The Apprentice im Weissen Haus

Donald Trumps Aussenpolitik kennt nur eine Maxime: America first. Damit wird er vor allem Verlierer produzieren.

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Präsident Donald Trump. Auch zwei Tage nach der Wahl fällt es schwer, sich daran zu gewöhnen. Doch Trump tritt am 20. Januar 2017 sein Amt an. Dabei ist er in keiner Weise vorbereitet, er ist ein Novize, ein Lehrling, ein «Apprentice» eben. So heisst Trumps TV-Realityshow: Ab 2004 trat er dort auf, bis er im Juni 2015 seine Kandidatur fürs Präsidentenamt bekannt gab. Es war die Basis seines Wahlerfolgs: 14 Staffeln und 185 Episoden lang Trump, präsidentiell und immer im besten Licht.

Der Übergang zum Wahlkampf verlief nahtlos, egal ob Show oder News, Hauptsache Fernsehen und Fernsehzuschauer. Nun aber folgt der Höhepunkt, einfach mit anderem Filmset, aber mit Trump als Regisseur, Hauptdarsteller und Produzent. Im Weissen Haus muss er sich nicht mehr präsidentiell geben – er ist ja Präsident. Gleichzeitig aber auch ein Apprentice: Dem 45. US-Präsidenten fehlt jede politische Erfahrung, er leistete keinen Militärdienst und gilt als beratungs­resistent – er ist ja schliesslich Trump. Das kann fatale Folgen haben, vor allem in der US-Aussenpolitik: Die 96 Prozent der Weltbevölkerung, die am Dienstag nicht wählen durften, werden sie genauso spüren wie die Amerikanerinnen und Amerikaner, schreibt Richard Haass, Präsident des US-Thinktanks Council on Foreign Relations.

Vor allem in Europa wirkte Trumps Wahlerfolg zunächst wie ein Schock, inzwischen ist man besorgt. Zu Recht, wie die russische Regierung am Donnerstag bestätigt hat: Moskau stand während des US-Wahlkampfs mit dem Team des republikanischen Kandidaten in Verbindung. «Es gab Kontakte», räumte der stellvertretende Aussenminister Sergei Rjabkow ein. Das Team Trump hatte dies stets bestritten. Umso mehr wirft das Fragen auf: Hat Moskau Trumps Wahlkampf mit Geld unterstützt? Haben russische Hacker die Mails von Clinton-Leuten gehackt? Oder wurden gar die veralteten Wahlmaschinen manipuliert? Wladimir Putin dementierte nur halbherzig.

Bündnisse eine Erfolgsstory

Weil der Kreml-Führer den Westen derzeit herausfordert, in der Ukraine, in Syrien und auch auf dem Balkan, hat man in Europa besorgt reagiert, als Trump im Wahlkampf die Nato als «überflüssig» bezeichnete. Der inzwischen gewählte Präsident kündigte an, die Alliierten müssten für ihre Sicherheit künftig bezahlen, cash. Das wäre wie bei den alten Römern, die die Hegemonialkosten in den Provinzen eintrieben. Dabei übersieht der Politneuling Trump, dass die Nato wie die Bündnisse mit Japan und Südkorea auch der Sicherheit Amerikas dient.

Die USA haben nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa und Asien mit Soldaten und Dollars Allianzen aufgebaut, um Krisen und Konflikte von den eigenen Küsten fernzuhalten. Das Ganze ist eine Erfolgsgeschichte, das friedliche Ende des Kalten Kriegs der Höhepunkt. Den Bündnisfall «Einer für alle, alle für einen» musste die Nato nur einmal ausrufen, am 11. September 2001 – auf Antrag der USA. Zieht sich Trump auch nur teilweise aus der Nato zurück, produziert er auf beiden Seiten des Atlantiks nur Verlierer.

In seiner Siegerrede versprach er zwar gute Beziehungen zu den Verbündeten. Wichtiger war aber, was er davor gesagt hatte: «Amerikas Interessen werden wir immer an die erste Stelle setzen.» Das lässt Interpretationsspielraum offen, zumal seine wirren Äusserungen zur Aussenpolitik nur einen gemeinsamen Nenner aufwiesen: America first, also eine Rückbesinnung Amerikas auf sich selbst und der Abschied aus der komplizierten Welt­politik.

Das geht so weit, dass Trump Japan und Südkorea in Aussicht stellte, ihnen beim Bau von Atomwaffen zu helfen, um die Steinzeitkommunisten in Nordkorea ohne US-Hilfe abschrecken zu können. Das wäre eine komplette Kehrtwende zur amerikanischen Maxime, dass möglichst wenige Länder über Nuklearwaffen verfügen sollten. Klar, inzwischen gibt es neun Atommächte, aber es wären wohl einige mehr, wenn die USA nicht dagegen­gehalten hätten, zuletzt mit der Vision einer nuklearwaffenfreien Welt.

Obwohl dieses Ziel unerreichbar scheint, ist es Barack Obama wenigstens gelungen, den Iran mit dem Atomabkommen zurückzubinden – für Trump der «dümmste Deal aller Zeiten». Der künftige Präsident hat angekündigt, die Vereinbarung mit Teheran zu kippen. Die Hardliner im Iran um Revolutionsführer Ali Khamenei, die dem Atomdeal kritisch gegenüberstehen, freuen sich bereits, dass das verblichene Feindbild Amerika dank Trump einen neuen Anstrich erhält.

Überhaupt muss bei den Diktatoren Hochstimmung herrschen. Angefangen bei Bashar al-Assad, der sich zurücklehnen und seine Landsleute nun ungestört massakrieren kann. Er hat kaum mehr etwas zu befürchten, Schutzherr Putin wird das mit Trump schon ausdealen. Der neue Präsident will in Syrien lediglich die IS-Terroristen, seine Lieblingsfeinde, in Grund und Boden bomben. Als ob dies die US-Streitkräfte nicht längst täten.

Trotz all dieser Bedenken bricht am Tag von Trumps Vereidigung nicht der dritte Weltkrieg aus. Auch wird der neue Präsident kaum wie ein moderner Nero auf dem Truman-Balkon des Weissen Hauses erscheinen. Trotzdem: Es gibt nicht viel Grund für Zuversicht, wenn Hardliner wie John Bolton und Newt Gingrich als US-Aussenminister im Gespräch sind. Sie würden dem aussenpolitischen Lehrling Trump die Welt wohl so erklären, wie er sie bereits sieht. Und das wäre dann wieder wie einst bei «The Apprentice», eine neue Staffel, diesmal einfach «live from the White House». Mit dem Unterschied, dass Donald Trump jetzt nicht mehr der Star einer Realityshow ist, sondern als Präsident Realität.

Erstellt: 10.11.2016, 23:11 Uhr

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