Raúl Castros letzte Chance

Erst jetzt, nach Fidels Tod, wird sich zeigen, was sein Bruder Raúl wirklich will – und kann.

Revolutionäre unter sich: Der junge Raúl Castro (Mitte) zusammen mit Fidel (l.) und Che Guevara um 1960 in Havanna. Foto: Giovannetti, IPA, REX, Dukas

Revolutionäre unter sich: Der junge Raúl Castro (Mitte) zusammen mit Fidel (l.) und Che Guevara um 1960 in Havanna. Foto: Giovannetti, IPA, REX, Dukas

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Raúl ohne Fidel. Das war in Kuba 85 Jahre lang unvorstellbar. Ohne Fidel wäre aus Raúl ein Niemand geworden. Vielleicht ein Radiomoderator, der er als Jugendlicher werden wollte, vielleicht ein Bauer wie der Vater.

Sein grosser Bruder aber machte ihn zu einem Rebellen, Revolutionär, Kommandanten, zum Chef der einst grössten Armee Lateinamerikas, zur Nummer zwei in allen Hierarchien des Staates Kuba und vor zehn Jahren gar noch zur Nummer eins. Beim kubanischen Volk hatte der kleine, leise Mann mit der Brille wenig Kredit.

Der Statthalter des Bruders

Die ­Menschen wussten: Alles, was aus Raúl geworden ist, war von Fidel gewollt, gesteuert oder geduldet. Es hiess: Jetzt kommt die graue Maus an die Macht, der Militärkopf ohne Ideen und ­Charisma, der Statthalter des Bruders.

Doch Raúl überraschte. Kaum war er aus dem Schatten von Fidel getreten, gewann der blasse Mann an Farbe und Statur. Er begann, Fidels Kuba sehr langsam und sehr zögerlich zu reformieren, hob alte und absurde Verbote auf, gewährte den Menschen ein bisschen wirtschaftliche Freiheiten und verkündete: Schluss mit Vater Staat und Gleichheit für alle. Und Raúl Castro tat etwas, was sein Bruder nie getan hätte – er schloss Frieden mit dem Erzfeind USA.

Verflixtes Kuba

Raúl hat mehr getan, als man ihm bei Amtsantritt zugetraut hatte, aber weniger, als das Volk seit langem herbeisehnt. Viele seiner Reformen sind unausgegoren und halb gar, wurden im undurchsichtigen Machtkartell der Militärs oder von der gigantischen Staatsbürokratie zermalmt.

Das Kuba der Castros ist verflixt: Ist ein Problem gelöst, tauchen zwei, vielleicht auch drei neue Probleme auf. Mit Raúl haben sich die Kontraste in Kuba verschärft, es gibt neue Reiche, aber noch mehr Arme. Der Tourismus brummt wie noch nie, auch private Restaurants und Herbergen boomen, die Exilkubaner überweisen Geld zuhauf, doch unterm Strich sieht die Bilanz immer schlecht aus.

Drei von vier erwerbstätigen Kubanern sind Staatsangestellte.

Die Wirtschaft auf der Insel kommt und kommt nicht in Schwung. Obwohl inzwischen eine halbe Million Menschen selbstständig arbeitet, sind immer noch 80 Prozent der Wirtschaft in den Händen des Staates, und drei von vier erwerbstätigen Kubanern sind Staatsangestellte. Sie tun so, als würden sie arbeiten, der Staat tut so, als würde er sie bezahlen. Ihr Durchschnittslohn beträgt 25 Franken.

Raúl hat in seiner Amtszeit drei Viertel seines Kabinetts und seiner Minister ausgewechselt, doch die wirklich Mächtigen sind dieselben wie seit je – und wie Raúl weit über 80 Jahre alt. Es ist paradox: Kuba hat sich unter Raúl verändert und ist doch gleich geblieben. Dieses Gefühl macht viele Menschen ohnmächtig und hoffnungslos. Vor allem die Jungen. Ihr grösster Traum: nichts wie weg. Zehntausende verlassen jedes Jahr die Insel.

Eine neue Zeitrechnung

Niemand weiss, ob Raúl bis anhin nicht mehr tun wollte oder nicht konnte. Sein Schneckentempo bei den Reformen wurde oft so interpretiert, er könne nicht mehr tun wegen Fidel. Nach dem Friedensschluss mit den USA dachten viele: Jetzt hat er sich endgültig vom übermächtigen Bruder befreit. Bekannt ist nur: Raúl hat sein Leben lang nie einen Entscheid gefällt ohne den strengen Blick von Fidel, der antrieb, bremste, urteilte und strafte.

Jetzt ist Raúl allein. In Kuba beginnt eine neue Zeitrechnung. Es ist Raúl Castros letzte grosse Chance. Raúl kann nicht wegen Fidel. Das geht jetzt nicht mehr. Und viele Bremsklötze, sogenannte Fidelistas, sind auch nicht mehr übrig in der Regierung. Raúl hat jetzt so viel Macht und Freiheiten wie nie zuvor.

Raúls Glück: Er ist noch heute der ranghöchste Militär.

Optimisten gehen davon aus, dass Castro II einen Zacken zulegt und Kuba stärker verändert, als er das bisher getan hat – vielleicht auch Reformprojekte aus der Schublade zieht, die er im Stillen längst vorbereitet hat. Pessimisten hingegen glauben nicht, dass der gemächliche Pragmatiker seinen Schleichweg verlässt und nun plötzlich zum Reformturbo wird.

Klar ist: Raúl wird nichts tun, was die Macht und die Privilegien seiner Familie und der Nomenklatura in Gefahr bringen könnte. Die grösste Macht in Kuba ist das Militär. Die Generäle haben nicht nur die Waffen, sondern auch 70 Prozent der kubanischen Wirtschaft in ihren Händen. Und diese Militärs gelten nicht als besonders beweglich und reformfreudig. Raúls Glück: Er war ein halbes Jahrhundert lang Verteidigungsminister und ist noch heute der ranghöchste Militär.

Ein grosser Fehler

Raúl wird Kuba kaum derart grundlegend verändern, dass plötzlich andere Kräfte ihn und die Seinen hinwegfegen können. Es gibt zu viele Menschen in Kuba und vor allem in Miami, die Raúl und seine Getreuen zur Rechenschaft ziehen wollen. Wenn schon Fidel nicht büssen musste, dann wenigstens der andere Castro. Ein Ende vor Gericht oder gar im Gefängnis, das wird der alte Raúl Castro mit allen Mitteln verhindern, solange er die Macht und Kraft dazu hat.

Vielleicht ist es gut, dass Fidel gestorben ist, kurz bevor Trump Präsident der USA wird. Ein Mann, der allem Anschein nach weniger nett sein wird mit Kuba als Obama. Raúl ist jetzt wichtiger denn je für Kuba. Ohne Fidel wird sich zeigen, wer und wie Raúl wirklich ist. Es liegt in seinen Händen, ob er dem eigenen Volk oder ausländischen Investoren mehr Rechte und Freiheiten geben will. Bis jetzt hat Raúl das Geld aus dem Ausland bevorzugt behandelt. Ein grosser Fehler.

Viel Zeit bleibt Raúl Castro nicht mehr. Er ist alt, und im Februar 2018 tritt er als Staatspräsident ab. Sein Name ist bereits auf seinem Grabstein eingraviert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.11.2016, 22:44 Uhr

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