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Rettungsplan für Griechenland «zum Scheitern verurteilt»

Argentinien hat aus seinem Staatsbankrott gelernt: Dort glaubt niemand an den Erfolg des Rettungsplans für Griechenland. Der einzige Ausweg sei Eigeninitiative.

Ohne Staatshilfe zum Erfolg: Arbeiter der Wollverarbeitungsgenossenschaft Lavalan in Argentinien.
Ohne Staatshilfe zum Erfolg: Arbeiter der Wollverarbeitungsgenossenschaft Lavalan in Argentinien.

Als die Volkswirtschaft in Argentinien 2001 zusammenbrach und das Land seine Schulden in Rekordhöhe von 95 Milliarden Dollar (77 Milliarden Euro) nicht mehr bedienen konnte, arbeiteten Gregorio Lopez und seine Kollegen in dem Wollverarbeitungsbetrieb Lavalan ein Jahr lang ohne Lohn. Sie verhinderten, dass Gläubiger das Werk ausräumten, und bezogen dabei Prügel von der Polizei. Am Ende mussten sie den Laden selbst übernehmen und eine Genossenschaft gründen, um ihre Arbeitsplätze zu retten.

«Das war wirklich übel», sagt Lopez. «Niemand hat uns unterstützt, die Regierung nicht, nicht einmal die Gewerkschaften. Unser einziger Ausweg war, es selbst in die Hand zu nehmen.»

Im Alleingang aus der Krise

Auch Argentinien stand alleine da, als es die drastischen Sparvorgaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) als Bedingung für frische Kredite nicht erfüllen konnte. In vielfacher Hinsicht stand das Land 2001 da, wo Griechenland und andere südeuropäische Länder heute stehen: Die Wirtschaft lahmt, Firmen gehen pleite, und haufenweise Schulden werden fällig. Doch statt eines billiardenschweren Nothilfeprogramms bekam Argentinien die kalte Schulter gezeigt.

Das europäische Rettungspaket hat zumindest das Schlimmste - einen Dominoeffekt, der den Euro und gar die Europäische Union mitreissen könnte - verhindert. Argentinien hatte keine Wahl. Es musste sich selbst aus der Krise strampeln, ohne Hilfe.

Doch so allein auf weiter Flur ging es aufwärts. Argentinien erhöhte die Staatsausgaben, um die Wirtschaft anzukurbeln, und steigerte sein Bruttoinlandsprodukt seit 2003 um mehr als 50 Prozent.

Magere Jahre voraus

Die Erfahrung Argentiniens zeigt für Präsidentin Cristina Fernandez, dass ein harter Sparkurs in einer Schuldenkrise genau das falsche Mittel und der europäische Rettungsplan daher «zum Scheitern verurteilt» sei. «Man muss kein Wirtschaftswissenschaftler sein, um zu wissen, dass man mit einer Verringerung der Wirtschaftstätigkeit erst recht die Fähigkeit zur Schuldentilgung verringert», erklärte sie kürzlich. «Es ist klar, dass man dann nicht zurückzahlen kann, was man geliehen bekommt.»

Selbst Befürworter des EU-Rettungsschirms räumen ein, dass Griechenland wie auch Portugal, Spanien und andere hochverschuldete europäische Länder jetzt magere Jahre der Lohnkürzungen und Steuererhöhungen vor sich haben, wenn sie eine Chance haben wollen, einen Staatsbankrott zu vermeiden. Doch seine Finanzen in Ordnung zu bringen, sei das beste Rezept für Wachstum, bekräftigte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet kürzlich. Es sei ein «kompletter Trugschluss» anzunehmen, dass eine solide Haushaltspolitik das Wachstum dämpfe. «Genau das Gegenteil ist der Fall.»

IWF zog die Kreditzügel an

Argentinien sieht das ganz anders. Jahrelang war das Land brav der Wirtschaftsdoktrin Washingtons gefolgt: öffentliche Dienstleistungen privatisieren, Handelsschranken abbauen, saftige Kredite aufnehmen und den Peso eins zu eins an den Dollar koppeln. Dann begann die Wirtschaft Ende der 90er zu lahmen, und Argentinien stellte fest, dass es mehr gepumpt hatte, als es zurückzahlen konnte.

Der IWF, der in besseren Zeiten grosszügig Kredit gegeben hatte, machte drastische Kürzungen der Bezüge im öffentlichen Dienst und der Renten zur Bedingung für frisches Geld - zu sechs Prozent Zinsen, was die Argentinier unanständig hoch fanden. Wirtschaftsminister Ricardo Lopez Murphy musste im Frühjahr 2001 ein Sparprogramm verkünden: Haushaltskürzungen in Milliardenhöhe, darunter drastische Einschnitte bei den Bildungsausgaben. Protestdemonstrationen folgten, er trat wenige Tage später zurück.

Doch die Wirtschaft schrumpfte weiter, und Kreditzahlungen wurden fällig. Unpopuläre Sparmassnahmen waren politisch nicht durchzusetzen, Argentinien kapitulierte: Es erklärte sich für zahlungsunfähig und wertete den Peso ab. Über Nacht verloren die Bürger einen grossen Teil ihrer Vermögen. Der Geldumlauf erlahmte. Die Wirtschaft kam praktisch zum Erliegen.

«Argentinien verbrennt seine Reserven»

Unter Fernandez Ehemann und Amtsvorgänger Präsident Nestor Kirchner begann es ab 2003 wieder aufwärts zu gehen. Die Kirchners verbündeten sich mit den Gewerkschaften, um die Löhne zu erhöhen und politisch destabilisierende Proteste abzuwürgen. Ein grosser Teile der Arbeitsplätze wird heute direkt subventioniert. Steigende Preise für Soja und andere Rohstoffe sorgten ebenfalls für Schub.

Doch viele befürchten inzwischen, dass Argentinien auf dem Rückweg in die Vergangenheit ist und aus der Krise in Europa die falschen Schlüsse ziehen könnte. Um die hohen Staatsausgaben aufrechtzuerhalten, hat Fernandez die Notenbankreserven und die verstaatlichten Pensionsfonds angezapft und eingewilligt, auf einen Sieben-Milliarden-Dollar Kredit Venezuelas saftige 15 Prozent Zinsen zu berappen.

«Argentinien verbrennt seine Reserven. Es hat keine Investitionen, es hat keine Ersparnisse, es hat keinen Wirtschaftsplan. Es lebt für den Augenblick», warnt der Finanzexperte Marcelo de las Carreras aus Buenos Aires. «Früher oder später wird es an die Wand fahren, weil das Geld ausgeht. Ein Land braucht einen Plan, Vermögen aufzubauen, nicht nur es auszugeben.»

Kooperativen als Vorbild

Wenn die Krise zuschlägt, trifft sie Geringverdiener oft am härtesten. In Argentinien schritten manche damals zur Selbsthilfe und besetzten ihre Unternehmen, um ihre Arbeit zu behalten. Bei Lavalan ist der Betrieb jetzt verschlankt und läuft: 44 Beschäftigte ohne Chef verarbeiten pro Saison 2000 Tonnen Wolle und nehmen fast eine Million Euro ein. Nach ihrem Vorbild arbeiten inzwischen rund 200 Betriebe mit 15'000 Beschäftigten auf genossenschaftlicher Basis.

Lopez hofft, dass die Arbeiter in Griechenland etwas Ähnliches auf die Beine stellen. «Arbeit zu haben, ist das Wichtigste», sagt er. «Hoffentlich bekommen sie die Hilfe, die sie brauchen, und müssen nicht das gleiche durchmachen wie wir.»

ddp/Michael Warren/ap

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