Tortenschlacht um Homo-Ehe

Ein Konditor weigert sich, einem schwulen Paar die Hochzeitstorte zu dekorieren. Der amerikanische Supreme Court entscheidet heute über den Fall, der die USA spaltet.

Jack Phillips backt in Lakewood im US-Bundesstaat Colorado Hochzeitstorten – aber nicht für gleichgeschlechtliche Paare. Foto: Matthew Staver (Getty Images)

Jack Phillips backt in Lakewood im US-Bundesstaat Colorado Hochzeitstorten – aber nicht für gleichgeschlechtliche Paare. Foto: Matthew Staver (Getty Images)

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An einem Vormittag im Juni 2012 betraten Charlie Craig und David Mullins eine kleine Konditorei in einem Vorort von Denver. Die beiden jungen Männer waren frisch verheiratet, sie hatten für die Trauung eigens nach Massachusetts reisen müssen, da die gleichgeschlechtliche Ehe in ihrem Heimatstaat Colorado damals, vor fünf Jahren, noch nicht legal war. Zurück in Denver, planten sie ihr Hochzeitsfest, die Torte sollte möglichst ausgefallen sein.

Craigs Mutter war an jenem Junitag mit in der Konditorei, sie trug ein Buch mit Ideen und Zeichnungen bei sich, die sie mit dem Konditor, Jack Phillips, besprechen wollten. Phillips’ Laden wurde ihnen von ihren Freunden empfohlen, «der Bäcker sei ein wahrer Künstler», hatte man ihnen gesagt, doch der hagere Mann schüttelte bereits nach zwei Minuten den Kopf. «Ich backe keine Torten für gleichgeschlechtliche Hochzeitsfeste», habe er gesagt und auf seine religiösen Ansichten verwiesen. «Tut mir leid, Leute», entschuldigte sich Phillips und stand auf.

Craig und Mullins schrieben über ihre kurze Begegnung mit dem Konditor einen Facebook-Eintrag, der sich schnell verbreitete. «Wenn ihr denkt, das Verhalten des Bäckers sei diskriminierend, dann ruft in der Konditorei an und beschwert euch», schrieben sie. In Phillips Masterpiece Cake­shop, einem kleinen Laden in einer Einkaufspassage in Lakewood, klingelte es bald ununterbrochen. Phillips wurde beleidigt und als Schwulenhasser bezeichnet, vor seinem Geschäft demonstrierten Menschen mit Regenbogenfahnen. All dies geschah vor mehr als fünf Jahren. Der Fall hat bereits mehrere Gerichte beschäftigt, beide Seiten haben sich mit Anwälten versorgt und Lobbyorganisationen um sich geschart, die ihnen den Rücken stärken, denn hier prallen zwei Welten aufeinander. Am Dienstag nimmt sich nun der Supreme Court, der oberste Gerichtshof, des Streits um die Hochzeitstorte an.

Das Paar, Craig und Mullins, hat den Konditor verklagt. Ein Berufungsgericht gab ihnen recht und entschied, dass Jack Phillips gegen das Diskriminierungsverbot verstossen habe. «Phillips hat das Recht, seine Meinung zu äussern. Er darf auch seinen Kunden sagen, er halte die Homo-Ehe für eine Sünde. Das Gesetz in Colorado aber verbietet, die Kunden nach ihrer sexuellen Orientierung auszuwählen», sagt James Esseks, Jurist der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union. Will Phillips seinen Laden behalten, muss er seine Hochzeitstorten also auch an Schwule und Lesben verkaufen.

Wer kauft noch beim bösen Bäcker?

Die Sicht des Konditors, der in Berufung ging, ist freilich eine andere. Er würde alle Menschen gleich behandeln, egal, welcher Religion oder sexuellen Neigung, sagte Phillips, ein nachdenklich wirkender Mann, in seiner Backstube. Ihm gehe es nur um diese Hochzeit, die er nicht unterstützen wolle. Für Phillips gehören zu einer Ehe Mann und Frau, so stehe es in der Bibel, die dem Konditor alles bedeutet. Phillips verwies auf sein Recht auf Religionsfreiheit und freie Meinungsäusserung, die im ersten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung festgehalten seien. Für ihn sind seine Torten mehr als bloss Backwaren mit buntem Zuckerguss, es seien Aussagen, mit denen er sich zu einem Fest bekenne, das seinen Überzeugungen widerspreche.

Phillips’ Geschäft, ein Familienunternehmen, hat bereits 40 Prozent Umsatz eingebüsst, wer will schon eine Torte bei einem Mann, der im Internet als «böser Bäcker von Denver» bezeichnet wird? Er hatte einst zehn Mitarbeiter, nun seien es noch vier, darunter seine jüngste Tochter, die in einem Fernsehbeitrag sagte: «Mein Vater ist ein guter Mensch.» Sie verstehe den Aufschrei nicht. «Wenn sich Muslime oder Juden aufgrund ihrer Religion weigern, gewisse Tätigkeiten auszuführen, regt sich auch niemand auf.»

Im Juni 2015 hat der Oberste Gerichtshof der USA die gleichgeschlechtliche Ehe zwar im ganzen Land erlaubt. Der Widerstand ist in konservativ geprägten Bundesstaaten im Mittleren Westen und im Süden der USA aber weiterhin gross. Der Fall des Konditors aus Colorado ist längst nicht der einzige: Es gab Standesbeamte, die aus religiösen Bedenken keine Trauungen von Schwulen und Lesben durchführen wollten, es gab Floristen und Fotografen, die Aufträge absagten, als sie hörten, dass es sich um ein gleichgeschlechtliches Hochzeitsfest handelt. «Es macht mir Angst, wenn der Staat dir befehlen darf, was du sagen darfst und tun musst, und dich bestraft, wenn du es nicht tust», sagte die republikanische Abgeordnete Vicky Hartzler, die sich für Phillips starkmachte. Sie hatte in diesem Sommer bereits gefordert, Transgender-Personen aus dem Militär zu verbannen, weil sie eine «Gefahr für die USA» bedeuten würden. Rückendeckung erhält der Konditor aus Colorado auch von der Lobbyorganisation Alliance Defending Freedom (ADF), die von einem «Krieg gegen christliche Werte» spricht und die Rechte der LGBTQ-Gemeinschaft – stets unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit – beschneiden will. Zu den prominentesten Spendern der ADF gehört die Familie von Betsy DeVos, Donald Trumps Bildungsministerin.

«Wir wollten doch nur eine Torte»

Selbst das US-Justizministerium hat sich in einer Stellungnahme zum Konditor bekannt. Phillips dürfe nicht gezwungen werden, mit seiner Torte an einem Fest teilzunehmen, das seinen religiösen Ansichten widerspreche, weil es «seine Grundrechte gefährde», hiess es in einem Schreiben des von Jeff Sessions geführten Ministeriums.

Vor dem Obersten Gerichtshof in Washington D. C. kam es übers Wochenende derweil zu kleineren Demonstrationen. Einige hielten Schilder in die Kameras, welche die Homo-Ehe verteufeln, andere wähnen sich in den Fünfzigerjahren, als man Schwarzen in den Restaurants das Essen verweigerte.

Das Paar selbst, Charlie Craig und David Mullins, gibt sich zuversichtlich. «Fünf Jahre dauert dieser Streit bereits. Wir sind sicher, dass uns auch der Supreme Court recht geben wird und es sich gelohnt hat, dafür zu kämpfen», sagten sie im Fernsehen. Dann fügten sie an: «Alles, was wir wollten, war eine Torte für das Fest der Liebe.»

Erstellt: 04.12.2017, 23:34 Uhr

Trumps Kulturkampf mit der Weihnachtskarte

Die evangelikalen Christen, zu denen Jack Phillips, der Konditor aus Denver, zweifellos gehört, stellen eine einflussreiche Wählergruppe in den USA. Gemäss Schätzungen macht die sogenannte religiöse Rechte etwa 26 Prozent der Bevölkerung aus. Vereint hat sie in der Vergangenheit ihr Hass auf den ehemaligen Präsidenten Barack Obama, von dem sie sich vernachlässigt, zurückgedrängt oder verraten fühlte. Vereinzelt war von Obamas «homosexueller Agenda» die Rede, die die Religionsfreiheit in Amerika bedrohen würde. Andere sprachen von einem «Krieg gegen das Christentum» oder – je nach Jahreszeit – von einem «Krieg gegen Weihnachten». Man dürfe sich nicht mal mehr «schöne Weihnachten» wünschen (Merry Christmas), hiess es aus evangelikalen Kreisen, stattdessen hätte sich unter Obama die politisch korrekte Bezeichnung «schöne Feiertage» durchgesetzt (Happy Holidays).

Angestachelt durch wertkonservative Medien und rechte Radiohetzer sahen sich die Evangelikalen in den vergangenen Jahren als Opfer einer immer liberaleren Politik aus Washington, die auf Multikulturalismus setze und christliche Standpunkte, beispielsweise in der umstrittenen Abtreibungsfrage, mit Füssen trete. Ihre politische Heimat fanden viele in der Tea-Party-Bewegung, welche die republikanische Partei in der jüngeren Vergangenheit zunehmend nach rechts drängte.

Ähnlich wie etwa bei den Stahlarbeitern im Mittleren Westen, deren Gefühlslage und Ängste Donald Trump als Kandidat so gut erkannte und erfolgreich bespielte, traf er auch bei den Evangelikalen den richtigen Ton. Er werde den «Krieg gegen das Christentum» beenden und alte Traditionen wieder hochleben lassen, sagte er im Wahlkampf wiederholt. «Als Präsident werde ich uns allen wieder schöne Weihnachten wünschen.»

Wichtige Besetzung von Richterposten

Dass in den Präsidentschaftswahlen 2016 mehr als 80 Prozent der Evangelikalen für Trump stimmten, war dann aber doch überraschend. Trumps Lebensstil, seine Frauenfeindlichkeit und die Jahre als Casino-Mogul, entsprechen nicht dem Ideal, das sich die religiöse Rechte sonst auf die moralische Fahne schreibt. Zudem hat Trump im Laufe seines Lebens seine Haltung zur Abtreibung schon zu oft geändert, als dass man mit Sicherheit sagen kann, wofür er wirklich steht. Doch die Frommen nehmen es offenbar nicht so genau und sehen in Trump ihren Retter. Der Mann, der die Grenzen für Muslime dichtmachen wollte, soll den evangelikalen Christen zur neuen alten Blütezeit verhelfen.

Befragungen zeigen, dass Trump bei den Evangelikalen in erster Linie mit seinem Versprechen punkten konnte, einen konservativen Richter an den Obersten Gerichtshof zu berufen. «Wir Christen wissen, dass die Themen, die uns wichtig sind – Religionsfreiheit oder der Schutz des Lebens – letztlich von Gerichten entschieden werden», sagte etwa Pastor Robert Jeffress aus Texas, ein enger Vertrauter des Präsidenten, der mit Trump im Oval Office häufig betet. Jeffress, dessen Gottesdienste über evangelikale TV-Stationen und Radiosender in die gesamten USA übertragen werden und der sich schon kritisch zu Homosexualität geäussert hat, nannte Trump unlängst ein «Geschenk Gottes».

Trump hat zumindest seine Wahlversprechen gegenüber den Evangelikalen gehalten: Seine Weihnachtskarte ziert die Grussbotschaft «Merry Christmas». Viel wichtiger aber war seine Berufung des Abtreibungsgegners Neil Gorsuch an den Obersten Gerichtshof. «In der Vergangenheit haben sich Gorsuchs Urteile negativ auf die LGBTQ-Gemeinschaft ausgewirkt», schrieb die juristische Fakultät der University of California in einer Bewertung. Umso gespannter wird das Urteil im Tortenstreit erwartet, das weitreichende Folgen haben wird. Eine Niederlage des schwulen Paars würde bedeuten, dass Homosexuelle jederzeit damit rechnen müssten, dass man ihnen Dienstleistungen verwehrt. Verliert der Konditor, hiesse das, dass man fromme Menschen wie Phillips zu Arbeiten zwingen kann, die ihren religiösen Ansichten widersprechen.
Sacha Batthyany, Washington

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