehr als 100 Abgeordnete versammeln sich zum Sitzstreik, verharren auf dem Fussboden. Nach dem Terrorangriff in Orlando vor knapp zwei Wochen mit 50 Toten möchten sie etwas erreichen, das in der US-Politik derzeit als so gut wie unmöglich gilt: Sie möchten schärfere Waffengesetze erzwingen.

40-mal im Gefängnis

Natürlich ist John Lewis der Anführer. Wer sonst würde zu einer Aktion aufrufen, die nach dem Protokoll im US-Kongress völlig ungehörig ist. Lewis ist ein Gigant der Bürgerrechtsbewegung – Proteste prägen sein Leben. Im August 1963 rief er vor dem Lincoln-Memorial in Washington eine Revolution aus, bevor Martin Luther King seine «Ich habe einen Traum»-Rede hielt über eine Welt, in der Hautfarbe keine Rolle mehr spielt. Und als Lewis 1965 den Marsch über die Brücke von Selma anführte, hätten ihn Alabamas Staatspolizisten beinahe totgeschlagen. 40-mal war er im Gefängnis, unter anderem 2009, nachdem er vor der Botschaft des Sudan gegen den Massenmord in Darfur protestiert hatte.

Amerika hat sich geändert seit der Bürgerrechtsbewegung: Im Weissen Haus regiert Barack Obama, der erste schwarze Präsident. Aber die Linke hat nicht alle ihre Vorstellungen durchsetzen können, und gegen nichts haben Obama und seine Demokraten so emsig – und vergeblich – gekämpft wie gegen die Waffen. Allein während Obamas Amtszeit haben sich Massenmorde in einem Kino, in einer Grundschule, an einer Universität, in einer Kirche ereignet. Immer waren die Täter schwer bewaffnet und entschlossen, so viele Menschen zu töten wie möglich. Orlando ist der jüngste Vorfall.

Mit der gleichen Regelmässigkeit versuchen die Demokraten, das Waffenrecht zu verschärfen. Nach Orlando wollen sie im Abgeordnetenhaus zwei Gesetze zur Abstimmung stellen, die Terrorverdächtige daran hindern würden, Waffen zu erwerben. Versuche dieser Art enden allerdings immer mit dem gleichen Ergebnis: Im Kongress werden sie überstimmt von den Republikanern, die in beiden Kammern die Mehrheit stellen, aber auch von einzelnen Demokraten. Auf dieses Ritual reagieren die Befürworter strengerer Gesetze mit wachsendem Frust, und am Mittwoch entlädt sich dieser im Tumult.

Ein grosser Redner

Lewis wendet seine ganze Redekunst auf. «Wir haben Hunderttausende Menschen an Waffengewalt verloren, wann kommt der Wendepunkt?», ruft er. Dann legt er die Finger an die Stirn, als denke er nach: «Sind wir blind? Können wir sehen?» Sogleich aber ruft er wieder ins Plenum: «Wie viele Mütter und Väter müssen Tränen der Trauer vergiessen, bevor wir etwas tun? Die Zeit für Ruhe und Geduld ist lange vorbei.» Er fordert den republikanischen Speaker auf, neue Gesetzesentwürfe wenigstens zur Abstimmung zu stellen. «Lassen Sie uns wählen. Lassen Sie uns unseren Job machen. Wir sind hier, um zu arbeiten.»

Anschliessend eskaliert die Lage. Dutzende demokratische Abgeordnete setzen sich auf den Fussboden und blockieren damit die Gänge zwischen den Sitzreihen. Sie halten Schilder hoch mit den Namen von Opfern oder singen Protestlieder wie «We Shall Overcome». Paul Ryan, der republikanische Speaker, bezeichnet die Aktion als «Showeinlage» und erinnert daran, dass die Gesetze ohnehin keinerlei Chance auf Verwirk­lichung haben, weil sie der Senat, die zweite Kammer, in ähnlicher Form bereits abgelehnt habe. Der Republikaner Louie Gohmert schreit den Demokraten entgegen, sie sollten statt über Waffengesetze lieber über den «radikalen Islam» reden. Irgendwann lässt Ryan die Kameras abschalten, die das Geschehen im Saal nach draussen übertragen. Die Demokraten behelfen sich mit Periscope, einer App für Videoübertragung.

«Was denken die sich eigentlich?»

Die Machtprobe dauert die ganze Nacht. Am Morgen kehrt Ryan zurück in den Plenarsaal. Er lässt ein Budget verabschieden und vertagt dann alles Weitere auf den 5. Juli, wenn das Wochenende mit dem Nationalfeiertag vorüber ist. Die Republikaner verlassen das Kapitol. «Was denken die sich eigentlich?», fragt Nancy Pelosi, die Fraktionschefin der Demokraten. «Was auch immer es ist, sie wollen es niemandem erzählen. Deswegen machen sie sich mitten in der Nacht davon.» Gleichzeitig lobt sie den Kampfgeist der Demokraten; ihr Protest sei «auf der ganzen Welt» gehört worden. Für die Partei ist diese Auseinandersetzung eine gute Gelegenheit, rechtzeitig vor der Präsidentschaftswahl Basis und Spender zu mobilisieren.

Ob sich deswegen die Waffengesetze ändern, ist fraglich. Manche glauben, dass allein die Anwesenheit des alten Kämpfers John Lewis ein gutes Omen sein muss, und sie nennen den Aufstand einen Wendepunkt, wie es einst die Demonstration auf der Brücke von Selma war. «Danke, dass ihr Ärger macht. Es ist ein guter Ärger», sagt Lewis zu seinen sitzstreikenden Kollegen. «Manchmal steht man auf, indem man sich setzt.»

Erstellt: 23.06.2016, 19:14 Uhr

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