Sparen bei den Schwachen

Der Trinkwasserskandal in der mehrheitlich schwarzen US-Stadt Flint ist kein Einzelfall. Latinos und Afroamerikaner müssen in den USA viel öfter die Folgen von Umweltverschmutzungen tragen als Weisse.

Ein Freiwilliger des Amerikanischen Roten Kreuzes bringt vergangenen Monat Trinkwasser in die Haushalte der Stadt Flint. Foto: Sarah Rice (Getty)

Ein Freiwilliger des Amerikanischen Roten Kreuzes bringt vergangenen Monat Trinkwasser in die Haushalte der Stadt Flint. Foto: Sarah Rice (Getty)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Obwohl der grösste Frischwasservorrat der Welt, der Huronsee, vor ihrer Haustür liegt, müssen sich die Einwohner von Flint weiter mit verseuchtem Trinkwasser abfinden. Das Problem der bleihaltigen Rohre ist zwar erkannt, aber die Behörden tun sich schwer damit, einen Skandal aufzulösen, der die Gesundheit von bis zu 9000 Kindern bedroht.

Flint ist eine verarmte und verlassene Stadt im nördlichen US-Bundesstaat Michigan. 40 Prozent der Bewohner sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Zwei Drittel sind Afroamerikaner. «Wäre Flint eine weisse Stadt, so wäre nie verseuchtes Trinkwasser in die Haushalte umgeleitet worden», sagt Madeline Stano, eine Umweltanwältin am ­Center on Race, Poverty and the Environment in Oakland, Kalifornien. «Aber Schwarze und Latinos müssen überall in den USA mit mehr Umweltschäden und höheren Gesundheitsrisiken leben als Weisse. Flint ist kein Einzelfall, sondern ein Paradebeispiel des Umweltrassismus.»

Bei Robert Bullard hat der Trinkwasserskandal alte Erinnerungen geweckt. Bullard ist Dekan der Texas Southern University in Houston und schreibt seit mehr als 30 Jahren Bücher und Artikel zum Thema Umweltrassismus. «Das war ein menschgemachtes, vermeidbares Problem. Der Staat Michigan ist der Ansicht, dass die Bürger von Flint nicht den gleichen Schutz benötigen wie andere, weil sie arm und überwiegend schwarz sind.» Diese Politik habe sich um keinen Deut verbessert, seit 1975 das Thema erstmals kritisch beschrieben worden sei. Arme und Minderheiten lebten in Amerika am nächsten zu den grossen Quellen der Umwelt­verschmutzung, weil sie politisch das geringste ­Gewicht hätten, sich nicht wehren können.

Schwarze Kinder haben öfter Asthma

Gesundheitsstudien zeigen, dass Atemwegs- und Lungenerkrankungen bei der schwarzen Bevölkerung in armen Städten deutlich häufiger sind als anderswo. Schwarze Kinder haben ein doppelt so hohes Risiko einer Asthmaerkrankung als weisse Kinder; die staatlichen Centers for Disease Control melden, dass sich die Asthmaanfälligkeit von schwarzen Jugendlichen zwischen 2001 und 2009 verdoppelt hat. «Flint bestätigt den traurigen Trend», sagt die Anwältin Stano im Gespräch. «Umweltbedingte Schäden treffen Haushalte von Minderheiten mit tiefen Einkommen überproportional.» Was den Skandal um das bleihaltige Trinkwasser in Flint allerdings besonders giftig macht, ist das Versagen der Behörden. Anders als in vielen anderen Städten ist es in Flint nicht nur eine veraltete Anlage, die den Bewohnern Kopfweh machte. «Hier waren der Gouverneur und sein Statthalter selber die Übeltäter», sagt Stano.

Der republikanische Gouverneur von Michigan, Rick Snyder, sieht das nicht so dramatisch. Die Frage, ob es sich bei Flint um ein Beispiel von Umweltrassismus handle, verneinte er kürzlich kategorisch. «Absolut nicht.» Vielmehr habe Michigan den hilflosen Bürgern Flints unter die Arme greifen müssen. Das Problem des vergifteten Wassers sei bloss nicht rechtzeitig erkannt worden, mehr nicht.

Für Umweltaktivsten aber sind solche Aussagen eine billige Ausrede. Als Hausfrauen in Flint sich letztes Jahr über die stinkende Brühe aus dem Wasserhahn beschwerten und den Behörden Wasserproben vorlegten, wurden sie ausgelacht. Das Wasser sei total in Ordnung, wurde ihnen beschieden. Ihre Klagen seien nicht nachvollziehbar, seien nichts anderes als die üblichen Beschwerden der Zukurzgekommenen. Zum Beweis trank ein Beamter der Wasserwerke vor den TV-Kameras ein Glas Wasser. Das war eine billige Show, denn die Anwohner waren angewiesen worden, den Wasserhahn mehrere Minuten lang voll aufzudrehen, bevor der städtische Kontrolleur auftauchte. Auf diese dreckige Weise wurde dem Giftwasser eine saubere Probe genommen, wurden die Bewohner hintergangen.

Politische Entmündigung

Verseuchtes Wasser und verpestete Luft sind aber auch die Folge eines beschädigten demokratischen Prozesses. In den vergangenen Jahren hatten die Bewohner von Flint ihre politischen Mitwirkungsrechte infolge der wirtschaftlichen Misere der Stadt weitgehend abgeben müssen – an einen Statthalter, der vom Gouverneur über die Köpfe der Bevölkerung hinweg eingesetzt wurde und der alle finanziellen Vollmachten hatte. Das gewählte Stadtparlament konnte bis vor kurzem nicht mehr frei entscheiden; auch der Bürgermeister war entmachtet. Geführt wurde Flint wie zeitweise auch die grosse, bankrotte Nachbarstadt Detroit von Notfallmanagern. Gouverneur Snyder setzte eine ganze Reihe solcher Verwalter ein – mit dem Auftrag, die Stadt so rasch als möglich finanziell zu sanieren. Sie gingen an die Arbeit und stellten als eine der ersten Sparmassnahmen sicher, dass das Wasser nicht mehr aus Detroit, sondern dem seit Jahrzehnten stark belasteten, säurehaltigen Flint River bezogen wurde. Das Wasser hätte chemisch aufbereitet werden müssen, um das Herauslösen von Blei in den Rohren zu verhindern. Doch auch dies unterblieb aus Kostengründen. Ohne Mitsprache der Bevölkerung konnten die «Emergency Manager» tun, wie ihnen beliebte. Kritik und Beschwerden fielen ­ihren Sparplänen zum Opfer.

Andere schwarze Krisenstädte machten die gleiche Erfahrung. «Die lokale Bevölkerung verliert jede Mitsprache und jedes Selbstbewusstsein», sagt Hubert Yopp, der Bürgermeister von Highland Park, einer von sieben Städten Michigans, die ­Snyder seit 2011 unter Vormundschaft gestellt hat. Highland Park ist zu 93 Prozent schwarz. Deirdre Waterman, die Bürgermeisterin von Pontiac, spricht von einer «künstlichen Unterbrechung der Demokratie» und sagt, solche Eingriffe dürften nur sehr kurz sein. Doch zahlreiche schwarze Städte müssen mehrere Jahre unter der Vormundschaft ­leben, ohne gesünder zu werden. Camden und ­Newark in New Jersey machten diese Erfahrung, in beiden Städten ist ein Neuanfang bisher nicht gelungen. Die lokale Bevölkerung habe einen Schock erlitten, erklärt Marcus Muhammad, der Bürgermeister der bevormundeten Kleinstadt Benton Harbor. «Die Einsetzung eines externen Krisenmanagers ist ein schreckliches Experiment.» Eine andere, bessere Strategie müsse gefunden werden, eine Strategie, «die nicht das Wasser, die Demokratie und die Gemeinschaft vergiftet».

Die Notfallmanager schieben nicht nur die demokratischen Spielregeln beiseite. Ihre oft drastischen Eingriffe setzen die Städte auch einer Serie von Schadenersatzklagen der betroffenen Bevölkerung aus, die den Unfrieden nur noch verstärken. «Der Verlust der Mitbestimmung ist herzzerreissend», sagt Madeline Stano. «Zusätzlich zum Schaden hat die Bevölkerung auch noch den Spott.» Stano ist in einem Vorort von Detroit aufgewachsen und arbeitete fünf Jahre für die Umweltschutz­behörde von Michigan. Dabei erlebte sie, wie die Behörde ihre Wächterrolle zusehends verlor und einen wirtschaftsnahen Kurs einschlug. Wenn Flint als Folge der Finanzmisere in einen Umweltskandal stürzt, sagt sie, ist dies kein Zufall, sondern logische Folge einer bewussten Vernachlässigung.

Wohnen an der Abfallgrube

Wie gravierend die Umweltlage für die Minderheiten in den USA ist, zeigt ein eben veröffentlichter Bericht des unabhängigen Center for Effective Government. Demzufolge leben in den USA 11,4 Millionen Menschen in unmittelbarer Nähe einer Anlage mit gesundheitsbelastenden Emissionen. Dazu zählen Öl- und Gasförderanlagen, aber auch offene Abfallgruben und Verbrennungswerke. Die Hälfte der Betroffenen sind Afroamerikaner oder Latinos. Kinder sind besonders betroffen: Zwei Drittel der umweltbelasteten 5,7 Millionen Kinder sind schwarz oder Latinos.

In alten Industriestädten wie Flint sind über­wiegend Afroamerikaner Opfer der Umweltver­giftung, in Kalifornien, Texas und Massachusetts bilden die Latinos die grösste Gruppe. Dabei spielt Kalifornien eine besonders fragwürdige Rolle, seitdem der demokratische Gouverneur Jerry Brown 2013 der Ölindustrie das Fracking in grossem Stil erlaubte und damit die Kleinstädte in der Umgebung der Ölfelder einem zusätzlichen Risiko ­aussetzte. Fracking produziert gemäss mehreren Studien mehr Luftschadstoffe als herkömmliche Förderverfahren.

Das Center on Race, Poverty and Environment hat deshalb eine Klage gegen den Staat Kalifornien eingereicht und wirft Gouverneur Brown vor, die Latinos mit seiner Erdölpolitik zu diskriminieren. «Die Klage will das Erbe der Benachteiligung der Minderheiten endlich beseitigen», sagt Stano. Gemäss der Klage leben in Kalifornien mehr als 5 Millionen Menschen im Umkreis von nur einer Meile um eine Öl- oder Gasförderanlage. Fast 2 Millionen sind einer gesundheitsschädigenden Luftbelastung ausgesetzt, und davon sind 92 Prozent Latinos oder Afroamerikaner. Dass die Belastung echt ist, zeigt folgender Umstand: Wenn es ­besonders stinkt, dann müssen viele Schulen die Türen und Fenster verriegeln. Die Kinder bleiben drin, bis sich die ­belastete Luft verzogen hat.

Bleiverseuchter Start ins Leben

So ist in Flint letztlich auch wieder ein altes, abgeschlossen geglaubtes Kapitel der amerikanischen Geschichte aufgeschlagen worden. «Der Skandal zeigt, dass unser Land auch 50 Jahre nach dem ­Civil Rights Act keine vollständige Gleichstellung der Minderheiten erreicht hat», sagt Stano. Auch der Krieg gegen die Armut sei noch nicht gewonnen.

Neben dem Wasserskandal geht leicht vergessen, dass die verarmten Innenstädte der USA ohnehin benachteiligt sind, die Gesundheitsversorgung dort im besten Fall lückenhaft ist. Hinzu kommt, dass arme Familien nicht genügend gut essen ­können. In Flint mit knapp 100 000 Einwohnern gibt es keinen einzigen grossen Supermarkt mit frischen Nahrungsmitteln mehr. Zahlreiche Familien leben in verkommenen, nie sanierten und mit Schadstoffen belasteten Häusern.

Ärzte in Flint rechnen damit, dass viele Kinder bereits mit Blei belastet waren, bevor sie das vergiftete Wasser tranken. Sie gehen sogar davon aus, dass praktisch alle 9000 Kinder aus den ärmsten Familien zu viel Schwermetall im Körper haben. Eine zu hohe Dosis Blei im Blut kann zu Verhaltensstörungen führen, Lernschwächen verstärken, ­gewalttätiges Verhalten auslösen.

Am meisten bedroht aber ist die Gehirnentwicklung von Säuglingen. Sie können ihr ganzes Leben an einer verminderten Lern- und Aufnahmefähigkeit leiden. Sie zahlen den grössten Preis für eine Umwelt, die für Minderheiten nicht so sauber ist wie für Weisse.

Erstellt: 04.02.2016, 23:10 Uhr

Artikel zum Thema

Obama greift mit Tabu-Wort «Nigger» in Rassismusdebatte ein

Nur weil viele Leute das «N-Wort» nicht mehr verwendeten, sei Rassismus noch nicht überwunden, sagte der US-Präsident – und löste damit eine Kontroverse aus. Mehr...

Der Tod des süssen Flusses

Ein Dammbruch verseucht das Trinkwasser von Millionen Brasilianern. Doch die Behörden verschweigen das Ausmass des Desasters. Auch weil die Minenkonzerne die Politik finanzieren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...