Streit seit 100 Jahren

Erst war sie ihnen zu deutsch, dann zu kommunistisch: Die Krankenversicherung für alle hält die Amerikaner auf Trab.

US-Präsident Lyndon B. Johnson unterschreibt im Juli 1965 den Social Security Act. Foto: Bettmann, Getty Images

US-Präsident Lyndon B. Johnson unterschreibt im Juli 1965 den Social Security Act. Foto: Bettmann, Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit dem Tag, an dem die Gesundheitsreform von Barack Obama verabschiedet wurde, am 20. März 2010, sprechen die Republikaner davon, Obamacare wieder abzuschaffen. Doch der Kampf gegen eine Krankenversicherung für alle ist nicht erst sieben Jahre alt, sondern dauert bereits über ein Jahrhundert – so lange schon schlagen sich Befürworter und Gegner in den USA die Köpfe ein und verbraten Milliarden an Dollar für Lobbyarbeit, um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Auch wenn sich die Formulierungen im Laufe der Zeit verändern, der argumentative Kern der Gegenseite bleibt stets derselbe: Eine staatliche Krankenversicherung, so die Kritiker heute wie gestern, wird als etwas zutiefst Unamerikanisches angesehen.

Es begann um das Jahr 1910, als liberale Kreise in den USA erstmals über eine Einführung einer Krankenversicherung debattierten. Das Vorbild war Deutschland, das Land mit dem weltweit ältesten sozialen Krankenversicherungsgesetz. 1911 waren die Briten dran, das Parlament verabschiedete ein nationales Versicherungsgesetz. In Amerika herrschte zu dieser Zeit Aufschwung und Optimismus, es war der Höhepunkt der sogenannten Progressiven Ära.

«Die Idee einer Krankenversicherung gewann 1916 so richtig an Momentum», sagt die Historikerin Jill Lepore, Professorin in Harvard und Autorin des «New Yorker». «Im Parlament in Kalifornien wurde über eine Krankenversicherung debattiert. Man wollte den Arbeitern der Massenindustrialisierung und den Bewohnern der boomenden Städte einen Schutz bieten», so Lepore. Die Idee verbreitete sich auf andere Staaten und gewann Unterstützer im ganzen Land.

Krieg als Totschlagargument

Doch dann zogen die USA in den Ersten Weltkrieg, was den Kritikern ein Totschlagargument verschaffte, denn plötzlich galt die Idee einer universellen Krankenversicherung als «zu deutsch», so Lepore. Es war von der Germanisierung Amerikas die Rede. Die Angst ging um, Kalifornien könne «zu preussisch» werden. Die politische Rhetorik, zwar völlig aus der Luft gegriffen, wirkte: Die Gegenseite behielt Oberwasser, das Thema war vorerst erledigt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Präsident Harry Truman, ein Demokrat, die Idee wieder auf und scheiterte mit seiner Gesundheitsreform und der Einführung eines Krankenversicherungssystems für alle, in Form des heutigen Medicaid und Medicare. Erst Präsident Lyndon B. Johnson sollte es 1965 gelingen, einen steuerfinanzierten Gesundheitsschutz für Alte und Bedürftige trotz Gegenwehr von rechts zu etablieren.

Die Republikaner sprachen damals nicht mehr von einer Germanisierung, sondern von einer «sozialistischen Medizin». Eine staatliche Krankenversicherung wurde als erster Schritt zum Sozialismus verstanden, als Angriff auf die persönliche Freiheit. In Radiowerbungen hiess es, der «American Way of Life» sei in Gefahr. Die damals bekannte ­Lobbyfirma Whitaker & Baxter, ­Vorreiter im Geschäft der Politkampagnen, erhielt die Rekordsumme von einer Million Dollar, um gegen die Krankenversicherung mobilzumachen – was ihr auch gelang.

Nach dem Vorwurf, ein staatliches Versicherungssystem sei zu sozialistisch, hiess es auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, es sei eine Erfindung der Sowjetunion. «Ob erst die Angst vor Deutschland und später vor den Kommunisten, die Rhetorik der Gegner blieb dieselbe und wirkt bis heute», sagt die Historikerin Lepore. Immer kam der Feind von aussen, immer ging es um den Verrat an amerikanischen Werten und den Angriff auf die individuelle Freiheit. «Es wurde damals wie jetzt vor einem Kollektivismus gewarnt», so Lepore. Deshalb habe das Solidaritätsprinzip in den USA im Vergleich zu Europa einen derart schweren Stand: «Seit hundert Jahren wird mit allen Mitteln der Einflussnahme dagegen angekämpft.»

Und wie vor hundert Jahren, so fussen die Argumente der Gegenseite auch jetzt auf einer Art Sozialdarwinismus. Der Stärkere soll überleben, sagte man sich früher. Heute heisst es, der Markt soll es halt richten. Dabei kann kein Gesundheitssystem der Welt marktbasiert funktionieren, denn das Prinzip von Angebot und Nachfrage hat keine Bedeutung im Gesundheitssystem. Wer an Krebs erkrankt, kann nicht aus Behandlungsmethoden auswählen und sich für die Günstigste entscheiden.

Kein Eingriff in die Freiheit

Gemäss Historikerin Lepore liege es aber jedoch nicht nur an den Gegnern, dass die staatliche Krankenversicherung in den Vereinigten Staaten so unbeliebt ist. Sondern an den Befürwortern, die es bis heute nicht verstanden haben, den Menschen in diesem Land in einfachen Worten zu erklären, warum ein Krankenschutz kein Eingriff in die Freiheit des Einzelnen sei.

Dass in Amerika bis heute derart aggressiv über eine Idee debattiert werde, die allen Menschen ein besseres Leben ermögliche, so Lepore, sei nur aus dieser hundertjährigen Geschichte zu verstehen. Wie auch immer die aktuelle Debatte ausgehe, sagt Lepore: dieser Kampf sei nicht vorbei.

Erstellt: 25.07.2017, 22:57 Uhr

Obamacare

Erster Erfolg für Trump

Es ist ein Teilerfolg für die Republikaner und Präsident Donald Trump. Im US-Senat wurde gestern darüber abgestimmt, ob weiter über eine Auflösung von Obamacare debattiert werden soll. Mit einer knappen Mehrheit von 51 zu 50 Stimmen gewannen die Republikaner die erste ­Abstimmung über die Zukunft des ­Krankenversicherungsgesetzes. Trump bezeichnete den Abstimmungserfolg als «grossen Schritt». Welche Teile des Gesundheitssystems von Barack Obama ersetzt werden sollen, ist allerdings unklar.

Nach Monaten, in denen die Republikaner davon sprachen, die Kranken­versicherung von Obama durch ein «besseres System» zu ersetzen, war dies der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die Republikaner einigen konnten: die Debatte über die Auflösung soll weitergehen. Aber niemand weiss, wohin sie führt. Lange war nicht einmal bekannt, worüber gestern abgestimmt werde sollte. Unter demokratischen Senatoren herrschte Ratlosigkeit, einige bezeich­neten die Abstimmung als «mysteriös». Senator Bob Corker aus New Jersey sprach vom «Wilden Westen».

Einen Tag vor der Abstimmung forderte Präsident Donald Trump den Senat dazu auf, «das Richtige» zu tun. Er bezeichnete dabei das bestehende Gesundheitsgesetz Obamas als «Tod» und «Albtraum». Auf Twitter schrieb er, die Abstimmung am Dienstag sei für die Republikaner die letzte Gelegenheit, das Gesetz abzuschaffen und zu ersetzen.

Höhepunkt der Abstimmung war die Rede des an Krebs erkrankten Senators John McCain, der für die Abstimmung nach Washington zurückkehrte. Der 80-Jährige wird derzeit in seiner Heimat Arizona wegen eines Hirntumors be­handelt. In einer aufwühlenden Rede sagte er, dass er mit seiner Stimme zwar die Debatte, aber nicht die von Trump vorgeschlagene Reform unterstütze. «Wir kriegen nichts auf die Reihe, meine Freunde!», kritisierte er die Politiker und sich selbst. «Unser Gesundheits­system ist ein Chaos. Irgendetwas muss passieren.» An die Adresse Trumps ­gerichtet, sagte McCain, der von seinen Senatskollegen mit Standing Ovations empfangen wurde: Amerika sei ein ­wunderbares Land und müsse sich «nicht hinter Mauern» verstecken.
Sacha Batthyany, Washington

Artikel zum Thema

Wer ist die «Frau mit den Augenbrauen»?

Der US-Präsident hielt eine Rede gegen Obamacare. Doch die Aufmerksamkeit galt einer Zuhörerin, die hinter ihm stand. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Mit unserem Vergleichsdienst finden Sie die geeignete Krankenkasse.
Jetzt vergleichen.

Paid Post

Rioja fasziniert mit neuer Vielfalt

Die Winzer aus der Region Rioja glänzen mit stetig zunehmender Finesse und Vielfalt. Neben Weissweinen sind auch Einzellagen, Orts- und Gebietsweine auf dem Vormarsch.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...