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Sind die Amerikaner bereit für die Revolution?

Um Trump zu schlagen, rücken die Demokraten weit nach links. Kann das Erfolg haben? Eine Spurensuche.

Sie will Steuererhöhungen für Reiche, kostenlose Universitäten und einen Totalumbau des Gesundheitswesens: Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren. Foto: Keystone
Sie will Steuererhöhungen für Reiche, kostenlose Universitäten und einen Totalumbau des Gesundheitswesens: Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren. Foto: Keystone

William Jennings Bryan ist der vielleicht wichtigste Politiker Amerikas, an den sich niemand erinnert. Er war 36 Jahre alt, als er 1896 als Präsidentschaftskandidat für die Demokratische Partei antrat. Seinen Wahlkampf bestritt er aus dem Zug heraus. Er fuhr dreissigtausend Kilometer durch das Land, stieg überall aus, wo es einen Bahnhof gab, und hielt bis zu dreissig Reden am Tag. Wo er auftrat, jubelten ihm Tausende zu. Er schleppte seine Koffer selbst. Statt in Hotels zu übernachten, schlief er im Eisenbahnwaggon. Für die Morgentoilette rieb er sich von Kopf bis Fuss mit Gin ein. Zeitgenossen berichteten, er habe gestunken wie eine «explodierte Destillerie».

William Jennings Bryan war ein Pionier. Er erfand die moderne Art des Wahlkampfs mit möglichst vielen Auftritten vor möglichst vielen Menschen. Seine Stimme war so kräftig, dass ihn die Leute noch drei Strassenblocks entfernt hörten, was in einer Zeit ohne Lautsprecher überaus nützlich war. Bryan war ein Aussenseiter, ein Anwalt aus dem ländlichen Nebraska, der sich an die Spitze einer Bewegung von Bauern und Arbeitern gestellt hatte, die gegen die Industriellen und die Banker der Ostküste kämpfte.

Sie nannten sich Populisten. Bryans Programm war radikal. Er wollte die Einkommen der Reichen besteuern, die Eisenbahnen verstaatlichen, den Achtstundentag und die Volkswahl des Senats einführen. Am umstrittensten war jedoch sein Kampf gegen den Goldstandard, der Millionen von Farmern in den Ruin zu treiben drohte.

Mit einer einzigen Rede dreht er die Stimmung

Den wichtigsten Auftritt hatte Bryan in Chicago vor zwanzigtausend Delegierten der Demokraten, die ihn zuerst gar nicht als Präsidentschaftskandidaten aufstellen wollten. Er war der Parteiführung zu extrem. Doch Bryan gelang es mit einer einzigen Rede, die Stimmung zu drehen: Er verglich die Leiden der einfachen Leute mit dem Foltertod Jesu Christi. Als er den letzten Satz in den Saal geschleudert hatte, breitete er die Arme aus und rief: «Ihr werdet die Menschheit nicht an ein Kreuz aus Gold nageln!» Das Publikum tobte, seine Anhänger trugen ihn auf ihren Schultern davon. Tags darauf wurde er zum Kandidaten gewählt.

Hätte es damals soziale Medien gegeben: Bryans Auftritt wäre der virale Moment des Jahrzehnts geworden. Der Historiker Richard Bensel nennt es «die wirkungsvollste Rede in der Geschichte Amerikas». In der Präsidentschaftswahl ging Bryan einige Monate später unter. Gegen den Republikaner William McKinley und seine viel grössere Wahlkampfkasse kam er nicht an. Und doch setzte Bryans Kampagne einen Wandel in Gang: Er machte die Demokratische Partei, die staatliche Eingriffe in die Wirtschaft stets abgelehnt und Eigenverantwortung gepredigt hatte, zu einer Partei, die bald überall nach einem starken Staat rief. Und er setzte Ideen in Umlauf, die fast alle in die Tat umgesetzt wurden, spätestens mit den Reformen des «New Deal» von Präsident Franklin D. Roosevelt in den 1930er-Jahren.

Selbst wenn Bryan längst vergessen ging: Der Geist dieses Populisten schwebt auch über der Präsidentschaftswahl 2020. Die Demokraten, die Donald Trump besiegen wollen, haben sich in den vergangenen Jahren in eine Richtung bewegt, über die Bryan sich freuen würde. Sie sind weit nach links gerückt, nicht nur, aber auch als Reaktion auf Trump. Die beiden führenden linken Präsidentschaftskandidaten, Elizabeth Warren und Bernie Sanders, haben den bisherigen Wahlkampf dominiert. Sie haben die anderen Bewerber gezwungen, mindestens teilweise mitzuziehen, inhaltlich und vom Stil her – oder aber sich möglichst weit von ihnen abzugrenzen. Michael Bloomberg, der schwerreiche frühere Bürgermeister von New York, ist explizit in den Wahlkampf eingestiegen, um einen Sieg von Warren oder Sanders zu verhindern.

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Im USA-Podcast «Entscheidung 2020» diskutieren Christof Münger, Auslandchef von Tamedia, und Korrespondent Martin Kilian über die Iran-Krise, Donald Trump und das Impeachment.

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Und so tobt jetzt ein Flügelkampf, bei dem viel – nein: alles auf dem Spiel steht. Die Moderaten glauben, dass die Partei für einen Sieg über Trump eine Persönlichkeit nominieren muss, die sich für schrittweise Reformen einsetzt und darüber spricht, die Spaltung des Landes zu überwinden. Eine Heilerin, einen Versöhner. Für diesen Flügel stehen Joe Biden, der weisshaarige frühere Vizepräsident, und Pete Buttigieg, der nicht einmal halb so alte schwule Bürgermeister einer Kleinstadt in Indiana. Bei ihnen klingt es so, als wäre Trumps Wahl bloss ein Betriebsunfall gewesen: Schalter kippen, Schrauben festziehen, dann läuft die Maschine wieder.

Warren und Sanders wollen eine Revolution

Der linke Flügel hingegen glaubt, dass schrittweise Reformen nicht ausreichen. Die Partei müsse, so die Überzeugung, jemanden gegen Trump antreten lassen, der das System von Grund auf verändern will und im Wahlkampf auch so klingt – einen wie Bernie Sanders oder eine wie Elizabeth Warren. Die beiden sind überzeugt: Die Maschine war schon lange vor Trumps Wahl kaputt. Sie muss in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengebaut werden. Warren und Sanders finden, Reiche sollen so stark besteuert werden, dass es möglichst gar keine Milliardäre mehr gibt. Sie wollen die grossen Konzerne zerschlagen. Sie fordern, alle sollen kostenlos studieren können. In vielem wollen sie: eine Revolution.

Sanders und Warren stehen politisch in der gleichen Ecke, dennoch unterscheidet sie einiges. Bernie Sanders, der 78-jährige Senator aus Vermont, der im Herbst einen Herzinfarkt überlebte, studierte schon in jungen Jahren Marx, unterstützte Revolutionäre in Zentralamerika und verbrachte seine Flitterwochen in der Sowjetunion. Er ist ein selbsterklärter demokratischer Sozialist, der als Parteiloser in den Senat gewählt wurde. Sein Programm ist dasselbe wie vor vier Jahren, als er in der Vorwahl gegen Hillary Clinton verlor. So wie 2016 unterstützen ihn auch heute viele junge Amerikanerinnen und Amerikaner, für die «Sozialismus» kein Schimpfwort mehr ist.

Unterstützt wird Sanders auch von Alexandria Ocasio-Cortez, der Abgeordneten aus New York, die beim linken Flügel viel Einfluss hat. Sanders hat so viele Spenden gesammelt wie keiner seiner Konkurrenten, und allein deshalb zählt er zu den Mitfavoriten in diesem Wahlkampf. Geblieben sind aber auch Sanders’ Feinde: Das Establishment der Demokratischen Partei betrachtet ihn als Fremdkörper, dem nicht zu trauen ist.

Elizabeth Warren ist einen anderen Weg gegangen. Sie startete ihre Karriere als wirtschaftsfreundliche Akademikerin, wandelte sich zur Konsumentenschützerin und wurde 2012 zur Senatorin von Massachusetts gewählt. Seither ist sie eine führende Politikerin der Linken. Anders als Sanders hat sie sich stets um gute Beziehungen zur Parteiführung bemüht. Sie hat im laufenden Wahlkampf auch deutlich mehr Wahlempfehlungen von Parteifunktionären erhalten. Heisst: Mit Warren als Kandidatin könnte sich das Establishment der Partei wohl arrangieren.

Es ist deshalb Warrens Aufstieg, der viel darüber aussagt, wo die Demokraten heute stehen. Mit dem Ur-Populisten William Jennings Bryan verbinden die im ärmlichen Oklahoma aufgewachsene Warren nicht nur die Herkunft aus den Ebenen des Mittleren Westens, sondern auch die kämpferische Rhetorik und die Frage: Für wen arbeitet die Regierung? Für die einfachen Leute und das Gemeinwohl – oder für mächtige private Interessen?

Warrens Auftritt in einer Aula

Bryans Nachfolger fahren nicht mehr im Zug durch das Land – sie setzen sich ins Flugzeug. Ansonsten funktioniert ihr Wahlkampf nicht viel anders als damals: möglichst viele Auftritte vor möglichst vielen Leuten. Besonders oft zieht es die Kandidatinnen und Kandidaten in die Bundesstaaten, die zuerst wählen. Nach New Hampshire zum Beispiel. 750 Leute haben sich an einem Wintertag in die Aula der Schule der Kleinstadt Exeter gezwängt, die Fenster sind beschlagen, nervöse Mitarbeiter huschen herum. Dolly Parton singt aus den Lautsprechern über «folks like me», die sich am Morgen unter die Dusche stellen, ins Auto setzen und zur Arbeit fahren, «working 9 to 5», ihr Leben lang.

Dann taucht Elizabeth Warren auf, sprintet die letzten Meter zur Bühne hoch. Oben winkt sie mit ausgestreckten Armen. Sie trägt schwarze Sneakers, schwarze Hosen und einen blauen Wollcardigan, dessen Ärmel sie leicht hochzieht. Dolly Parton verstummt, die Präsidentschaftskandidatin übernimmt. Warren ist siebzig Jahre alt, aber sie hat die Energie einer viel jüngeren Frau. Während sie redet, tigert sie auf der Bühne hin und her, ballt die Faust. Wie alle Kandidaten hat sie eine stump speech, eine einstudierte Rede. Aber sie trägt diese auf eine Weise vor, die selten einstudiert wirkt.

Die «Washington Post» nannte Warren einen «rhetorischen Rockstar». Es gibt allerdings Momente, da erinnert sie eher an die Parodie aus der Satiresendung «Saturday Night Live»: aufgerissene Augen, gepresste Stimme, überdrehte «Whooo!»-Rufe. Alles ein bisschen too much. Der Kern jeder Warren-Rede ist Geld: «Das Geld gleitet durch Washington wie eine Schlange», sagt sie. Jede politische Entscheidung werde durch Unternehmen und Wirtschaftsinteressen beeinflusst, zurechtgebogen, gekauft. Das Problem sei nicht, wie es die Republikaner dem Volk seit Ronald Reagan weismachen wollten, big government – ein stark regulierender Staat. Das Problem sei, dass die Regierung zum Instrument der Reichen verkommen sei. Als Präsidentin würde sie als Erstes vom Kongress ein Antikorruptionspaket beschliessen lassen, das den Lobbyismus einschränkt und Politiker und Richter zwingt, bei Interessenkonflikten in den Ausstand zu treten.

Geld ist bei Warren aber auch die Lösung. Dann nämlich, wenn es von den Reichen kommt. Auf Vermögen über fünfzig Millionen Dollar will sie eine Steuer von zwei Prozent einführen, auf Vermögen über eine Milliarde ein weiteres Prozent. «Wenn man es so weit bringt in unserem Land, dann kann man wohl zwei Prozent beitragen.» Mit Vermögen meint Warren nicht nur Bargeld. «Wir zählen alles mit», ruft sie in den Saal, «die Aktienpakete, die Teppiche und Diamanten, die Rembrandts und die Jachten!» Nicht vier Milliarden, nein, vier Billionen Dollar will Warren so auftreiben und gleich wieder ausgeben. Für kostenlose Kinderbetreuung, für kostenlose Universitäten, für eine Erlassung der Studiendarlehen. Die Zuhörer auf den Stühlen jubeln. Viele Ökonomen schütteln den Kopf. Doch es ist vermutlich ihre beliebteste Forderung. Ist das schon Klassenkampf?

Wie konnten die Demokraten diese Wahl verlieren?

Präsidentschaftswahlen werden in der politischen Mitte entschieden: Das war lange ein Gesetz. Doch dann kam Trump. Nach seinem Sieg war viel vom Populismus die Rede. Dem Populismus von rechts, mit seinen Angriffen auf Einwanderer, Medien und die politische und kulturelle Elite, die den Amerikanern angeblich vorschreiben will, wie sie zu leben haben. Dabei rückte in den Hintergrund, dass Trumps Botschaft im Wahlkampf nicht nur «rechts» war. Er hatte sich ebenso gegen die Orthodoxie der Republikaner gestellt, indem er sich gegen Kürzungen bei den Sozialleistungen aussprach und gegen Freihandel. Er kritisierte, ungewöhnlich für einen Republikaner, den Einfluss der Wall Street auf die Politik. Immer schwang da auch etwas Linkspopulistisches mit – eine Kampfansage an die wirtschaftliche Elite.

Elizabeth Warren glaubt: Das ist der Schlüssel zum Weissen Haus. Zwei Tage nach Trumps Wahl, im November 2016, trat Warren in Washington vor der grössten Gewerkschaft des Landes auf. Die Rede war längst geschrieben, doch jetzt musste eine neue her, die die beiden Fragen beantwortete, die sich nun alle Demokraten stellten: Wie hatten sie diese Wahl nur verlieren können? Und wie mit dem neuen Präsidenten umgehen? Anders als viele in der Partei erklärte Warren Trump nicht sofort den Krieg. Sie machte ihm ein Friedensangebot. «Wenn wir nur eines lernen, dann dies: Die Menschen wollen, dass sich Washington verändert.» Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern hätten Trump aus Wut darüber gewählt, dass die Regierung und die Wirtschaft sie im Stich gelassen hätten. «Die Leute haben das Recht, wütend zu sein.» Falls es Trump ernst meine damit, den Arbeitern und den Familien der Mittelschicht zu helfen, werde sie mit ihm zusammenarbeiten: «Er kann auf mich zählen.»

In Trumps Verrat sieht Warren ihre Chance

Es dauerte nicht lange, bis Warren zum Schluss kam: Trump meint es nicht ernst. Er hatte im Wahlkampf versprochen, den «Sumpf» von Washington trockenzulegen. Doch einmal im Weissen Haus, machte er den Sumpf noch tiefer. Er holte Lobbyisten, Spekulanten und Familienmitglieder in die Regierung. Er senkte die Steuern für Reiche und versuchte, die Gesundheitsreform seines Vorgängers zu beseitigen. Er wehrte sich gegen eine Anhebung des Mindestlohns, setzte das Justizministerium auf die Gewerkschaften an. Und während er darüber schimpfte, wie die Chinesen der amerikanischen Arbeiterschaft schaden, strich er Dutzende von Vorschriften zusammen, die genau diese Arbeiter schützten.

Dass die Wirtschaft seit Trumps Wahl weitergewachsen ist, dass die Aktienkurse unentwegt steigen, spielt für Warren keine Rolle: weil viele Amerikaner davon nichts abbekommen. In ihren Augen hat Trump jene Leute verraten, die sich von ihm einen Wandel erwarteten. Und in diesem Verrat sieht sie ihre Chance. Für wen arbeitet diese Regierung?

Das war schon die Frage, als die Demokraten das erste Mal einen Präsidentschaftskandidaten aufstellten, der so klang wie sie – William Jennings Bryan, der im Eisenbahnwaggon durchs Land fuhr und radikale Forderungen stellte. Wirtschaftliche Ungleichheit, Korruption, Machtballung: Was die heutigen Linken umtreibt, war zu Bryans Zeit recht ähnlich. Ende des 19. Jahrhunderts standen die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt des «Vergoldeten Zeitalters». Den Begriff prägte Mark Twain, er benutzte ihn, um die enormen Gegensätze zu beschreiben, die die USA damals kennzeichneten. Mithilfe der Regierung in Washington hatten Industrielle und Investmentbanker weite Teile des Westens unter sich aufgeteilt. Der Kongress hielt den Eisenbahnbaronen das beste Land zu und erlaubte es Unternehmen, gigantische Flächen für die Viehzucht und die Ölförderung einzuzäunen. Dadurch trieben diese Unternehmen die Besiedlung des Kontinents in Richtung Pazifik voran.

Sie taten es auf Kosten der Indianer, die sie vertrieben; und auf Kosten der Siedler, die sich mit einem Stück Steppe begnügen mussten, auf dem sich nichts anpflanzen liess. Die Expansion brachte sagenhaften Reichtum für die Tycoons der Ostküste: Andrew Carnegie, John D. Rockefeller, Cornelius Vanderbilt. Die Zeit brachte aber auch bittere Armut für die Menschen in der Prärie. Industriearbeiter schufteten bis zu sechzehn Stunden am Tag für einen Hungerlohn. Getreidebauern blieb kein Geld zum Leben, weil ihnen Zwischenhändler horrende Transport- und Lagerkosten abknöpften, während die Marktpreise abstürzten.

Die Revolte begann, als sich Bauern und Arbeiter zusammenschlossen und forderten, die Banken zu regulieren, die Eisenbahnen zu verstaatlichen und die Kartelle zu zerschlagen, durch die einige wenige Männer die halbe Wirtschaft beherrschten. Die Wut richtete sich gegen die Bundesregierung, die «die Interessen des Kapitals über jene der Arbeiterschaft stellte» und damit die «Tyrannei des Monopols» erst ermöglichte – so schreibt es die Historikerin Jill Lepore.

Diese Wut steigerte sich noch, als viele Farmer ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Zwischen 1889 und 1893 fielen 90 Prozent des Ackerlands im Westen an die Banken. Das reichste Prozent der Amerikaner besass mehr als die Hälfte der Vermögen. Die ärmsten 44 Prozent besassen faktisch nichts. Und eben: Der Mann, der am lautesten dagegen ankämpfte, war der Eisenbahn fahrende Populist William Jennings Bryan. Nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 1896 trat er zwei weitere Male an. Er unterlag erneut. Doch sein Kampf bildete die Grundlage für die sogenannte progressive Ära, die Anfang des 20. Jahrhunderts zu einer Ausweitung der Volksrechte und zur Zerschlagung der Kartelle führte. Lepore schreibt: «Die Populisten stellten sich nicht gegen den Kapitalismus, sie stellten sich gegen die Monopole.» Deshalb jubelten sie, als die Regierung von Theodore Roosevelt nach der Jahrhundertwende eine Trust-Gesellschaft nach der anderen als illegales Monopol verklagte und zu Fall brachte.

Warren will die Tech-Riesen zerschlagen

Der Kampf gegen Monopolisten: Das ist die Tradition, in die sich Elizabeth Warren stellt. «Die Märkte funktionieren heute nicht mehr», sagte sie in einer Grundsatzrede im Dezember. Den «Trust-Buster» Theodore Roosevelt, einen Republikaner, nennt sie ihr Vorbild. Warren sieht in der Dominanz der heutigen Konzerne und im Reichtum ihrer Eigentümer die Belege für ein neues Vergoldetes Zeitalter, mit noch mächtigeren Unternehmen und noch mehr ungleich verteiltem Vermögen. Deshalb will sie – wie Bernie Sanders auch – die Tech-Riesen zerschlagen, Facebook, Amazon und Google.

Elizabeth Warren bezeichnet sich als «Kapitalistin bis in die Knochen»: Der freie Markt sei gut, aber er funktioniere nur, wenn es Wettbewerb gebe, wenn kein Unternehmen zu viel Macht auf sich vereine. Die Regierung arbeitet in Warrens Augen nur dann für das Gemeinwohl, wenn sie diesen Grundsatz durchsetzt. Sozialistisch ist das nicht – eher sozialdemokratisch.

Warren ist Juristin. Zu Beginn ihrer Karriere vertrat sie republikanischwirtschaftsfreundliche Ansichten, erstellte Gutachten für Konzerne, die gegen Konsumenten und Mitarbeitende vor Gericht zogen. Der Weg nach links führte sie über die Gerichtssäle. Ab Mitte der 1980er-Jahre forschte und unterrichtete sie über die Ursachen von Privatkonkursen. In den Konkursverhandlungen sah Warren, dass nicht nur Leute vom Rand der Gesellschaft betroffen waren, sondern auch viele Familien des Mittelstands. Meist gingen einem Konkurs horrende Kreditkartenschulden voraus. Warren machte dafür die Deregulierung der Finanzmärkte verantwortlich. Es war das Thema, das sie in die Politik zog.

1994 wurde sie in eine Kommission berufen, die Vorschläge entwickeln sollte, um den Anstieg der Privatkonkurse zu stoppen. Im Kongress führte das zum jahrelangen Kampf um ein Gesetz, das Politiker einbrachten, die den Banken und Kreditkartenfirmen nahestanden. Warren bekämpfte das Gesetz, einer ihrer Gegner war Joe Biden, heute ihr Konkurrent im Vorwahlkampf. Biden und die Banken setzten sich durch. Warren, enttäuscht, beschrieb es so: «Ein Kampf zwischen David und Goliath, und David wurde die Schleuder in den Hals gestopft.»

Ein TV-Auftritt machte sie 2008 bekannt

Warren verschrieb sich ihrem nächsten Kampf, und auch dabei ging es gegen die Wall Street. Die US-Regierung hatte auf die Finanzkrise 2008 mit einem Rettungspaket von 700 Milliarden Dollar für die Banken reagiert. Warren – inzwischen Professorin in Harvard – erhielt vom Senat den Auftrag zu überprüfen, wie die Banken das Geld ausgaben und wie die Regierung dies überwachte. Der TV-Satiriker Jon Stewart lud Warren in seine «Daily Show» ein. Warren, die sich eher Hörsäle gewohnt war, war so nervös, dass sie sich vor dem Auftritt übergeben musste. In der Werbepause bat sie ein konsternierter Stewart, im zweiten Teil der Sendung doch bitte auf den Punkt zu kommen.

Seine Frage: Für wen arbeitet die Regierung? Elizabeth Warrens Antwort: für die Banken. Ihre Schadensbilanz aus Sicht des Steuerzahlers ging viral und machte sie im progressiven Teil Amerikas bekannt. Die Finanzkrise zeigt für Warren die Wichtigkeit von Regulierungen. Überall erlasse die Regierung Standards zum Konsumentenschutz – nur nicht bei Finanzprodukten. «Es ist unmöglich, einen Toaster zu kaufen, der in einem von fünf Fällen in Flammen aufgeht und das Haus niederbrennt», schrieb sie. Aber es sei sehr wohl möglich, eine Hypothek zu erhalten, die in einem von fünf Fällen zu Obdachlosigkeit führt.

Warren lobbyierte bei Barack Obama erfolgreich für eine Konsumentenschutzbehörde für den Finanzsektor. Unter Trump wurde die bei den Banken gefürchtete Behörde Stück für Stück wieder abgetragen. Noch so ein Verrat, den Warren rächen will, falls sie sich im Vorwahlkampf durchsetzt. Falls. Denn im Moment ist ein Backlash im Gang.

«Die Amerikaner wollen kein verrücktes Zeug»

Am 4. Februar findet in Iowa die erste Vorwahl statt, eine Woche später in New Hampshire die zweite. Je näher diese Wahlen rücken, desto mehr wachsen bei den demokratischen Anhängern die Zweifel, zumindest wenn man den Umfragen glaubt: Soll man wirklich jemanden vom linken Flügel zum Kandidaten, zur Kandidatin machen? Und so das Risiko eingehen, Trump zur Wiederwahl zu verhelfen? Das ist es, was Barack Obama meinte, als er sich in den Wahlkampf einschaltete. Die meisten Amerikaner, sagte der ehemalige Präsident, wünschten sich Fortschritt, aber keine Revolution. «Sie wollen kein verrücktes Zeug.»

Verrücktes Zeug: In Obamas Augen sind das die Dinge, die Warren und Sanders vorschweben. Eines ihrer Anliegen ist die Einführung einer staatlichen allgemeinen Krankenversicherung: Medicare for All. Die privaten Krankenkassen wollen sie im gleichen Zug abschaffen. Warren hat dafür ein Papier vorgelegt, das die Kosten auf 20 000 000 000 000 Dollar beziffert, zwanzig Billionen innerhalb von zehn Jahren, und selbst diese Schätzung beruht auf vorsichtigen Annahmen. Das Geld dafür will sie mit Steuererhöhungen beschaffen. Es wäre ein Totalumbau des Gesundheitswesens, von dem nur schon politisch nicht zu sehen ist, wie er gelingen soll. Warren bräuchte eine klare Mehrheit der Demokraten im Senat – eine Mehrheit, die es in absehbarer Zeit nicht geben wird.

So ist das mit vielen von Warrens und Sanders’ Plänen: Sie begeistern linke Demokraten, Aktivistinnen und Twitterati und bringen Stimmen in San Francisco und Brooklyn. Aber sie verprellen viele andere Wähler. Jene, auf die es ankommt. Was können die USA vom UK lernen? Die spektakuläre Niederlage der britischen Labour-Partei gegen Boris Johnsons Konservative hat bei vielen Demokraten die Angst vor grossen Sprüngen noch verstärkt. Richtete sich die Ablehnung der Britinnen und Briten bloss gegen den unbeliebten Labour-Chef Jeremy Corbyn? War es nicht eben auch eine Ablehnung seines ganzen Programms, das jenem der linken Demokraten in vielen Punkten ähnlich ist? Wollen die Leute wirklich einen wirtschaftlichen Linksrutsch, wenn sich doch so vieles um angebliche Fragen der nationalen Identität dreht – in Grossbritannien wie in den USA? Es ist nicht so, dass sich nichts bewegt in Amerika.

Warren und Sanders gehen weiter

Die Umfragen zeigen für viele sozialliberale Forderungen, die noch vor wenigen Jahren umstritten waren, eine Mehrheit. Die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner sind inzwischen dafür, den Kindern illegaler Einwanderer unbeschränktes Bleiberecht zu gewähren. Sie sind für mehr Umweltschutzauflagen und eine grüne Wirtschaft, und sie sind dafür, den Versicherungsschutz auf der Basis von Obamas Gesundheitsreform auszubauen.

Doch Warren und Sanders gehen in fast allen Fragen weiter als eine Mehrheit der Bevölkerung. Sie wollen alle illegalen Grenzübertritte entkriminalisieren, sie wollen ein Totalverbot der Schiefergasförderung, und sie wollen allen Leuten ihre Studiendarlehen erlassen, egal, wie viel jemand heute verdient. Das sind bei den Jüngeren beliebte Forderungen. Aber nicht bei älteren Amerikanerinnen und Amerikanern und auch nicht in den Swing States, die über den Ausgang der Präsidentschaftswahl entscheiden. Dort hätten die demokratischen Parteigänger lieber jemanden, von dem sie glauben, dass er oder sie Trump schlagen kann – Rückkehr zur Normalität statt Revolution.

Einer wie Joe Biden, der seit fünfzig Jahren in der Politik ist und davon redet, mit den Republikanern zusammenzuarbeiten, wenn Trump weg ist. Bidens Versprechen heisst: «Wir werden die Seele Amerikas wiederherstellen.» Auf seinem Wahlkampfbus steht: «No Malarkey!», kein Quatsch. Oder einer wie Pete Buttigieg, ein ehemaliger McKinsey-Berater, der in warmen Tönen vom Tag nach Trumps Abwahl spricht, an dem die Sonne wieder über Amerika aufgeht.

Das klingt alles nicht viel anders als beim letzten Mal, als sich die amerikanische Wählerschaft entscheiden musste zwischen Trump und einer Demokratin, die Normalität versprach. Genau darum sei das nicht genug, sagen Warren und Sanders. Nachdem Trumps Wahl doch gezeigt habe, dass es keine Normalität mehr gibt. Ob die Demokraten ihnen folgen? William Jennings Bryan, der Kämpfer aus dem Vergoldeten Zeitalter, musste erst verlieren, bis seine Ideen verwirklicht wurden. Möglich, dass seinen Nachfolgern dasselbe widerfährt.

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