Realität bedeutet nichts

Der US-Präsident inszeniert sich als das Opfer einer Verschwörung linker Bürokraten. Eine paranoide Theorie. Doch der Trick funktioniert.

Donald Trump arbeitet an seiner ganz eigenen Realität.

Donald Trump arbeitet an seiner ganz eigenen Realität.

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In der Soziologie gibt es das sogenannte Thomas-Theorem. Es lautet: Wenn Menschen Situationen als real definieren, dann sind auch ihre Handlungsfolgen real. Anders gesagt: Es mag zwar Tatsachen geben, eine objektive Realität, die sich beweisen oder widerlegen lässt. Aber diese Realität bedeutet nichts. Entscheidend für das Verhalten von Menschen ist deren subjektive Wirklichkeit, so sehr diese auch von der objektiven Realität abweicht. Was ein Mensch für die Wahrheit hält, ist wichtiger für dessen Handlungen als das, was die Wahrheit ist.

Wie das Thomas-Theorem in der Praxis funktioniert, kann man derzeit in den USA studieren. Dort haben der Präsident und die Regierungspartei einen Feldversuch begonnen, ein gesellschaftliches Experiment: Wenn die objektive Realität unangenehm und gefährlich ist - lässt sich dann eine günstigere subjektive Wahrheit konstruieren? Eine, an die genügend Wähler glauben, sodass der Präsident und die Partei ihre Macht behalten können?

Das ist der Grund dafür, dass Donald Trump und die Republikaner am Freitag jenes ominöse Memorandum veröffentlicht haben, in welchem dem Justizministerium und dem FBI vorgeworfen wird, gegen den Präsidenten zu arbeiten. Die objektive Realität ist: Gegen Trump und etliche Leute aus seinem Umfeld besteht der begründete Verdacht, im Wahlkampf 2016 von der russischen Sabotageaktion gegen die Demokratin Hillary Clinton gewusst und später die Aufklärung durch die Justiz behindert zu haben. Die Ermittlungen laufen noch. Doch liessen sich diese Vorwürfe erhärten, so wäre Trump ein illegitimer Präsident, ein Straftäter, vielleicht sogar ein Landesverräter.

Das Risiko, dass es so weit kommt, können Trump und die Republikaner nicht eingehen. Also basteln sie für ihre Anhänger eine subjektive Wirklichkeit - eine alternative, gefühlte Wahrheit. Demnach ist der Präsident das Opfer einer Verschwörung unpatriotischer, linker Bürokraten im Sicherheitsapparat. Der «tiefe Staat», so wird geraunt, wolle Trump mit erfundenen Anschuldigungen und gefälschten Beweisen aus dem Amt drängen. Putsch! Als Beleg für diese Behauptungen dient eben jenes Memo, in dem nach Meinung von Trumps Anhängern die ganze Schweinerei jetzt endlich offengelegt wird.

Die Amerikaner sollen nicht mehr wissen, was richtig ist und was falsch Das ist eine bizarre, paranoide Theorie. Ihre Absurdität wird allenfalls noch davon übertroffen, dass der angebliche Beweis für den vermeintlichen Coup d'État ein Dokument ist, das von einem glühenden Anhänger dieser Theorie verfasst wurde. Das ist so, als beauftragten Amerikas Karottenfarmer den fanatischen Karottenfresser Bugs Bunny damit, einmal aufzuschreiben, wie gut Karotten schmecken.

Aber, und damit ist man wieder beim Thomas-Theorem, der Trick funktioniert. Die grosse Mehrheit der republikanischen Wähler glaubt inzwischen, dass ihr Präsident das Opfer einer «Hexenjagd» ist, dass im Justizministerium und im FBI lauter böse Trump-Feinde sitzen. Das ist die Realität, wie die Republikaner sie definieren und auf deren Grundlage sie handeln. Wenn sie dabei das Vertrauen in die Institutionen zerstören, auf denen der amerikanische Rechtsstaat ruht - sei's drum.

Trump erreicht damit, was er erreichen will. Sein politisches Überleben hängt davon ab, dass die Amerikaner nicht mehr wissen, was richtig ist und was falsch. Und dazu muss er die Grenze verwischen zwischen der Wahrheit und der Unwahrheit. Damit Trump siegt, muss die Lüge siegen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2018, 12:37 Uhr

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