Schiess, Grossmutter!

Die US-Waffenlobby publiziert Neuauflagen von Volksmärchen. Darin sind die Helden bewaffnet – und räumen auf.

«Ich glaube, ich werde heute nicht gefressen», sagte die Grossmutter. Illustration: NRA Family

«Ich glaube, ich werde heute nicht gefressen», sagte die Grossmutter. Illustration: NRA Family

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Märchen erzählen ist harte Arbeit. Wie erklärt man dem Kind, weshalb die alte Dame da in den Ofen geschoben wird? Tut es dem Rotkäppchen weh, wenn es vom Wolf gefressen wird? Dabei wäre all die Gewalt gar nicht nötig, findet die National Rifle Association (NRA), die mächtigste Waffenlobbygruppe der USA. «Haben Sie sich je gefragt, wie diese Märchen klingen würden, wenn die unglückseligen Rotkäppchen, Hänsel und Gretel mit Schusswaffen umgehen könnten?» Für ihr Projekt «Patrioten im Wachstum» hat die NRA nun einige Märchenklassiker umgeschrieben.

Und das klingt so: «Es waren einmal zwei Geschwister, Hänsel und Gretel, die lebten mit ihren Eltern in einer Hütte am Waldrand. Die Zeiten waren hart, und die Familie kam, wie viele im Dorf, kaum über die Runden.» Die Kinder werden dann nicht im Wald ausgesetzt, sondern ziehen selber los, um zu jagen und der Familie mit Fleisch zu helfen. «Zum Glück hatten die beiden gelernt, wie man sicher mit Waffen umgeht.» Tief im Wald, wo sie nicht sein sollten, gelangen sie zum Lebkuchenhaus der Hexe. Doch sie sind gedrillt und wissen, dass «es nicht sicher ist, mit Fremden zu sprechen». Trotz Hunger und Müdigkeit gehen sie weiter. Dann aber hören sie aus dem Haus andere Kinder rufen. Gretel steht Wache mit dem Gewehr, die Mündung auf die schlafende Hexe gerichtet, Hänsel befreit die Gefangenen. Sicher daheim, mobilisieren die Kinder die Erwachsenen: «Dorfbewohner mit Gewehren und Pistolen ziehen in den Wald, Hänsel und Gretel gehen voran.» Ein Sheriff sorgt dafür, dass die Hexe weggebracht wird. Und die Erwachsenen jagen glücklich, bis alle satt sind.

Ängste bannen, aber richtig

In der Geschichte steckt alles, was den amerikanischen Paranoiker umtreibt. Unsichere Zeiten (Terroristen, Chinesen, ein Schwarzer im Weissen Haus), Gegenwehr und Selbsthilfe (Survivalism), Bevormundung; wehe der Hexe (oder der Umweltschutzbehörde), die uns das Jagen im Wald verbieten will. Das Wichtigste aber: Waffenbesitzer sind die Guten. Sie schiessen nicht um sich, sondern entschärfen gefährliche Situationen kontrolliert. «Ich glaube, ich werde heute nicht gefressen», sagt die Grossmutter cool in «Rotkäppchen (bewaffnet)» und richtet die Flinte auf den Wolf. Das ist die Logik der Waffenlobby: Waffen richten kein Gemetzel an; sie verhindern es. Deshalb fordern sie nach jedem Amoklauf an einer Schule, Lehrer und Schüler zu bewaffnen.

Für die National Rifle Association sind die Märchen Teil einer Strategie. Ihr geht es nicht mehr um den Schutz bestehender Waffenrechte, sondern um deren Ausbau. Sie kämpft für Waffen in Unihörsälen, in Bars, in Discos. Selbst den anstehenden Parteitag der Republikaner soll man bewaffnet besuchen dürfen, was angesichts der Spannungen im Land eine kuriose Idee ist. Die Waffenlobby will in Bereiche des Alltags vordringen, die bis jetzt relativ waffenfrei waren. Das Kinderzimmer gehört dazu.

Perfektes Marketing

Beim Marketing macht sie alles richtig. Ihre Märchen sind «Mash-ups», also leicht veränderte Klassiker, und die sind derzeit ja populär im Kino und im Buchhandel. «Pride and Prejudice and Zombies», eine Nacherzählung des Jane-Austen-Romans «Stolz und Vorurteil» als Zombie-Massaker, war ein Hit. Der Film folgt diesen Sommer.Auch die Waffenmärchen könnten ihren Markt finden. Denn letztlich werden die Kinder (und Grossmütter) darin gestärkt – gegen den Wolf und was immer er an Trieben und Dunkelheit verkörpern mag. Will man da dagegen sein?

Kinder brauchten Märchen, um ihrer Ängste Herr zu werden, schrieb der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim vor bald 40 Jahren. «Wenn unsere Furcht, gefressen zu werden, die greifbare Gestalt einer Hexe annimmt, können wir uns von ihr befreien, indem wir die Hexe im Backofen verbrennen.»

Die Waffenmärchen erzählen eine andere Geschichte. Die Zeiten sind hart, der Wald voller Monster, doch wer bewaffnet ist, bleibt heil. Eine jämmerliche Moral. Die Monster, die den Attentätern von Newtown und Columbine im Kopf spukten, lassen sich nicht erschiessen.

Erstellt: 29.03.2016, 23:06 Uhr

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