Schlachtfeld Amerika

Um etwas gegen die vielen Morde zu tun, müssten die USA einem alten Mythos abschwören.

Protest vor dem Weissen Haus: Menschen machen sich nach dem Amoklauf an einer Schule in Florida für ein schärferes Waffengesetz in den USA stark. Bild: AP

Protest vor dem Weissen Haus: Menschen machen sich nach dem Amoklauf an einer Schule in Florida für ein schärferes Waffengesetz in den USA stark. Bild: AP

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«Bringt dieser Amoklauf nun schärfere Gesetze?», fragt das «Wall Street Journal».

«Wird diese Schiesserei unsere Waffenkultur verändern?», fragt der Radiosender NPR.

«Führt der Horror zu einem Umdenken in der Waffendebatte?», fragt CNN.

Diese Schlagzeilen sind alt. Zu lesen waren sie 2007, nach dem Amoklauf auf einem Universitätscampus in Virginia. 2012, nach dem Amoklauf an der Primarschule von Sandy Hook. Und 2017, nach dem Anschlag auf Konzertbesucher in Las Vegas. Dreimal ein Massaker.

Dreimal die Hoffnung, dass nun endlich etwas geschehe. Dreimal Enttäuschung.

Nun hoffen viele erneut. Auf den Zorn der Schülerinnen und Schüler, die das jüngste Grauen an einer Schule in Florida überlebt haben: Sie haben es zumindest schon mal geschafft, dass die Debatte über Amerikas Waffen länger geführt wird als nur ein paar Tage. Und auf Donald Trump, der als Präsident mit einer Mehrheit im Kongress wenigstens kleine Regulierungen durchsetzen könnte, gerade weil er als Republikaner mehr Spielraum hat als sein Vorgänger. «Wird diesmal alles anders?», fragt das Magazin «The Atlantic». Wahrscheinlicher ist, dass nichts passiert. Wieder nichts.

Unbequeme Wahrheiten

Damit wirklich etwas geschehen würde, müssten sich die Amerikaner ein paar unangenehmen Wahrheiten stellen. Da ist die schiere Zahl der Opfer, die der Waffenkult in den USA einfordert. Jedes Jahr sterben rund 33 000 Menschen durch eine Schusswaffe. Jeder dritte Amerikaner kennt jemanden, der durch eine Schusswaffe getötet oder verletzt wurde.

Jeden Tag landen 19 Kinder und Jugendliche wegen einer Schusswaffe in der Notaufnahme. Rund 1,5 Millionen Amerikaner haben seit 1968 ihr Leben durch Schusswaffen verloren – mehr als in all den Kriegen in Vietnam, Afghanistan und dem Irak zusammen. Kein Denkmal erinnert in Washington an diese Menschen, kein Platz ist nach ihnen benannt.

Bilder: Waffenlobby unter Beschuss

Und da ist das Geschäft mit Waffen, das ein lukratives ist. Knapp 9,5 Millionen Schusswaffen stellten amerikanische Firmen 2016 her, sie machten damit Milliardengewinne, doch zuletzt brachen die Verkaufszahlen ein. Es überrascht deshalb nicht, dass sich diese Industrie für Trumps Idee begeistert, Lehrer an Schulen zu bewaffnen, damit sie Amokläufer gleich selber niederschiessen können. «The Last Stand» im Klassenzimmer.

Wer angesichts all dieser Zahlen Fragen nach Sinn und Zusammenhängen stellt, bekommt oft eine Geschichte zu hören. Es ist die Geschichte von den Amerikanern, die schon seit frühester Zeit gewohnt sind, Waffen zu tragen. Die Geschichte ist ein Märchen.

«Orte im Grenzland gingen mit Waffen so um wie heute ein Restaurant in Boston mit Wintermänteln.»Adam Winkler, Verfassungsrechtler

Tatsächlich war der Waffenbesitz bis 1850 sehr eingeschränkt. Viele Bundesstaaten und fast alle grösseren Städte verboten im 19. Jahrhundert etwa das Tragen verdeckter Waffen, was heute gang und gäbe ist. Richtig wild war nicht einmal der Westen. «Orte im Grenzland gingen mit Waffen so um wie heute ein Restaurant in Boston mit Wintermänteln», schreibt der Verfassungsrechtler Adam Winkler in seiner Geschichte der Waffengesetze. «Neuankömmlinge mussten ihre Waffen im Tausch gegen einen Jeton an die Behörden abgeben.»

Das Geschick, die Debatte zu lenken

Die absolute Überhöhung der Waffe als Inbegriff alles Amerikanischen begann erst mit dem Wandel der Lobbyorganisation NRA in den 70er-Jahren. Die NRA war einmal ein unpolitischer Sportschützenverband. Dann bauten ihn rechte Kreise zu einem mächtigen Instrument um. Mächtig ist die NRA heute nicht wegen des Geldes, sondern wegen des Geschicks, die Debatte zu lenken. Denn eigentlich stehen viele Amerikaner schärferen Auflagen für Waffen positiv gegenüber. 89 Prozent sind zum Beispiel dafür, den Waffenverkauf an psychisch kranke Menschen einzuschränken. 96 Prozent begrüssen umfangreiche Background-Checks.

Anders sieht es aber aus, wenn aus konkreten Fragen abstrakte werden – wenn die Amerikaner entscheiden müssen, ob sie ganz grundsätzlich für schärfere Waffengesetze sind oder aber für ein möglichst uneingeschränktes Recht auf Waffenbesitz.

Dann zeigt sich in den Umfragen die Spaltung, wie sie in den USA bei allen Themen zu sehen ist, die an die Identität rühren. Und genau das ist die Stärke der Waffenlobby: dass sie es immer wieder schafft, Diskussionen über einzelne Massnahmen zu einer Identitätsfrage zu machen. Sie wird es auch jetzt wieder versuchen. Und, das lehrt die jüngere Geschichte in Amerika, sie wird damit Erfolg haben.


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Erstellt: 24.02.2018, 13:48 Uhr

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