Vielleicht sind die Waffen gar nicht das Problem

Sind Gewalttaten wie das Massaker von Las Vegas die Kehrseite der Freiheit, die Amerika seinen Bürgern gibt? Eine Einschätzung.

Waffen gehören für viele Amerikaner einfach dazu: Interessierte Kundin am Stand einer Gun Show im Januar 2016 in Las Vegas. Foto: John Locher (AP, Keystone)

Waffen gehören für viele Amerikaner einfach dazu: Interessierte Kundin am Stand einer Gun Show im Januar 2016 in Las Vegas. Foto: John Locher (AP, Keystone)

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Die Jäger kommen am Morgen, wenn die Luft noch kalt und klar ist. Zwei Männer, einer trägt ein Gewehr, der andere einen Sack voller Munition. «Gegen das fahle Gelbgrün des Grases hob sich das düstere Umbra der Büffel scharf ab, aber es verschmolz mit den dunkleren Farben des Waldes an der steilen Bergflanke hinter ihnen. Viele Büffel lagen ruhig auf dem weichen Gras des Tals, sie waren wie Haufen, wie dunkle Felsen, ohne Form. Aber einige Büffel standen an den Rändern der Herde wie Wächter.» Dann kracht der erste Schuss, und das Gemetzel beginnt.

Die Szene stammt aus dem Buch «Butcher’s Crossing» von John Williams. Der Schriftsteller erzählt darin die Geschichte einer Gruppe Büffeljäger, die um 1870 von dem schäbigen Nest Butcher’s Crossing in Kansas aus aufbrechen, um in den Rocky Mountains eine der letzten grossen Bisonherden zu jagen. Sie finden die Büffel in einem Hochtal – und schlachten sie ab. Die Tiere sterben zu Hunderten.

Am vergangenen Wochenende machte sich Stephen P. daran, seine Fassung von «Butcher’s Crossing» in Las Vegas in die Tat umzusetzen. Der 64-Jährige mietete im Hotel Mandalay Bay eine Suite im 32. Stock. Zwei Tage lang schleppte er Waffen und Munition in seine Zimmer. Manche Zeitungen schrieben später, er habe seine Gewehre und Patronen ins Hotel «geschmuggelt». Aber Stephen P. musste nichts schmuggeln, er lud seine Koffer voller Metall einfach in den Aufzug. Auch die Zimmermädchen, die regelmässig frische Handtücher brachten, schöpften keinerlei Verdacht.

Stephen P. baute vor seinem Zimmer Kameras auf. Er prüfte Schusswinkel, montierte Zielfernrohre auf seine Gewehre und stellte sie auf Stative. Dann, am Sonntagabend, als die Luft in der Wüstenstadt noch so mild war, dass die Leute draussen in kurzen Hosen herumliefen, schlug er zwei Fensterscheiben ein – und das Gemetzel begann.

Stephen P. feuerte auf die Besucher eines Freiluftkonzerts, das in der Nähe des Hotels stattfand. Die Menschen hatten keine Chance. Es gab auf dem Gelände kaum Deckung, und P. schoss von oben auf sie herab. 58 Menschen starben, mehr als 520 weitere wurden verletzt. Dann erschoss sich Stephen P.

Das Gewehr als Autorität

«Butcher’s Crossing» ist eine sehr amerikanische Geschichte. Sie handelt von einer erbarmungslosen Natur und erbarmungslosen Menschen; vom Töten und Sterben und von allgegenwärtiger Gewalt. Und sie handelt von einer Welt und einer Zeit, in der es nur eine höchste Autorität, nur eine letzte Instanz gab – ein geladenes Gewehr. «Butcher’s Crossing» ist, zumindest zum Teil, die Geschichte Amerikas.

Das Massaker, das Stephen P. in Las Vegas anrichtete, war wiederum ein sehr amerikanisches Verbrechen. Das Land hat sich daran gewöhnt, dass alle paar Monate irgendwo jemand loszieht und ein, zwei oder drei Dutzend Unbeteiligte niederstreckt. Es ist in Kinos passiert, in Schulen, Universitäten, Kasernen, Kirchen, Nachtclubs und bei Betriebsfeiern. Und jetzt ist es eben bei einem Country-Konzert geschehen.

Amerika reagiert auf solche Bluttaten immer gleich. Die Menschen gedenken der Opfer, und sie beten für die Toten. Und dann streiten sie über schärfere Waffengesetze. Politiker und Kommentatoren reden über Sturm- und Schnellfeuergewehre, über halb- und vollautomatische Waffen, darüber, wie viele Patronen in ein Magazin passen und wie sich die Feuergeschwindigkeit mittels eines billigen Anbauteils aus Plastik, das man «Bump Stock» nennt, von 100 auf 500 Schuss pro Minute steigern lässt. Und das Land fragt sich, ob es wirklich sein muss, dass jeder, dem es in den Sinn kommt, beliebig viel von dem tödlichen Zeug kaufen kann.

US-Politiker erwägen – einmal mehr – eine Verschärfung des Waffengesetzes. Video: Reuters

Aber vielleicht ist das die falsche Frage. Denn was ist, wenn es in Wahrheit gar nicht um die mörderische Technik geht? Sondern wenn die Bereitschaft, mit all den Waffen tatsächlich jemanden umzubringen, in Amerika ganz andere, tiefere Wurzeln hat? Wenn die Gewalttätigkeit so etwas wie ein Bestandteil des Volkscharakters ist, eine historisch gewachsene Tradition, die man mit ein paar Gesetzesänderungen nicht aus der Welt schaffen kann? Vielleicht sind die Waffen der Amerikaner gar nicht das echte Problem. Sondern die Amerikaner selber.

Wenn das so ist, dann könnte man eine Linie ziehen – von «Butcher’s Crossing» im Jahr 1870 nach Las Vegas im Jahr 2017. Die Mordwerkzeuge mögen verschieden gewesen sein, damals eine einschüssige Flinte, heute ein Schnellfeuergewehr. Dennoch verbindet Stephen P. und die Büffeljäger jener bittere Satz, den der britische Schriftsteller D. H. Lawrence einmal über die Amerikaner gesagt hat: «Die amerikanische Seele ist ihrem Wesen nach hart, einzelgängerisch, stoisch und ein Mörder.»

Nun lebte Lawrence in den Zwanzigerjahren in New Mexico, einem harten Land mit harten Menschen, darunter wohl auch einige Mörder. Das dürfte zu seinem harschen Urteil beigetragen haben. Und vermutlich hat jeder Amokschütze auch ein persönliches Mordmotiv, das nichts mit irgendeiner Volksseele zu tun hat. Dennoch ist die These, dass Gewalt ein wesentlicher und prägender Teil der amerikanischen Gesellschaft ist, längst wissenschaftlich untersucht und – wie manche Forscher meinen – auch durchaus belegt worden.

«Amerika ist nicht das gewalttätigste Land auf der Welt.»Howard Smead, Historiker

Ein Mann, der sich mit diesem Thema beschäftigt hat, ist der Historiker Howard Smead. Er lehrt an der University of Maryland, und in seinem Büro hängen Plakate von Filmen, in denen viel getötet und gestorben wird. «Amerika ist beileibe nicht das gewalttätigste Land auf der Welt», sagt Smead. «Doch dass Amerika ein Problem mit Gewalt hat, ist unzweifelhaft. Waffen verschärfen dieses Problem vielleicht. Aber sie sind nicht der Grund.»

Woher kommt also die Gewalt? Smead fängt mit seiner Antwort früh an, vor gut 250 Jahren, als Amerika noch britische Kolonie war. 1763 kam es zur sogenannten Paxton Boys Rebellion. Siedler in Pennsylvania hatten im Jahr zuvor eine Bürgerwehr gegründet, sie überfielen eine Gruppe friedlicher Indianer vom Stamm der Susquehannock und ermordeten zwei Dutzend von ihnen. Die Empörung über das Massaker war derart gross, dass der Gouverneur von Pennsylvania, John Penn, eine Belohnung für die Ergreifung der weissen Mörder aussetzte. Sie sollten büssen.

Für jeden Skalp eine Prämie

Noch grösser war freilich die Skrupel­losigkeit der Paxton Boys. Etwa 250 Angehörige der Miliz marschierten im Januar 1764 auf Philadelphia, die Hauptstadt der Kolonien. Gouverneur Penn regelte die Sache dann so: Anstatt die Paxton Boys für ihre Bluttat zu bestrafen, rief er dazu auf, alle Indianer in Pennsylvania zur Strecke zu bringen. Für jeden gefangenen Mann wurde eine Belohnung von 150 Dollar ausgelobt, für jeden Skalp eine Prämie von 138 Dollar.

Nach Ansicht von Smead zeigen sich in dieser kurzen Episode bereits die drei wichtigsten Gründe dafür, warum Amerika in den folgenden Jahrzehnten zu einer so gewalttätigen Nation wurde. Da war zum einen der Rassismus, in diesem Fall von weissen Siedlern gegenüber Indianern, der später dann im Süden der USA in Form der Sklaverei zur Staatsdoktrin wurde – ein ganzes Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, das nur auf der gewaltsamen Unterdrückung und Ausbeutung der Schwarzen beruhte; und dessen traumatische Folgen bis heute nicht wirklich bewältigt sind.

Da waren zum zweiten der Unwille und die Unfähigkeit der Regierung, draussen im Land, an der wilden «Frontier», für Recht und Ordnung zu sorgen. Die Politiker empörten sich über die Paxton Boys. Aber sie liessen sie machen. Und Gouverneur Penn, Enkel des berühmten, friedliebenden Quäkers William Penn, der die Kolonie einst gegründet hatte, zahlte noch für jeden Skalp.

Und da war drittens das, was Professor Smead «Lokalismus» nennt – die vor allem im amerikanischen Westen immer noch verbreitete Ansicht, dass die Leute an einem bestimmten Ort ihre Angelegenheiten alleine regeln sollten, so wie sie es dort für richtig halten, ohne dass irgendjemand von Ferne hineinredet.

In den USA gibt es keinen stärkeren Ausdruck für Freiheit als das Recht, eine Waffe zu besitzen.

Rassismus, eine schwache Regierung ohne Gewaltmonopol und ein Haufen Leute, die ihre eigenen Gesetze machen – «zusammengenommen», sagt Smead, «war das ein Rezept für ein Desaster». In den USA wurde daraus eine Tradition. Die Spuren der Paxton Boys ziehen sich durch die gesamte amerikanische Geschichte, die einerseits eine Geschichte erstaunlicher Aufgeklärtheit, Hilfsbereitschaft und Kreativität ist, andererseits aber eben auch eine Geschichte voll unfassbarer und völlig selbstverständlicher Gewalt. Zuerst brach sie im Revolutionskrieg aus, den die amerikanischen Rebellen gegen die britischen Besatzer führten, genauso aber auch gegen jeden Nachbarn, der die Revolte nicht unterstützte. In den Jahrzehnten danach ging die ungeregelte Gewalt weiter, es gab Lynchmorde, Aufstände und blutige Unruhen. Die Gewalt gipfelte im Bürgerkrieg von 1861 bis 1865, bei dem mehr als eineinhalb Millionen Menschen starben oder verwundet wurden.

Auch jede Ausdehnung der Vereinigten Staaten war von Gewalt begleitet. Wer sich die Eroberung des amerikanischen Westens als eine Art Bonanza-Veranstaltung vorstellt, bei der gütige Cowboys, die Hoss und Little Joe hiessen, Kühe in ein leeres Land trieben, kann bei einem zweiten grossen amerikanischen Schriftsteller nachlesen, wie es wirklich war: Cormac McCarthy hat in seinem bluttriefenden Westernepos «Blood Meridian» das Wüten der Glanton Gang beschrieben, einer Gruppe von Verbrechern, die 1849 im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet umherzogen und wahllos Indianer skalpierten, gelegentlich in staatlichem Auftrag.

Heute ist Amerika von solchen Zuständen weit entfernt. Aber einige der Traditionen, die Gewalt eher fördern als dämpfen, leben weiter. Zum Beispiel in den «Stand-your-ground»-Gesetzen, die es Bürgern erlauben, bei einer Bedrohung nicht wegzulaufen, sondern stehen zu bleiben und sich mit Waffen­gewalt zu wehren. Auch das Misstrauen gegenüber der Regierung, der Glaube, dass eine kleine Gemeinschaft am besten weiss, was richtig für sie ist, oder die Bereitschaft, Probleme selbst auszuräumen, notfalls mit einem Gewehr – all das sind uramerikanische Charakterzüge, die sich mit einem staatlichen Gewaltmonopol nicht gut vertragen.

Die Gewalt, die mit Waffen verübt wird, ist, wenn man so will, die Kehrseite der Freiheit, die Amerika seinen Bürgern gibt; und für die Amerika im engen Europa auch immer bewundert wurde. Für die Gründerväter der USA war die ideale Regierung eine, die sich möglichst wenig einmischte und den Menschen – sofern sie nicht Schwarze oder Indianer waren – möglichst viel Freiheit liess. Und es gibt keinen stärkeren Ausdruck für diese Freiheit als das Recht, eine Waffe zu besitzen.

Nur wenige wollen Böses

So steht es seit 1791 im zweiten Verfassungszusatz: Nur eine bewaffnete Gesellschaft ist eine freie Gesellschaft. Dass eine bewaffnete Gesellschaft, die zu Gewaltausbrüchen neigt, nicht nur frei, sondern auch extrem gefährlich ist, haben die Verfassungsväter in Kauf genommen. Aber natürlich wollen die wenigsten Amerikaner, die Waffen besitzen, damit etwas Böses tun. Manche wollen nur gewappnet sein, um notfalls sich und ihre Familie verteidigen zu können.

Und dann sind ja auch längst nicht alle Amerikaner Waffenfanatiker. Es gibt viele Bürger in den Vereinigten Staaten, die es nicht für erstrebenswert halten, dass in jedem Nachtschrank eine Pistole liegt, mit der sich dann spielende Kinder in den Kopf schiessen. Dass jetzt, nach dem Massaker in Las Vegas, auch Republikaner und sogar die sonst so sture National Rifle Association bereit sind, gefährliches Zubehör wie die «Bump Stocks» zu verbieten, zeigt, dass die Liebe zum Schiesseisen Grenzen hat. Wenn auch sehr weitgefasste – an dem amerikanischen Grundsatz, dass Waffen Freiheit bedeuten, wird auch Las Vegas kaum etwas ändern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 19:08 Uhr

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