Rückspiel im Feindesland

Die US-Demokraten haben den Schock nach der Trump-Wahl verdaut. Sie könnten sich schon bald ein Stück Macht zurückholen – selbst im erzkonservativen Texas.

Treffen der Republikaner in Texas: Die Demokraten hoffen, einige von ihnen als Wähler zu gewinnen. Foto: Chip Somodevilla (Keystone)

Treffen der Republikaner in Texas: Die Demokraten hoffen, einige von ihnen als Wähler zu gewinnen. Foto: Chip Somodevilla (Keystone)

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Das Büro der Demokraten in Hill County ist in einem alten Wohnwagen untergebracht. Drinnen ist es stickig, eine Klimaanlage rattert mühsam gegen die Frühsommerhitze an. «Alles nur vorläufig», sagt Thomas Hanson, der Parteivorsitzende in diesem Landkreis in der Mitte von Texas. Hanson renoviert gerade das Holzhaus neben dem Wohnwagen, und wenn er fertig ist, wird mit ihm auch die Demokratische Partei in schönere Räume umziehen.

Bis dahin ist die karge Unterbringung ein passendes Bild für den Zustand der Demokraten in Texas. Der Bundesstaat ist fest in republikanischer Hand, die Konservativen sind hier eine Art Naturgewalt. Aber das soll sich ändern. Die Demokraten in Texas renovieren, und schon nächstes Jahr bei der Kongresswahl soll eine neue, schöne Zukunft beginnen. «2018 werden wir einige Veränderungen sehen», sagt Hanson voraus.

Dienstag, 6. November 2018 – an dieses Datum klammern sich die Demokraten in den ganzen USA derzeit. An diesem Tag finden die sogenannten Midterm Elections statt, die Kongresswahlen zwischen zwei Präsidentschaftswahlen. Das gesamte Abgeordnetenhaus und ein Drittel des Senats stehen zur Wahl, und traditionell verliert dabei die Partei des Präsidenten. Die Demokraten haben zwar kaum Chancen, den Senat zurückzuerobern. Aber sie hoffen auf Erfolge im Repräsentantenhaus, wenn alles gut läuft, sogar auf die Machtübernahme in der Parlamentskammer.

Ein gutes Gefühl

Um das zu schaffen, müssen die Demokraten freilich einen ganzen Haufen Sitze hinzugewinnen – 24, und zwar netto. Das wiederum kann nur gelingen, wenn sie einige gegnerische Hochburgen in «roten», republikanischen Bundesstaaten wie Texas erobern. Aber die Demokraten setzen auf einen mächtigen Helfer: Präsident Donald Trump. Der Republikaner regiert noch kein halbes Jahr, doch seine Zustimmungsraten haben bereits historische Tiefststände erreicht. Der harte Kern seiner Anhänger hält zwar weiter zu Trump, aber vielen moderaten Republikanern und Wechselwählern ist der Präsident nicht mehr geheuer. «Sehr viele Trump-Wähler hier meinen inzwischen, dass sie einen Fehler gemacht haben», sagt Hanson.

Diese Wähler wollen Hanson und seine Parteifreunde einsammeln. Und egal, wo man in Texas mit demokratischen Parteileuten redet: Sie haben ein gutes Gefühl, wenn sie an 2018 denken. Die Partei stand nach Trumps Wahlsieg im November zunächst unter Schock, dann versank sie in Trauer und Apathie. Jetzt rappeln die Demokraten sich wieder auf, motiviert vom Chaos, das Trump anrichtet.

Wer sind wir? Was wollen wir?

«Es kommen deutlich mehr Leute zu den Parteitreffen, die als Freiwillige arbeiten wollen, und wir bekommen sehr viel mehr Spenden», sagt Mary Duty, die Vorsitzende der Demokraten in McLennan County, dem Nachbarlandkreis von Hill County. Zum ersten Mal seit zehn Jahren hat Duty wieder genug Geld und Unterstützer, um in der Kreisstadt Waco dauerhaft ein Parteibüro unterhalten zu können.

Ermutigend ist für die lokalen Funktionäre auch, dass die Demokraten in Texas jetzt mehr Bürger finden, die für die Partei bei Wahlen antreten wollen. Die Demokraten galten früher als Verlierertruppe, «die Leute hatten Angst anzutreten», sagt Duty. Mit guten Gründen: «Es gab Jahre, da hätte Jesus Christus persönlich für uns auf dem Wahlzettel stehen können, und die Wähler hätten trotzdem für den republikanischen Kandidaten gestimmt.» Das, so hofft Mary Duty, hat sich geändert.

Allerdings ist es ein weiter Weg von einer kampfbereiten demokratischen Parteibasis, die im Wahlkampf hilft, Geld spendet und kandidiert, bis zu einem Wahlsieg. Um Kongresssitze zu gewinnen, müssen die Demokraten jene Bürger von sich überzeugen, die bisher entweder gar nicht oder republikanisch gewählt haben. Und dabei ringen auch Demokraten in Texas mit der Frage, die seit Trumps Wahlsieg die Partei umtreibt: Wer sind wir, und was wollen wir?

Es gibt bei den Demokraten derzeit niemanden, der seiner Partei einen Kurs vorgibt. Alt-Präsident Barack Obama liefert sich gelegentlich kleine Duelle mit Donald Trump, aber er führt die Demokraten nicht mehr. Es gibt einen linksliberalen, antikapitalistischen, revolutionär gestimmten Parteiflügel, an dessen Spitze die Senatoren Bernie Sanders und Elizabeth Warren stehen. Zu diesem Flügel gehören die meisten der jungen Parteianhänger mit dem Schlachtruf «Resist!». Für sie sind die Demokraten die Partei, welche die Rechte von Frauen, Minderheiten, Einwanderern und Muslimen verteidigt, die für Umweltschutz und mehr Sozialleistungen streitet.

Ob freilich die Ideale des linken Flügels taugen, um 2018 enttäuschte Republikaner oder unabhängige Wähler ins demokratische Lager zu ziehen, ist offen. Mary Duty ist sich da nicht so sicher. Sie beklagt, dass es den Republikanern immer wieder gelinge, die Demokraten als elitäre, unpatriotische Sensibelchen darzustellen, als Leute, die sich vor allem um Homosexuelle, Schwarze und illegale Immigranten kümmerten und zudem den Amerikanern ihre Waffen wegnehmen wollen. In den grossen Städten wie Dallas oder Austin, wo die Demokraten erfolgreich sind, sind das vielleicht die richtigen Positionen. Doch bei den stockkonservativen Wählern auf dem Land in Texas schadet dieser Ruf den Demokraten gewaltig. «Wir sind die Partei, die mit einem Caffè Latte zu einer Schiesserei kommt», sagt Duty.

Schulen haben kein Geld mehr

Wenn die Demokraten in Texas gewinnen wollten, müssten sie weniger über Nischenthemen reden, sondern über Dinge, von denen die Bürger täglich betroffen seien, sagt Duty. Zum Beispiel über den Versuch der Republikaner, Obamas Gesundheitsreform rückgängig zu machen, was viele ärmere Texaner hart treffen würde. Oder über Schulen. Um fünf Millionen Dollar haben die Republikaner im texanischen Parlament den Bildungsetat gekürzt. Viele Schulen haben kein Geld mehr, um Fremdsprachen, Musik oder Kunst zu unterrichten. Und noch schlimmer: Einige Schulen können sich keine Footballteams mehr leisten. Doch wenn etwas zum Familienleben in Texas dazugehört, dann ist es das Footballspiel des Sohnes am Freitagabend. Mit diesen Themen liessen sich mehr Stimmen gewinnen als mit dem ganzen Gerede über Trump und Russland, davon ist Duty überzeugt. «Wir müssen den Leuten zeigen, was wir für sie tun können», sagt Duty. «Es reicht nicht, nur ‹Resist Trump!› zu rufen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 20:15 Uhr

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