Trump brüskiert die Dänen

Nicht nur die dänischen Politiker sind empört, wie herablassend sie der US-Präsident behandelt.

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In Zeiten des allgemeinen Durcheinanders sind kühle Köpfe eine Rarität, aber auf Europas Königshäuser ist meist Verlass. Es war Dänemarks Königin Margrethe II., die US-Präsident Donald Trump offiziell zum geplanten Staatsbesuch nach Kopenhagen Anfang September eingeladen hatte, und es war ihr Sprecher, der gestern den knappsten Kommentar zu dem trumpschen Grönland-Zirkus ablieferte: Die Absage, hiess es da schlicht, sei «eine Überraschung».

Der Chor der Empörung, der sich ausserhalb des Königshofs erhob, war nicht so gnädig. Zutiefst beleidigend und respektlos sei Trump, das waren die häufigsten Kommentare, sein Verhalten das eines «verzogenen Kindes» (so ein Sprecher der Dänischen Volkspartei). Fassungslosigkeit überall. «Ich kneife mich noch immer in den Arm», sagte der frühere Aussenminister Uffe Ellemann-Jensen: «Ist das wirklich wahr?» – «Verrückt, verrückt», hiess es in einem Kommentar der Zeitung «Berlingske», Trump habe die Tür zu seinem «engsten Verbündeten Dänemark zugestossen, abgesperrt und den Schlüssel weggeworfen». Tatsächlich waren die Dänen den USA stets ein loyaler Alliierter gewesen, waren anders als etwa die Deutschen mit den US-Amerikanern 2003 in den Irakkrieg gezogen. «Und als Belohnung kassieren wir diese Ohrfeige», schrieb die liberale Zeitung «Politiken» in ihrem Leitartikel.

Die Überraschung und das Entsetzen, die sich in Dänemark schon im gestrigen Morgengrauen Bahn brachen, hatten ihre Wurzeln nicht allein in dem diplomatischen Affront, sondern auch in der Erkenntnis: Der Mann meinte es wirklich ernst. Trump hatte wirklich geglaubt, er könne wie einst in kolonialen Zeiten mit den Dänen um Grönland schachern. Das war so bis zum Wochenende nicht völlig klar gewesen, bis dahin hatten dänische und grönländische Politiker ihr Erstaunen noch ­immer verpackt in Unglauben und in Konditionalsätze: Wenn Trump das wirklich ernst meine, dann, so der Sprecher der Dänischen Volkspartei, sei er «endgültig durchgeknallt». Ein klein wenig diplomatischer drückte das die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen am Wochenende aus: Der Gedanke sei «absurd», nicht zuletzt, weil Dänemark Grönland gar nicht verkaufen könne: «Grönland ­gehört den Grönländern.» Das stimmt zumindest teilweise.

Grönland ist die grösste Insel der Welt, die nicht den Status eines eigenen Kontinents besitzt. Auf einem Gebiet viermal so gross wie Frankreich leben nur rund 56000 Menschen, 90 Prozent gehören zum Volk der Inuit. Nachdem dänische Walfänger Grönland zunehmend als Basis benutzten, hatte sich das dänisch-norwegische Königreich Grönland im 18. Jahrhundert einverleibt. Mit einer Volksabstimmung erkämpften sich die Grönländer 1979 eine Autonomie, die 2009 noch einmal erweitert wurde. Die Grönländer regieren sich in innenpolitischen Angelegenheiten heute selbst, Dänemark aber ist weiter für die Verteidigungspolitik und für die Aussenpolitik zuständig.

Hält nichts von Trumps Idee: Premierministerin Mette Friedriksen. Foto: Reuters

Tatsächlich ist Trump nicht der erste US-Präsident, der auf die Idee kommt, Grönland kaufen zu wollen: 1867 empfahl ein Bericht des State Department erstmals den Kauf des rohstoffreichen und strategisch gelegenen Grönlands (im selben Jahr kauften die USA Alaska). Und Harry Truman machte den Dänen gleich nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 dann ein Angebot: 100 Millionen Dollar hätte seine Regierung für Grönland bezahlt. Die Dänen lehnten empört ab.

Grosse US-Luftwaffenbasis

Die Dänen verkauften den US-Amerikanern die Insel zwar nicht, erlaubten den USA jedoch den ­Betrieb einer Reihe militärischer Anlagen, oft getarnt als Wetterbeobachtungsstationen. In den 1950er-Jahren errichteten die US-Streitkräfte die Luftwaffenbasis Thule, die viele Jahre lang der grösste US-Luftwaffenstützpunkt ausserhalb der Vereinigten Staaten war. Erst in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts erfuhren die Dänen, dass die USA unter dem Codenamen «Iceworm» auch geplant hatten, im grönländischen Eis 600 Interkontinentalraketen mit Atomsprengköpfen zu versenken. Der Plan wurde nie umgesetzt. Die US-Basis Thule existiert bis heute, allerdings viel kleiner als zu den Hochzeiten des Kalten Kriegs. Heute ist hier der nördlichste Punkt des amerikanischen Abwehrschirms für ballistische Raketen.

Dass die arktische Region mit Grönland mit einem Mal wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Vereinigten Staaten rückt, liegt am Klimawandel. Das Eis schmilzt – und das bedeutet zweierlei: Mit einem Mal werden bislang unerreichbare Bodenschätze zugänglich, im grönländischen Boden liegen grosse Vorkommen an Kohle, Zink, Kupfer, Gold. Die Grönländer frohlocken darüber, weil sie sich so mehr Unabhängigkeit vom dänischen Staat versprechen, der bislang einen grossen Teil ihres Haushalts alimentiert. Und es werden neue Schifffahrtsrouten frei, was wirtschaftliche und militärische Begehrlichkeiten weckt. Die russische Marine ist zunehmend aktiv in der Arktis. China möchte auch mitspielen. Mit einem Mal droht die Arktis zum neuen Spielfeld der Supermächte zu werden – und Grönland liegt mittendrin. Eine «kleine und schwache grönländische Nation» könne in Zukunft das «wichtigste Glied für die erfolgreiche Umsetzung der polaren Seidenstrasse» sein, heisst es etwa in einem Papier chinesischer Arktisforscher. Das wollen die USA verhindern, und die Dänen ebenso – und bislang dachten sie in ­Kopenhagen, man ziehe mit ­Washington an einem Strang.

Umdenken gefordert

Trump hat mit seiner «Farce» (so der ehemalige Aussenminister Martin Lidegaard) die Dänen nun gründlich vor den Kopf gestossen. Die sichtlich verärgerte Ministerpräsidentin betonte in einer ersten Reaktion zwar die gemeinsamen Interessen und den «guten Dialog» zwischen beiden Ländern und sagte, die Einladung zu einer stärkeren strategischen Zusammenarbeit in der Arktis sei «noch offen». Kommentatoren wie die Leitartikler von «Politiken» forderten allerdings ein «grundlegendes Umdenken»: Erstens müsse Dänemark der Arktis, die dabei sei, sich in ein «heisses politisches Schlachtfeld» zu verwandeln, mehr Aufmerksamkeit widmen. Und zweitens müssten die Dänen nun weit mehr Gewicht als bislang auf die Europäische Union legen: «Mit einem festen Anker in Europa kann Dänemark den Sturm überstehen.»


Entscheidung 2020 - der Podcast zu den Wahlen in den USA

Die Sendung ist zu hören auf Spotify oder direkt hier:

Erstellt: 21.08.2019, 21:46 Uhr

Warum der US-Präsident Grönland kaufen wollte

Donald Trump hat einen grossen Teil seines Lebens durchaus erfolgreich damit verbracht, Grundstücke zu kaufen und zu verkaufen. Insofern ist aus seiner Sicht eine gewisse Irritation schon verständlich. Dänemark zahlt jedes Jahr um die 700 Millionen Dollar an Subventionen für Grönland. Wenn nun also die USA den Dänen anbieten, ihnen diesen elenden Brocken aus Eis und Stein abzunehmen, der – wie Trump festgestellt hat – nur «grosse Verluste einbringt», dann sollte man doch etwas Freude und Dankbarkeit erwarten dürfen. Oder wenigstens höfliches Interesse. Jedenfalls keine schroffe Abfuhr, bei der Worte wie «absurd» fallen. In diesem Fall sagt der US-Präsident Trump dann eben seinen Staatsbesuch in Kopenhagen ab, weil der Immobilienhändler Trump beleidigt ist.

Reaktion auf Chinas Avancen

Das mag ein undiplomatisches, ­geradezu bizarres Verhalten sein. Aber es ist, zumindest für trumpsche Verhältnisse, doch auch eine erklärbare Reaktion. Trump wollte ein Geschäft machen. Das ist geplatzt. Warum soll er sich dann noch mit den renitenten Geschäftspartnern treffen?

Dabei ist die ursprüngliche Idee, Grönland auf die eine oder andere Art enger an die USA zu binden, ja nicht völlig verrückt. Die riesige Insel ist von enormer strategischer Bedeutung. Es ist kein Zufall, dass die USA dort seit dem Zweiten Weltkrieg einen grossen und teuren Luftwaffenstützpunkt unterhalten, die Thule Air Base. Die Erderwärmung hat die Arktis für viele Staaten interessant gemacht, Rohstoffe und neue Handelswege locken. Die Russen machen ihre Ansprüche in der Region sehr selbstbewusst geltend, voriges Jahr versuchte auch China, in Grönland Fuss zu fassen. Peking bot an, für mehr als 400 Millionen Dollar den Bau von zwei Flughäfen zu finanzieren. Berichten zufolge soll dies das Pentagon aufgeschreckt haben.

Wie Trump dann auf die Idee ­gekommen ist, die USA sollten Grönland tatsächlich kaufen, ist bisher unklar; das gilt auch für seine Preisvorstellungen. Medienberichten zufolge wollte Trump Kopenhagen anbieten, dass die USA künftig die jährlich 700 Millionen Dollar an Subventionen für Grönland bezahlen. Aber die Zeiten, in denen Monarchen Besitztümer tauschen oder verkaufen, sind vorbei. Daran ändert auch nichts, dass Trump den Dänen via Twitter versprochen hatte, nicht so einen goldenen Kasinoturm wie in Las Vegas auf der Insel zu bauen.

Hubert Wetzel, Washington

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