Sonne, Strand – und immer Alarm

Amokläufe gehören in den USA zum Alltag, auch für Kinder. Sie üben den Lockdown. Der Sohn des Autors kann jetzt Blutungen stoppen.

Nur eine Stunde entfernt von der Heimat des Autors: Trauernde Bürger im kalifornischen Thousand Oaks, wo im November ein Schütze in einer Bar zwölf Menschen und sich selbst tötete. Foto: Reuters

Nur eine Stunde entfernt von der Heimat des Autors: Trauernde Bürger im kalifornischen Thousand Oaks, wo im November ein Schütze in einer Bar zwölf Menschen und sich selbst tötete. Foto: Reuters

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Finn weiss jetzt, was er tun muss, wenn er aus dem Lautsprecher in seinem Klassenzimmer das Wort «Lockdown» hört. Er weiss, dass es dann gefährlich ist auf dem Gelände seiner Grundschule – lebensgefährlich sogar. Er weiss, dass nun jemand mit einer geladenen Waffe in unmittelbarer Nähe sein könnte und dass er Türen und Fenster in seinem Klassenzimmer verbarrikadieren muss.

Er weiss, dass er mucksmäuschenstill sein und sich an genau der Wand verstecken muss, die ein Amokläufer von der Tür aus nicht sehen kann. Er weiss, dass Glasscherben und Scheren brauchbare Stichwaffen zur Selbstverteidigung sind und dass eine hart und präzise geworfene Murmel ein ordentliches Projektil abgibt. Er kennt das Motto seiner Schule bei einem Massaker: «Run. Hide. Fight.» Weglaufen. Verstecken. Kämpfen.

Finn ist neun Jahre alt. Er ist mein Sohn. Wir sind vor fünfeinhalb Jahren nach Kalifornien gezogen. Wir haben irgendwie geahnt, worauf wir uns einlassen. Vor allem aber haben wir gehofft, dass der Bundesstaat an der Pazifikküste eben jenes Paradies sein würde, das in Liedern wie «California Love», «California Dreaming» oder «California Sun» besungen wird: Freiheit, Sonne, Strand, Meer.

Wir wurden nicht enttäuscht. Unsere neue Heimat ist tatsächlich: ein Paradies. Wir leben in Hermosa Beach, einer Kleinstadt 45 Minuten südlich von Los Angeles. Hier kennen wir jeden Nachbarn, sind ehrenamtlich in Vereinen aktiv und haben uns die kalifornische Gesinnung angeeignet, das Leben und auch sich selbst nicht immer so verdammt ernst zu nehmen. Wir sind, wie man hier sagt: californicated. Von der Haustür bis zum Strand sind es fünf Minuten. Das Demografieportal Areavibes gibt der Stadt in der Kategorie Verbrechen eine zwei minus. Heisst übersetzt: Hermosa Beach ist ziemlich sicher.

Sollte man nicht fortgehen aus dem Paradies, solange man noch am Leben ist?

Wir wissen mittlerweile aber auch, dass sich das Paradies in eine Hölle verwandeln kann, jederzeit. Beinahe täglich spüren wir, dass die Erde ein bisschen wackelt. Wissenschaftliche Studien sagen, dass «The Big One», das Erdbeben biblischen Ausmasses, in den kommenden 30 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,7 Prozent passieren wird. Wir haben eine Dürre erlebt, Waldbrände, Schlammlawinen.

Seit dem ersten Tag steht in der Ecke des Schlafzimmers ein «Deluxe Emergency Kit» der Firma Ready America, ein roter Rucksack mit Energieriegeln, Decken und Taschenmesser, damit eine Familie im Notfall drei Tage überleben könnte. Und uns ist auch bewusst, dass jederzeit jemand mit Waffe in Kino, Kneipe oder Schule stürmen kann.

Laut einer Statistik der Non-Profit-Organisation Gun Violence Archive gab es im Jahr 2018 in den Staaten 340 Amokläufe. Erst vor ein paar Wochen ist es wieder passiert, in Thousand Oaks, nur eine Autostunde von uns entfernt. Bis dahin galt die Kleinstadt als drittsicherste der Vereinigten Staaten. Ein ehemaliger Soldat erschoss in der Countrybar Borderline zwölf Menschen und anschliessend sich selbst. Bei Areavibes gibt es für die Sicherheit immer noch eine Eins mit Stern.

Vom Retter zum Opfer

Sollte man nicht fortgehen aus dem Paradies, solange man noch am Leben ist? Diese Frage stellen wir uns in letzter Zeit immer häufiger. Denn wie unfassbar grausam das Schicksal zuschlägt, hat gerade das Attentat in Thousand Oaks wieder gezeigt: Eines der Opfer ist Telemachus Orfanos, 27 Jahre alt, Angestellter in einem Autohaus, der gerne Countrymusik hörte.

Im Oktober 2017 hatte er in Las Vegas das Countryfestival «Route 91 Harvest» besucht, als ein Attentäter vom 32. Stock eines Hotels losgeballerte und 58 Menschen tötete und mehr als 800 verletzte. Orfanos überlebte und schleppte andere aus der Gefahrenzone. Nicht einmal 14 Monate später wurde er in seiner Stammkneipe von einem Amokläufer erschossen.

«Mein Sohn hat drei Jahre lang im Militär gedient, er hat eines der schlimmsten Massaker der jüngeren Geschichte überlebt – und dann wird er in seiner Heimatstadt abgeknallt, die als eine der sichersten dieses Landes gilt», sagt sein Vater Mark. Er steht auf der Veranda seines Hauses, nicht weit entfernt von dieser Bar, und ist einen Tag nach dem Attentat erstaunlich gefasst.

Er umarmt Besucher und spricht ohne Zorn in der Stimme. Er wolle den Täter nicht dämonisieren, sagt er, weil der ebenfalls ein Opfer der Waffenkultur in den USA sei – wie sein eigener Sohn: «Das wird nicht aufhören. Wenn das Niedermähen von Sechsjährigen nicht für ein Umdenken in diesem Land sorgt, dann wird es niemals ein Umdenken geben.»

Das Umdenken betrifft vor allem die Schwächsten: Schon Kindergärtner werden auf Amokläufe vorbereitet. 

Dabei hat es schon ein Umdenken gegeben in diesem Land, vor 19 Jahren zum Beispiel, als zwei Zwölftklässler an der Columbine High School 15 Menschen töteten. Und vor sechs Jahren, als ein Zwanzigjähriger an der Sandy Hook Elementary School 27 Menschen erschoss, darunter zwanzig Kinder im Alter von sechs und sieben Jahren. Und im Februar dieses Jahres, als ein ehemaliger Schüler der Stoneman Douglas High School 17 Menschen tötete.

Das Ergebnis waren allerdings nicht schärfere Waffengesetze oder strengere Auflagen für Waffenhersteller – auch wenn es in einzelnen Bundesstaaten Änderungen gegeben hat, etwa das Verbot von «Bump Stocks», die hohe Schussfolgen ermöglichen. In Kalifornien wurde zudem kürzlich das Mindestalter zum Kauf von Langwaffen von 18 auf 21 angehoben. Ansonsten betrifft das Umdenken aber vor allem die Schwächsten: Schon Kinder im Vorschulalter werden jetzt auf Amokläufe vorbereitet.

Nach dem Columbine-Massaker führten 32 Bundesstaaten Gesetze ein, die Schulen zu sogenannten Lockdown Drills verpflichten, also zum Training für Katastrophen wie Explosionen, Unwetter oder Amokläufe. Nach dem Sandy-Hook-Massaker verankerten sechs Bundesstaaten, darunter auch Kalifornien, «Active Shooter Drills» gesetzlich, also den speziellen Umgang mit einem Attentäter. Inzwischen üben die Kinder an knapp 95 Prozent aller US-Schulen mindestens einmal pro Jahr, wie sie sich bei einem Amoklauf verhalten sollen.

Die Schüler werden darauf gedrillt, aufeinander aufzupassen – oder einander zu beobachten.

Mein neunjähriger Sohn weiss jetzt nicht nur, was Kinder in Kalifornien bereits seit Jahrzehnten wissen müssen: Wie er beim Surfen aus dem Pazifischen Ozean kommt, ohne von der Strömung erfasst zu werden. Wo er bei einem Erdbeben am sichersten wäre. Wohin er bei einer Tsunami-Warnung laufen muss. Was die Hinweise auf Waldbrände und Erdrutsche sind. Er weiss jetzt auch, was er tun muss, wenn sich ein Amokläufer auf dem Gelände seiner Schule befindet – und wie man die Blutung einer Schusswunde an sich selbst stoppt oder am Körper eines Mitschülers.

Finn hat sogar einen ganz persönlichen Fluchtplan entwickelt: durch das östliche Fenster des Klassenzimmers nach draussen, über den Zaun – er ist ein ordentlicher Kletterer – und nicht durchs «Double Panic Gate» (eine Doppeltür aus Eisengitterstäben, die sich nur von innen öffnen lässt), dann nach rechts durch einen öffentlichen Park zur Polizeistation.

Ausserdem gibt es seit diesem Schuljahr einen 2,50 Meter hohen Eisenzaun mit drei Zentimeter dicken Gitterstäben um diese Grundschule, die jetzt ein bisschen wie ein Gefängnis aussieht. Aufs Gelände dürfen selbst die Eltern nur dann, wenn sie sich vorher anmelden und den Grund für den Besuch nennen; das eigene Kind abholen ist kein Grund, das Gelände zu betreten, die Eltern warten stets vor dem Zaun.

Die Schüler werden darauf gedrillt, aufeinander aufzupassen – oder, je nach Betrachtungsweise, einander zu beobachten, in der Präsentation heisst es: «Massaker werden sechs bis zwölf Monate vorher geplant. Bei vier von fünf Massakern kannte mindestens eine Person den Plan und hat niemanden informiert.»

Manche Eltern fordern Schusswaffen für die Lehrer

Wer mal bei so einer Übung dabei gewesen ist, der weiss, dass es nichts mit dem gemein hat, was man als ehemaliger Schüler eines bayerischen Gymnasiums unter «Probealarm» versteht. An dem Zaun, über den mein Sohn klettern will, steht ein Polizist mit gezogener Waffe und dirigiert die Schüler nach draussen.

Er zeigt ihnen, wo sie sich verstecken können und wohin sie laufen sollen. Die Kinder machen mit, es ist mehr Spiel als Ernst, auch wenn ihnen bei der Präsentation davor eingetrichtert wurde, dass ihr Leben davon abhängen könne, wie sie sich in diesem Moment verhalten.

Wie wichtig das richtige Handeln der Schüler und Lehrer bei einem Amoklauf ist, hat im November 2017 ein Amoklauf in Nordkalifornien gezeigt. Dabei versuchte der Attentäter auch, in eine Grundschule einzudringen. Die befand sich allerdings schnell im Lockdown-Modus. Der Täter feuerte etliche Schüsse auf die Schule, doch niemand wurde getötet.

Die Lockdown-Übungen sind sinnvoll, da sind sich Politik, Polizei und Bevölkerung ausnahmsweise mal einig.

«Es besteht kein Zweifel, dass das schnelle Handeln der Schulverantwortlichen dafür gesorgt hat, dass unzählige Leben gerettet worden sind», sagt Phil Johnston, der stellvertretende Sheriff im Bezirk Tehema. Schüler und Lehrer hätten sich vorbildlich verhalten, sie hätte die Klassenzimmer verbarrikadiert und sich an den exakt richtigen Orten versteckt. Daran, was ohne Lockdown passiert wäre, will Johnston gar nicht denken.

Sie sind sinnvoll, diese Lockdown-Übungen, da sind sich Politik, Polizei und Bevölkerung ausnahmsweise mal einig. Manchen Eltern geht das aber nicht weit genug. Sie fordern vehement, die Lehrer endlich mit Schusswaffen auszustatten, damit sie sich gegen einen Attentäter wehren können – auch an der Schule meines Sohnes.

Gefahr gehört zum Alltag im Paradies

Wollt ihr wirklich noch in diesem Land leben, fragen uns immer häufiger auch unsere Freunde aus Deutschland. Wir reagieren darauf mit einer Mischung aus wegschauen und schönreden. Wir blenden die Tatsache, dass Erdbeben, Waldbrände und Attentäter in Hermosa Beach zur Realität gehören gerne aus und beruhigen uns mit Studien, die den Schülern bei Lockdown-Übungen präsentiert werden. Diese besagen, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering ist, dass es einen selbst erwischt.

Vielleicht ist das Verstörende an diesen Übungen nicht, dass es sie gibt, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie angekündigt und durchgeführt werden – und der lapidare Umgang von Schülern, Lehrern und Eltern damit. Gefahr gehört nun mal zum Alltag in diesem Paradies, also nimmt man sie gleichmütig hin wie Sonnenschein und Ozean.

Mein Sohn spricht auf dem Heimweg über den Drill, wie er über Mathe spricht: nicht besonders aufregend, nicht besonders interessant, muss man halt durch. Er wisse durch das Videospiel «Fortnite», bei dem es ums Überleben auf einer Insel gegen 99 Attentäter geht, wo man sich am besten versteckt, wenn jemand eine Waffe hat und man selbst nicht. Er kenne deshalb den Unterschied zwischen Pistole, Schrotflinte und Schnellfeuerwaffe.

Man ist eine Sekunde lang froh über die Entscheidung, ihm das Spielen erlaubt zu haben – und bemerkt dann, wie dumm dieser Gedanke doch ist zu glauben, dass ausgerechnet ein Spiel wie Fortnite dabei helfen könnte, einen Amoklauf zu überleben.

Mein Sohn weiss, dass es Amokläufe gibt in diesem Land. Er weiss, dass es auch seine Schule treffen kann. Er weiss, was er bei einem Amoklauf tun muss: weglaufen, verstecken, kämpfen, notfalls mit Glasscherben und Murmeln.

Erstellt: 05.01.2019, 21:39 Uhr

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