Das Magazin, das die Russland-Affäre auslöste

«Mother Jones» hat noch vor der Wahl über die Verstrickungen von Donald Trump mit Russland berichtet. Das Magazin hat seither grossen Erfolg.

Trump-kritisches Cover: Mutmassliche Verbindungen nach Moskau.

Trump-kritisches Cover: Mutmassliche Verbindungen nach Moskau.

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Am 31. Oktober 2016, eine Woche vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, wartete «Mother Jones» mit einer brisanten Enthüllung auf: Seit mindestens fünf Jahren pflege Russland enge Beziehungen zu Donald Trump, habe ihm belastendes Material über Hillary Clinton zugespielt und verfolge das Ziel, den demokratischen Prozess in den USA zu unterwandern. Obwohl die Zeit nicht reichte, die Enthüllungen mit weiteren Recherchen abschliessend zu klären, entschieden sich die Herausgeberinnen des Magazins zur Publikation der Schlussfolgerungen des früheren britischen Agenten Christopher Steele.

«Mother Jones» tat etwas, was prominentere Medien nicht wagten. Auch die «New York Times» zum Beispiel wusste vom Steele-Dossier und den Verdachtsmomenten über eine Kollusion zwischen Trump und Moskau. Aber sie schwiegen und begingen eine möglicherweise wahlentscheidende Unterlassungssünde.

Steele Paper nicht widerlegt

«Die Wähler hatten das Recht zu wissen, dass die Bundespolizei FBI die Russland-Papiere ernst nimmt und sie untersucht», erklärt die Geschäftsführerin von «Mother Jones», Monika Bäuerlein, heute. «Deshalb haben wir darüber berichtet, auch wenn wir den Inhalt nicht restlos überprüfen konnten.» Das wagemutige Vorgehen liess die «New York Times» noch am gleichen Tag ins Leere laufen, indem sie vermeldete, das FBI sehe keine direkten Beziehungen zwischen Trump und Russland; eine Behauptung, die entkräftet wurde, als das Steele-Dossier über andere Kanäle in voller Länge publiziert wurde.

Die von Steele beschriebenen Vorgänge in Russland wurden bis heute in keinem zentralen Punkt entkräftet. Auch Sonderermittler Robert Mueller dürfte auf sie eingehen, wenn er seinen demnächst erwarteten Schlussbericht publiziert. Doch hätte sich die korrekte Darstellung des Magazins schon vor den Wahlen durchgesetzt, davon ist Bäuerlein heute überzeugt, «wäre genug Zeit geblieben, eine ganz andere Diskussion über die Wahl zu führen».

Es war das ein seltener Rückschlag, aber kein Grund für die Blattmacherinnen Monika Bäuerlein und Clara Jeffrey, nachzulassen. Ganz im Gegenteil. Für «Mother Jones» erwies sich die Trump-Wahl als willkommener Antrieb fürs Geschäft. In den letzten zwei Jahren legte die Reichweite des in San Francisco herausgegebenen Magazins deutlich zu. Bäuerlein konnte mehr Journalisten einstellen und vor allem das digitale Angebot stark ausbauen. Das gedruckte ­Magazin erscheint nur sechsmal im Jahr, aber die Website liefert täglich eine ­konzise, auf das Wesentliche beschränkte Übersicht des Weltgeschehens. Die ­Negativspirale zwischen sinkenden Werbeeinnahmen und geringerer Beachtung, an der viele andere, grössere Medien leiden, blieb «Mother Jones» ­erspart. «Unser Ziel war es immer, die Leserschaft zu erweitern. Das ist uns auch dank den sozialen Medien ­gelungen.»

Sozial engagiert: Titelstory über hoch verschuldete US-Studenten. Fotos: «Mother Jones»

Der Erfolg musste hart erarbeitet werden. Als Bäuerlein vor 15 Jahren zum Magazin stiess, bestand die Redaktion aus sechs Journalisten. Heute beschäftigt «Mother Jones» in San Francisco und Washington fast 60 festangestellte Journalisten und verfügt über ein Budget von mehr als 17 Millionen Dollar. Das sind fast 5 Millionen Dollar mehr als vor drei Jahren. Die Auflage liegt bei 233'000 Exemplaren, und die Online-Ausgabe wird monatlich von sechs bis acht Millionen Lesern genutzt, viermal mehr als vor vier Jahren. Doch noch eindrücklicher ist die publizistische Leistung. «Mother Jones» war 31-mal Finalistin für die Auszeichnung als Magazin des Jahres und gewann 2017 den begehrten Preis als bestes Magazin. MoJo hat solche Preise für ausserordentlich tief recherchierte, aufwendige Reportagen erhalten, die dem Mainstream ausweichen.

Reportage für 350'000 Dollar

Zum Beispiel war es ein Reporter von «Mother Jones», der als Undercover-Angestellter eines Gefängnisses die Missstände des privatisierten Strafvollzuges in den USA aufdeckte. Die Reportage kostete 350'000 Dollar und erregte landesweites Aufsehen. Die Missbräuche waren derart gravierend, dass sich Präsident Obama entschied, die Verträge der Regierung mit den privaten Haftanstalten aufzulösen. (Trump hat den Entscheid wieder rückgängig gemacht.)

Es war auch «Mother Jones», das 2012 einen Videomitschnitt von Mitt Romney publizierte, wie er sich vor seinen Geldgebern verächtlich über die Obama-Wähler äusserte. Auch diese Geschichte warf hohe Wellen und dürfte Romney die Wahlchancen gekostet haben. Für das Magazin aber war sie ein hohes Risiko, weil ein schwerreicher Romney-Geldgeber eine Verleumdungsklage einreichte und im ersten Umgang auch gewann. Doch MoJo setzte sich in der Berufung durch. Allerdings sprach das Gericht dem Magazin keine Entschädigung für die Prozesskosten von über 2 Millionen Dollar zu.

Das Magazin finanziert sich zu 68 Prozent aus Abonnementen und Spenden.

Dafür zahlte sich aus, dass das Magazin gezielt in die Leserbindung investiert hatte und mit Spenden den Schaden ausgleichen konnte. Inzwischen finanziert sich das Magazin zu 68 Prozent aus Spenden und Abonnementen, und nur gerade 13 Prozent der Mittel kommen aus der Werbung. «Das macht uns gegenüber unseren Lesern verantwortlich, die wie wir einer lebendigen Demokratie und einer freien, furchtlosen Presse verpflichtet sind.»

Während die meisten Medien verzweifelt versuchen, mit den digitalen Inhalten Geld zu machen, hat «Mother Jones» auf seiner Website keine Bezahlschranke. «Wir wollen unser tägliches Angebot einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich machen, nicht nur jenen, die bereits gut informiert sind. Und jene Leser, die es sich leisten können, sind auch gerne bereit, uns zu finanzieren», erklärt Bäuerlein ihren Entscheid, den sie auf keinen Fall infrage stellen will. Sie ist überzeugt, dass Medien in Zukunft nicht mehr überwiegend mit Werbung finanziert werden können, sondern sich zur Hauptsache auf die Leser abstützen müssen.

Im Einzelfall kann das ein Sponsor sein wie der Gründer der Anzeigenwebsite «Craiglist». Craig Newmark schickte letztes Jahr einen Check von einer Million Dollar als Teil seiner Kampagne zur Förderung des aufgeklärten Journalismus. Zunehmend gehen grosse Titel in den USA einen anderen Weg. Sie verkaufen sich an reiche Investoren. Die «Washington Post», die «Los Angeles Times» oder der «Boston Globe» – sie alle hoffen, mit der Hilfe von Milliardären überleben zu können. Für Bäuerlein kommt das nicht infrage: «Als Grundlage der freien Medien kann man sich nicht auf eine Einzelperson verlassen.»

Monika Bäuerlein, Geschäftsführerin deutscher Herkunft. Foto: Walter Niederberger

Bäuerlein hat journalistisches Blut in ihren Adern. Ihr Vater Heinz Bäuerlein war Korrespondent für den Bayerischen Rundfunk und das Erste Deutsche Fernsehen. Nach Versuchen als freie Journalistin ging die 54-jährige ge­bürtige Münchnerin mit einem Fulbright-Stipendium in die USA und arbeitete in Minnesota für eine Studentenzeitung. Dort habe sie «journalistisch Blut geleckt». Bei «Mother Jones» war sie als investigative Reporterin tätig, bevor sie 2015 zur Geschäftsführerin ernannt wurde.

Ihr europäischer Hintergrund hilft ihr heute auch, das Phänomen Trump einzuordnen. Eine direkte Linie vom Nationalsozialismus in Deutschland und Faschismus in Italien zum Autokraten im Weissen Haus will sie nicht ziehen. «Die zivile Gesellschaft in den USA heute ist stärker. Wir haben zum Beispiel gesehen, wie die Wahl von Trump viel demokratische Energie freigesetzt hat, unter anderem mit den Märschen der Frauen.» Bäuerlein gibt sich recht gelassen. «In den USA fehlt die grosse Mehrheit, einem autoritären Leader zu folgen. Und eigentlich braucht es gar nicht so viel, Trump in zwei Jahren abzuwählen.» Doch absolut resistent ist auch die US-Demokratie nicht, räumt sie ein und verweist auf Präsident Barack Obama. Eine einzige Amtszeit Trump könne das System noch verkraften, so sagte Obama kürzlich im privaten Kreis, doch sollte er eine zweite Amtszeit bekommen, sei dies nicht mehr so sicher.

Bedrohte Demokratie

Das Magazin, das 1976 gegründet wurde und nach der militanten Gewerkschafterin Mary Harris Jones benannt ist, hält sich so gut wie möglich aus den Twitter-Stürmen des Präsidenten heraus. Doch auch die Redaktion kann das grosse Interesse der Leser an den bizarren Vorgängen im Weissen Haus nicht ignorieren, auch wenn dies eine heikle Gratwanderung erfordert. An sich wolle man mit der Auswahl der Inhalte ein klares Gegengewicht zu Trump setzen, so Bäuerlein: «Deshalb berichten wir vermehrt über konstruktive und engagierte Bürgerbewegungen, die Trump wie wir aus dem Blickwinkel des Machtmissbrauchs betrachten und etwas dagegen tun wollen.»

Gleichzeitig will sich die Redaktion die Berichterstattung nicht durch den Präsidenten diktieren zu lassen. «Viele Mainstream-Medien sind in eine Trump-Falle getreten. Ihnen fehlt die allgemeine Einsicht, wie Trump sie missbraucht und gleichzeitig attackiert. Er versucht nicht nur, die Berichterstattung zu beeinflussen. Das haben Politiker stets getan. Die Republikaner und Trump wollen die Rolle der Medien als Schiedsrichter der anerkannten Fakten zerstören.» Die atemlose Berichterstattung über jeden Tweet und jede noch so unüberlegte Äusserung helfe nur dem Präsidenten. Deshalb will das Magazin die Wahlen 2020 voll und ganz dem Aspekt der fundamental bedrohten Demokratie widmen. «Recht und Unrecht waren seit der Gründung der rote Faden für unsere Arbeit», so Bäuerlein. «Mit Präsident Trump wird das wie nie zuvor zu unserem Kernanliegen.»


Video: Trump gegen die Medien

Donald Trump hat ein zwiespältiges Verhältnis mit den Medien: die grössten Auseinandersetzungen im Video. (Quelle: AP, The White House, PBS und BBC News)

Erstellt: 25.02.2019, 14:45 Uhr

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