Schutzlos ausgeliefert

Fieberhaft entwickeln China, Russland und die USA Hyperschallwaffen. Das bedroht das militärische Gleichgewicht.

Schneller als alle anderen Waffen – und schon bald im Einsatz? Darstellung der russischen Awangard-Rakete. Illustration: Tass

Schneller als alle anderen Waffen – und schon bald im Einsatz? Darstellung der russischen Awangard-Rakete. Illustration: Tass

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Das Wettrüsten hat längst begonnen. «Kein bestehendes oder absehbares Abwehrsystem eines potenziellen Feindes kann diese Waffe abfangen», sagte Wladimir Putin im Dezember. Gerade hatte der russische Präsident den Testflug der «Awangard» begleitet, einer Hyperschallwaffe, die nach 6000 Kilometer Flug ihr Ziel punktgenau getroffen haben soll.

Anfang Juli veröffentlichte China ein Video, das die Präzision seines eigenen Hyperschallgeschosses zeigt. Aus 2500 Kilometer Entfernung soll die DF-17-Rakete mit ihrem neuartigen Gefechtskopf ein «Todesurteil» gegen einen Flugzeugträger vollstrecken, vom Feind sei sie nicht aufzuhalten. Tatsächlich räumte Ende 2018 ein Bericht der US-Regierung ein: «Es gibt bisher keine Abwehrmöglichkeiten.»

Die grossen Abkommen laufen aus

Hyperschall, das bedeutet Geschwindigkeiten von mindestens Mach 5, fünffache Schallgeschwindigkeit, also mehr als 6000 km/h. Das ist mehr als doppelt so schnell wie die modernen Kampfjets, welche die Schweiz anschaffen will. Einige Hyperschallflugkörper sollen sogar Mach 10, 15 oder 20 erreichen. Da bleibt für die Angegriffenen kaum noch Zeit, zu reagieren. Zudem sollen die Waffen so tief fliegen, dass sie für Radar nur schwer zu erfassen sind. Und sie sollen lenkbar sein, eine Route verfolgen, die völlig unberechenbar ist.

Noch hat kein Land eine einsatzfähige Waffe dieser Art – auch wenn Putin behauptet, die Awangard werde noch in diesem Jahr an die Streitkräfte ausgeliefert. Vermutlich ist China mit seinem Projekt am weitesten fortgeschritten. Auch die USA investieren Milliarden Dollar in die Entwicklung solcher Waffensysteme. «Es muss eine oberste Priorität geben», sagte Michael Griffin, im Pentagon für Forschung zuständig, schon vor einem Jahr. «Meine oberste Priorität ist Hyperschall.» Der US-Kongress hat angeordnet, dass das Land bis Ende 2020 Hyperschallwaffen haben soll. Auch andere Länder haben eigene Projekte: Frankreich, Deutschland, Japan, Indien, Australien.

Die superschnellen Geschosse werden die globale Bedrohungslage grundlegend verändern – zu einer Zeit, in der internationale Abkommen zur Waffenkontrolle kaum noch Beachtung finden. Die USA haben Anfang 2019 das Abkommen mit Russland über die Beschränkung von Mittelstreckenraketen, den INF-Vertrag, auslaufen lassen. 2021 endet das russisch-amerikanische Abkommen «New Start» zur Kontrolle von Langstreckenraketen.

Besser wären Verhandlungen

China ist kein Vertragspartner der bisherigen Abkommen, es hat stattdessen sein Raketenarsenal kräftig ausgebaut. Bei Mittelstreckenraketen ist China wohl weltweit führend. Es besitzt ebenfalls Langstreckenraketen und betreibt ein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm.

Raketen können als Träger für Hyperschallwaffen eingesetzt werden. Diese müssen nicht einmal einen Sprengkopf haben, sie haben allein aufgrund ihrer Geschwindigkeit eine enorme Zerstörungskraft – ganz ohne radioaktive Verschmutzung. Aber sie könnten auch nuklear bestückt und damit zu einer existenziellen Bedrohung werden. Dessen sind sich die mächtigsten Staaten der Welt bewusst.

Statt sich ein neues Wettrüsten zu liefern, sollten sie dringend Verhandlungen zur Rüstungskontrolle aufnehmen. Doch weder die USA noch Russland und China haben derzeit Interesse an globalen Abkommen. Sie setzen auf Konfrontation.

Erstellt: 28.07.2019, 20:45 Uhr

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