Russische Komiker provozieren USA mit Anruf von «Ueli Maurer»

Wie der Schweizer Finanzminister zur zweifelhaften Ehre kam, Donald Trumps Sonderbeauftragten für Venezuela zu ärgern.

Opfer eines Telefonstreichs: Ex-Diplomat und Anwalt Elliott Abrams (71) droht bei Widerstand gegen seine Anweisung an den vermeintlichen Anrufer aus der Schweiz mit einer Klage.

Opfer eines Telefonstreichs: Ex-Diplomat und Anwalt Elliott Abrams (71) droht bei Widerstand gegen seine Anweisung an den vermeintlichen Anrufer aus der Schweiz mit einer Klage. Bild: Keystone

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Ein bisschen Menschen- und Sprachkenntnis kann nie schaden, auch einem Politiker nicht, und einem US-Politiker schon gar nicht. Das zeigt der Telefonscherz, auf den angeblich Elliott Abrams hereingefallen ist, der von Donald Trump ernannte Sonderbeauftragte für Venezuela.

Die Geschichte vom inszenierten Gespräch zwischen Abrams und Bundesrat Ueli Maurer verbreiten die russischen Medien Sputniknews.com und Russia Today. Das sind erfahrungsgemäss keine sehr zuverlässigen Quellen. Es deutet aber einiges darauf hin, dass die Gespräche zwischen dem angeblichen Ueli Maurer und Abrams tatsächlich stattgefunden haben. Und sie haben auch bei einem seriösen Portal sowie bei venezolanischen Politikern ihren Niederschlag gefunden.

Heuchelei und Arroganz der US-Interventionspolitik

Aber der Reihe nach. Zunächst, wer ist überhaupt Elliott Abrams? Ein Mann mit derart zwielichtiger Vergangenheit, dass wohl nur Donald Trump auf die Idee kommen kann, ihn mit der Lösung einer so vertrackten und gefährlichen Situation zu beauftragen, wie sie sich gegenwärtig in Venezuela präsentiert.

Der 71-jährige Ex-Diplomat und Anwalt gehört zu jenen, die während des Kalten Krieges alles für legitim hielten, wenn es nur dazu diente, die Machtübernahme von kommunistischen oder linken Regierungen in Lateinamerika zu verhindern. Deshalb verteidigte Abrams den guatemaltekischen Diktator Efrain Rios Montt, verharmloste ein Massaker in El Salvador und belog im Zusammenhang mit der Iran/Contra-Affäre unter Eid den Kongress. Laut Recherchen der britischen Zeitung «Observer» soll er überdies 2002 vom geplanten Putsch gegen den damaligen venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez gewusst und diesen befürwortet haben.

Kurz: Abrams verkörpert aus lateinamerikanischer Sicht die Heuchelei und Arroganz der US-Interventionspolitik, an die sich nicht nur Linke mit Abscheu erinnern. Abrams als Sonderbeauftragter für Venezuela – das spielt all jenen in die Hände, die behaupten, es gehe der Supermacht nur darum, im südamerikanischen Land eine Marionettenregierung zu installieren und sich die Kontrolle über das venezolanische Erdöl zu sichern.

Englisch mit slawischem Akzent: So spricht Ueli Maurer – im Bild der echte – mit Alexei Stoljarows Stimme. Foto: Keystone

Diesen Abrams also kontaktierten die beiden russischen Komiker Wladimir Kusnezow und Alexei Stoljarow im Namen von Ueli Maurer. Angeblich gelang es ihnen nach einigem Mailverkehr, telefonisch durchgestellt zu werden.

Das Gespräch, das am 19. Februar stattgefunden haben soll, hat Sputniknews als Tondokument publiziert, und dabei fällt zweierlei auf. Erstens hat es Abrams offensichtlich versäumt nachzuschauen, wie alt der Vorsteher des Eidgenössischen Finanzdepartements ist. Denn die Stimme von Stoljarow, der Ueli Maurer spielt, kann nie und nimmer jene eines 68-jährigen sein.

Und zweitens scheint es dem weitgereisten und weltgewandten US-Diplomaten nicht aufzufallen, dass da ein Schweizer Bundesrat zwar einigermassen fliessend Englisch spricht, aber mit deutlich hörbarem slawischem Akzent. Das könnte Zweifel an der Echtheit der Aufnahme wecken. Allerdings klingt Abrams’ Stimme authentisch.

Vermeintliche Vermögen von Vertrauten Maduros

Wie auch immer: Der angebliche Ueli Maurer teilt Abrams mit, die Schweizer Behörden hätten auf hiesigen Bankkonten Vermögen von Personen gefunden, die zum Inneren Machtzirkel des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro gehörten. Und Konten venezolanischer Unternehmen, etwa des staatlichen Erdölkonzerns PDVSA.

Der falsche Bundesrat betont, man habe im Zusammenhang mit den Konten keinerlei Rechtsverstösse festgestellt. Dennoch verlangt Abrams von der Schweiz, die Konten sofort zu sperren, und droht bei Widerstand gegen seine Anweisung mit einer Klage. Indem Schweizer Banken mit dem Maduro-Regime zusammenarbeiten, würden sie einen grossen Reputationsschaden riskieren. Darauf sei der angebliche Ueli Maurer eingeknickt.

«Vielleicht ist das Geld doch nicht dort.»Korrektur von Bloomberg

Später behaupteten die beiden Russen auch, sie hätten persönliche Vermögenswerte Maduros entdeckt, und dies auf den Konten eines «Baidilda-Fonds». Der Name des angeblichen Vermögensverwalters war frei erfunden. Für die vermeintlichen Maduro-Gelder interessierte sich auch Carlos Vecchio, den der oppositionelle Interimspräsident Juan Guaidó zum Botschafter seiner Regierung in den USA ernannt hat. Die beiden russischen Komiker erzählen, Vecchio habe sich mehrmals bei ihnen – also beim vermeintlichen Bundesrat Maurer – gemeldet.

Vecchios Behauptung, man habe auf einem «Baidilda-Fonds» veruntreute Maduro-Millionen gefunden, griff am 25. Februar auch das angesehene Wirtschaftsnachrichtenportal Bloomberg auf. Gestern publizierte Bloomberg eine Korrektur, in der das Newsportal Vecchio mit dem Satz zitiert: «Vielleicht ist das Geld doch nicht dort.»

Das Eidgenössische Finanzdepartement schreibt auf Anfrage: «Wir haben Kenntnis von der Geschichte und äussern uns nicht dazu.» Begeistert kommentiert hingegen Venezuelas Aussenminister Jorge Rodríguez auf Twitter: «Sie sind das mächtigste Imperium der Welt, und zwei russischen Komikern gelingt es, den Sonderbeauftragten für Regierungsumstürze und andere Freundlichkeiten lächerlich zu machen. Wenn es nicht so tragisch wäre, könnte man darüber lachen.»

Vergangene Woche erlitt Maduro im Kampf gegen seinen Widersacher Guaidó eine schmerzhafte Niederlage: Er musste den Oppositionellen, der sich unerlaubterweise auf eine Reise durch mehrere lateinamerikanische Länder gewagt hatte, ungehindert und unter den Augen der Weltöffentlichkeit wieder in Venezuela einreisen lassen. Zuvor hatte er ihm die Regierung mit sofortiger Verhaftung gedroht. Dass sich nun Elliott Abrams und Carlos Vecchio öffentlich gedemütigt sehen, empfindet die Regierung in Caracas als willkommene kleine Revanche – und als Beweis, dass die USA in Lateinamerika noch immer mit derselben Arroganz auftreten wie früher.

Das korrupteste Land Lateinamerikas

Die Geschichte ist aber auch ein Beispiel dafür, wie man dank Manipulation und Social Media Nebelgranaten wirft. Denn unter der sogenannten Bolivarianischen Revolution ist eine korrupte, parasitäre Clique entstanden, genannt «boliburguesía» (aus Bolívar und Burguesía, Bürgertum). Viele dieser Günstlinge geniessen ihren Reichtum in Miami.

Laut der Organisation Transparency International ist Venezuela das korrupteste Land Lateinamerikas und gehört zu den zwölf korruptesten weltweit. Ende 2018 hat ein ehemaliger Direktor von PDVSA gegenüber der US-Justiz zugegeben, an Diebstahl und Weisswäscherei von insgesamt 1,2 Milliarden Dollar beteiligt gewesen zu sein. Im selben Zusammenhang ist der ehemalige Julius-Bär-Banker Matthias Krull in den Vereinigten Staaten zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Die Liste an Korruptionsfällen liesse sich verlängern.

Doch wann immer in Zukunft Hinweise auftauchen, jemand aus Maduros Umfeld habe Geld aus zweifelhaften Quellen versteckt, wann immer Ermittler tatsächlich ein Schwarzgeldkonto finden – dann werden Episoden wie jene mit den zwei russischen Komikern und Ueli Maurer dafür herhalten müssen, alles als neuer Fall von Fake News abzutun. Daran sind Abrams und Vecchio wegen ihrer Leichtgläubigkeit und mangelnder Sorgfalt mitschuldig. Am Korruptionssumpf namens Bolivarianische Revolution ändert dies nichts.

Erstellt: 07.03.2019, 16:23 Uhr

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