Sanders bleibt der Favoritin auf den Fersen

Hillary Clinton tut sich schwerer als erwartet: Sie könnte heute in mehreren US-Staaten verlieren.

Auf der Pirsch: Bernie Sanders hofft, der Favoritin Hillary Clinton im Westen zusetzen zu können.

Auf der Pirsch: Bernie Sanders hofft, der Favoritin Hillary Clinton im Westen zusetzen zu können. Bild: Jim Young/Reuters

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«Bei jeder Wahl wird über die Zukunft gegen die Vergangenheit entschieden», bemerkte Bill Clinton einmal. Treffend hat der Ex-Präsident damit das Dilemma seiner Ehefrau beschrieben. Hillary Clinton hat beim Vorwahlkampf zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei erheblich mehr Mühe als erwartet. Zäh bleibt ihr der linke Senator Bernie Sanders auf den Fersen, für die grosse Mehrheit junger Wähler repräsentiert der 74-jährige aus Vermont die Zukunft, Hillary dagegen die Vergangenheit.

Nachdem Sanders vergangene Woche in Michigan einen unerwarteten Sieg über Clinton errungen hatte, witterte der Held der Jungen Morgenluft. «Ich glaube, die Zukunft sieht gut für uns aus», sagte er mit Blick auf kommende Wahlentscheidungen in Bundesstaaten mit kleineren afroamerikanischen Wähleranteilen. Hillary räumte im amerikanischen Süden mit seiner mehrheitlich schwarzen demokratischen Wählerschaft ab, Bernie Sanders hofft jedoch, der Favoritin im Westen sowie in mittwestlichen Staaten wie Ohio und Illinois zusetzen zu können.

Sanders weiss die Jungen hinter sich

Dort fallen heute ebenso Entscheidungen wie im Südstaat North Carolina, in Florida und in Missouri. Clinton dürfte in Florida und North Carolina siegen, aber stolperte sie im mittleren Westen neuerlich, könnte der demokratische Wahlkampf bis Juni andauern und Sanders mit einer ansehnlichen Zahl von Delegierten auf dem demokratischen Parteitag im Juli in Philadelphia erscheinen. Er weiss die Jungen und den progressiven Flügel der Demokratischen Partei hinter sich, auch mangelt es dem Senator nicht an Geld.

«Hillary hat Sie niemals mehr gebraucht als im Moment», bettelte Clintons Wahlkampfmanager Robby Mook per Mail nach der Pleite in Michigan bei ihren Anhängern um Spenden. Die ehemalige Aussenministerin hat auch deshalb Probleme, weil sie in ihrer langen Laufbahn eine Reihe politischer Fehlentscheidungen getroffen hat. Da war 2002 das Votum für George W. Bushs Krieg im Irak, da war ihr heftiger anfänglicher Widerstand gegen die Homoehe. Ausserdem gab es ihre Reden vor Bankern an der Wallstreet, vor allem eine Rede bei Goldman Sachs, die mit 225'000 Dollar honoriert wurde.

Für derart viel Geld, stichelte Sanders kürzlich, müsse Clinton «eine brillante Rede» gehalten haben. Ihre Unterstützung für Freihandelsverträge wie das mit Mexiko und Kanada abgeschlossene Nafta-Abkommen ist ebenfalls zu einer politischen Belastung geworden. Donald Trump profitiert vom wachsenden Widerstand gegen den Freihandel auf der republikanischen, Bernie Sanders auf der demokratischen Seite.

Mächtige stehen hinter Clinton

Doch selbst wenn Sanders heute neuerlich Siege – etwa in Missouri oder ausgerechnet in Clintons Heimatstaat Illinois – verzeichnen könnte, wird es schwer für den Senator werden: Weit liegt Clinton bei der Zahl der Delegierten in Führung, vor allem die sogenannten Super-Delegierten, also wohlhabende Demokraten und Amtsträger, stehen nahezu geschlossen hinter ihr. Da die sonstigen demokratischen Delegierten je nach Wahlergebnis proportional verteilt werden, müsste Sanders fast alle verbleibenden Staaten überzeugend gewinnen, um die Favoritin zu überflügeln.

Schon jetzt aber sind Sanders’ Erfolge ein Warnzeichen für das demokratische Establishment in Washington: Hillary Clinton muss um die Nominierung kämpfen und schafft sich im Wahlkampf neue Probleme. So etwa vergangene Woche, als sie beim Begräbnis von Nancy Reagan die verstorbene First Lady für ihren Einsatz gegen Aids lobte. Tatsächlich blieben die Reagans beschämend teilnahmslos in den ersten Jahren der Epidemie. Nach Protesten von Schwulen musste Hillary sich entschuldigen, der Vorfall offenbarte erneut mangelndes Urteilsvermögen.

Dass ihr laut Umfragen weit über die Hälfte der Amerikaner misstraut, ist gleichfalls kein gutes Omen. Es sei für sie «schmerzlich, das zu hören», kommentierte die Kandidatin kürzlich diesen Mangel an Vertrauen. Bernie Sanders dürfte nicht der Einzige sein, der davon profitiert. Im Wahlherbst könnte auch ein Republikaner, wer immer dies sein wird, davon profitieren.

Erstellt: 15.03.2016, 20:09 Uhr

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