Auf den Partys der Drogenkönige machen sie Musik

Chapo Guzmán wurde gefasst, weil er einen Film über sich drehen lassen wollte. Dabei hätte es auch ein Lied getan. Das ist die Welt der Drogenballaden.

Tuba und Raketenwerfer: Bandfoto der Buknas de Culiacan

Tuba und Raketenwerfer: Bandfoto der Buknas de Culiacan Bild: Narco Cultura

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Er suchte hochmütig den Ruhm, wollte sein Leben verfilmen lassen, seine eigene Apotheose im Blick, und zur Legende werden, ähnlich wie der sagenumwobene Pablo Escobar. Doch das wurde ihm zum Verhängnis, ihm, dem obersten aller Drogenkönige: Joaquín «El Chapo» Guzmán vom Sinaloa-Kartell. Jetzt sitzt der Narco-Chef im Kittchen. Demselben Kittchen, aus dem er erst gerade ausgebüxt war, in einer spektakulären Flucht, die weltweit für Schlagzeilen sorgte.

Doch diese Blauäugigkeit ist und soll nicht der einzige narzisstische Akt der Drogenbarone und deren Schmuggler sein:

Kleine Kerle sind immer unerschütterlich
So, wie es das Sprichwort sagt
Es wurde wieder bewiesen
Mit El Chapo Guzmán
Er durchlief das Gefängnis Puente Grande
Auf seinem Weg zurück nach Culiacán
Das Volk von Sinaloa
Hat eben ein grosses Ziel erreicht
Los Tucanes de Tijuana - El Chapo Guzmán

Man kennt es sonst allenthalben aus der Mittelalterliteratur, aus Fantasyromanen und -filmen. Barden und Troubadoure dichten heroische Geschichten am Hofe ihrer Könige, manchmal auch über fahrende Ritter, Volkshelden und dergleichen. Dasselbe Phänomen herrscht in Mexiko, dem Hauptschauplatz des Drogenkriegs in Lateinamerika. Dieses Phänomen nennt sich «Narcocorridos», Drogenballaden.

Die Musik gilt als eigenes Subgenre der nordmexikanischen Volksmusik. Weiss man nicht, was Narcocorridos sind, verwechselt man sie mit klassischer mexikanischer Musik mit Polka- und Walzerrhythmen. Sie sind fröhlich, vergnügt-heiter und tanzbar – die Texte sprechen aber eine ganz andere Sprache. Da ist nicht selten vom Köpfeabschneiden die Rede, von Folter, Mord und Todschlag, Drogen, leichten Mädchen und fetten Knarren. Auf europäische Ohren wirkt dieser Mix bisweilen grotesk.

Realität gegen Glorie

Nicht ganz zu Unrecht sehen einige Musikkritiker die Narcocorridos als mexikanisches Pendant zum amerikanischen Gangsta-Rap. Beide glorifizieren die Gewalt, das Geld und den Status, den ein unsicheres Leben als Verbrecher mit sich bringt.

Von Glorifizierung will aber beispielsweise Edgar Quintero von den Buknas de Culiacan nichts wissen. Im Dokfilm «Narco Cultura» behauptet er, er bilde nur die Realität ab. Falsch ist das nicht: Seine Stadt ist die 24.-gefährlichste Stadt der Welt, die zweitgefährlichste Mexikos, geht man nach der Mordrate. Derselbe Film zeigt in einer Szene, wie ein Strassenarbeiter nach einer Schiesserei literweise Blut in die Kanalisation wischt, während Polizisten den Ort abriegeln und die einen Anwohner schreien, die anderen weinen. Quintero sagt dazu: «Wenn es in Mexiko nicht so viel Gewalt gäbe, hätten wir nicht solche krassen Corridos.»

Wenig später nur skandiert die feiernde Menge auf einem Buknas-Konzert: «Was für eine Überraschung, dich auf meiner Ranch zu finden / Ich habe lange gewartet / Warum brachtest du so viele Auftragsmörder? / Ich hätte lieber viel Geld / Ich verstehe nicht, wovon du sprichst / Ich wurde bezahlt, dich zu töten.» Die Narco-Kultur sei eben voll im Trend, erklärt eine junge Frau, und eine andere meint, das sei halt ein Lifestyle, nicht zwingend ein guter, aber ein Lifestyle.

Ein Lifestyle, der Quintero vorlebt: Auf Instagram posiert er öfter mal mit Waffen - von Pistolen über Maschinengewehre bis hin zu Raketenwerfern -, schönen Frauen, Schmuck und Klamotten, seinen Freunden. Und dazwischen, bizarrerweise, gibt er sich als herziger Familienvater, der mit seinem Bub Glace essen geht.

Die Auftraggeber der Narco-Sänger

Doch die Narcocorrido-Kultur ist keineswegs «nur ein Lifestyle», denn die Sänger der Drogenballaden sind nicht nur zufällige Beistehende, die als Chronisten wirken. In ihrem Buch «Banda» schreibt Autorin Helena Simonett: «Kommissionierte Corridos sind signifikant für die Erschaffung und Perpetuierung des Selbstbildes von Narcos.» Tatsächlich entstehen die Balladen über Schmuggler und Barone nicht nur einfach so, sondern werden auch in Auftrag gegeben.

So sieht man im Dokfilm mit Quintero, wie er gerade Wünsche für ein Lied über den sich selbst «El Ghost» nennenden Narco entgegennimmt. «Üblicherweise übergibt der Kunde dem Liedermacher eine Liste biografischer Daten, die er im Lied haben will», schreibt Simonett in ihrem Buch. Dazu gehörten oft Namen von Freunden, Orten, aber auch Lieblingswaffen, -autos und seine «grössten Taten». Im Zentrum steht dabei immer der Respekt, der dem Besungenen entgegengebracht werden soll.

Die Gewalt ist real

Wer aber jemanden zum Helden macht, der Feinde hat, wird eventuell selber zur Zielscheibe. Nachdem Valentín Elizalde seinen Song «A Mis Enemigos» («An meine Feinde») live gesungen hatte, wurde er von einem Mitglied des Los-Zetas-Kartells brutal ermordet, denn das Lied enthielt Textstellen, die je nach Interpretation gegen die Zetas gerichtet sind.

Nicht selten sind die Corridista auf die wilden Privatpartys der millionenschweren Drogenbosse eingeladen, wo es richtig rund geht. Das zieht die jungen Musiker an. Und, so erzählt es Elijah Wald, Chronist der Narcocorrido-Bewegung, dem Fernsehsender Al-Jazeera, jeder kleine Drogenschmuggler würde sich nach einem erfolgreichen Run sofort ein Corrido schreiben lassen, «um seine Freundin zu beeindrucken».

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Auch das Umgekehrte ist der Fall: So publizieren die Kartelle immer wieder Videos im Netz, die zeigen, wie sie Leute töten oder foltern – stets untermalt von Narcocorridos. Und wurde jemand hingerichtet, lassen die Verbrecher nicht selten Drogenballaden als Zeichen über den Polizeifunk laufen. Apropos Polizei: In vielen mexikanischen Städten sind Narcocorrido-Konzerte und das Abspielen der Songs im Radio verboten.

Die Balladen des El Chapo

Über den Sinaloa-Boss El Chapo gibt es indes Dutzende Lieder. Zum Beispiel Lupillo Riveras «El Chapo Otra Fuga Mas» («El Chapo, schon wieder ein Ausbruch»), das Guzmáns Flucht aus dem Gefängnis lobpreist. Oder auch Larry Hernandez’ «El Encuentro» («Die Begegnung»), in dem dieser ausser der Sicht El Chapos singt: «Ihre Waffen sind mir nicht gewachsen / Ich hoffe, sie (die Soldaten der Armee) bringen mich nicht dazu, Gewalt anzuwenden.» Damit zeigt er, wie propagandistisch Narcocorridos sind. Denn El Chapo schreckt nicht davor zurück, gewalttätig zu sein. Im Gegenteil. War einer seiner Drogenkuriere zu spät, wurde er vom Chapo höchstpersönlich hingerichtet.

Wie viele der Chapo-Songs natürlich entstanden sind und wie viele kommissioniert wurden, ist nicht eruierbar. Fakt ist aber, dass Narcocorridos aktiv an der Mythenbildung um die Drogenkultur Mexikos beteiligt sind. Und sogar dafür sorgen, dass trotz dem unsäglichen Leid, das der Drogenkrieg mit sich bringt, die Kartelle im Volk oft als Robin-Hood-Gestalten wahrgenommen werden.

Doch es bleibt die Frage: Warum suchen die Narcos den Ruhm derart aktiv? Warum begibt man sich, wie El Chapo, sogar in die Gefahr, von den Behörden aufgegriffen zu werden?

Die Antwort, wenn auch nur eine Teilantwort liefert Helen Simonett in ihrem Buch: «Trotz aller Prahlerei scheinen Narcos stark davon abhängig zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden.» Sie zitiert danach eine weitere Ballade:

Er hat eine super Schöne (Pistole)
Die geladen und bereit ist
Um denjenigen zu begnadigen
Der ihn betrogen hat
Seine Freunde respektieren ihn
Frauen lieben ihn
Er hat sehr gute Freunde
Weil er zu respektieren weiss
Die Banda oder diese Musikgruppe
Spielt oft für ihn
Die Frauen suchen ihn
Weil er ist ein sehr spezieller Mann

Das international wohl bekannteste Narcocorrido ist «Negro Y Azul» von Los Cuates de Sinaloa, die «Ballade von Heisenberg», über Walter White, den Hauptcharakter der TV-Serie «Breaking Bad». Das Lied spielt im Intro der siebten Episode der zweiten Staffel.

Erstellt: 10.01.2016, 14:41 Uhr

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