«Trump im Titel gab Millionen Klicks»

Der streitbare Internetguru Jeff Jarvis sagt, der amerikanische Journalismus habe im US-Wahlkampf versagt.

«Die Journalisten haben Trump lange nicht ernst genommen»: Jeff Jarvis am Schweizer Medienkongress in Interlaken (11.09.2015). Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

«Die Journalisten haben Trump lange nicht ernst genommen»: Jeff Jarvis am Schweizer Medienkongress in Interlaken (11.09.2015). Foto: Dominic Steinmann (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Erkennen Sie diese Sätze? «Die Nation ist verloren!» «Gott steh uns bei!» Oder: «Fuck-Fuck-Fuck.»
Die kommen mir bekannt vor.

Sie haben sie auf Twitter geschrieben, in der Wahlnacht vom 8. November. Auch den Satz: «Das ist der Sieg der Uninformierten und Ungebildeten.» Da klingen Sie arg verbittert, zumal es ja nicht stimmt. Trump wurde nicht nur von den Ungebildeten gewählt.
Als ich dies schrieb, sah es danach aus. Ich lag falsch und war wohl zu voreilig.

Waren Sie überrascht vom Ausgang?
Ja.

Nach der Wahl schrieben Sie, der amerikanische Journalismus sei gescheitert. Wie kommen Sie darauf?
Die Arbeit von uns Journalisten ist es, die Menschen zu informieren. Wenn die Menschen falsch informiert werden, wenn sie zu einseitige Informationen erhalten, dann ist das unsere Schuld – ganz einfach. Der Wahlkampf, vor allem im Fernsehen, ist zu einer Art Pferde­rennen verkommen.

Diese Kritik kommt alle vier Jahre.
Richtig. Das Pferderennen ist zu einem chronischen Problem im US-Journalismus geworden. Dieses Jahr aber geriet alles ausser Kontrolle, was an Donald Trump lag. Die Medien waren überfordert. In den ersten Monaten seiner Kandidatur war er ein Clown, danach ein Schlagzeilengarant. Trump im Titel ergab millionenfache Klickzahlen, von Zürich über Tokio bis New York. Man hat ihn kritisiert, gleichzeitig aber von ihm profitiert — wie zynisch ist das? Der Fernsehdirektor von CBS sagte, Trump sei vielleicht schlecht für Amerika, aber gut fürs Geschäft. Das sagt alles.

Wie soll man mit einem Kandidaten wie Donald Trump umgehen?
Sprechen Sie einmal mit Kollegen aus Südamerika, die haben Erfahrung mit Populisten. Oder mit Mario Calabresi, der lange über Silvio Berlusconi berichtete. Sie alle sagen: bitte keine Texte mehr über Frisuren, keine billigen Schlagzeilen, sondern nur noch investigativen Journalismus.

Das wurde getan: Trumps ­Steuern, seine sexuellen Übergriffe auf Frauen. Doch die Wähler schien das nicht zu kümmern.
Weil es schon zu spät war. Tatsache ist: Die Journalisten haben Trump lange nicht ernst genommen. Die typischen Trump-Wähler wurden verspottet.

Es gab durchaus seriöse Berichte über Trumps Kernwähler.
Mag sein, dass Journalisten über die weissen und wütenden Menschen geschrieben haben, die ihn zum Präsidenten machten. Nur haben die weissen und wütenden Menschen diese Texte nicht gelesen, weil sie den liberalen Massenmedien nicht mehr vertrauen. Das ist der Punkt. Die «New York Times», die «Washington Post» oder CNN erreichen diese Menschen mit ihren Informationen nicht mehr. Sie spielen in konservativen Gegenden der USA keine Rolle.

Seit wann ist das so?
Es fing in den Siebzigerjahren an, als das Fernsehen mächtiger wurde und sich in der Zeitungslandschaft Monopole bildeten. Die ersten Vertrauensrisse entstanden, als man Objektivität vorgaukelte. Die meisten Massenmedien waren liberal, nur durfte das niemand zugeben. Viele fühlten sich von ihnen nicht verstanden. In dieses Vakuum sind Fox News gesprungen und später konservative Websites von zweifelhafter Qualität wie «Drudge» oder «Breitbart». Diese Anbieter haben die Menschen radikalisiert. Ich sehe das bei meinen Eltern, gemässigten Republikanern. Sie haben mich religiöse und sexuelle Toleranz gelehrt. Früher haben sie die «Times» gelesen, seit sie sich aber Fox News ansehen, sind nicht mehr zu erreichen.

Wie kann man verlorenes Vertrauen zurückgewinnen?
Das ist ein langer Prozess, aber bitter ­nötig. Im Moment ist der Journalismus weit von der Wirklichkeit der Menschen entfernt. Es braucht keine Texte, in der mir junge Journalisten aus New York erklären, wie das Leben in ländlichen Gebieten von Indiana ist. Sondern Texte, in denen Menschen aus Indiana zu Wort kommen. Die weisse Unterschicht, die Trump gewählt hat, ist ja nicht die einzige Gruppe, die sich von den Medien verlassen fühlt. Es gibt die Afroamerikaner, Latinos, Schwule und Lesben, die sind auch unterrepräsentiert. Wir brauchen Journalisten mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, die Kontakte in diese Gemeinschaften haben.

Welchen Einfluss hatte Facebook auf die Meinungsbildung und auf die Wahl Trumps? CEO Zuckerberg streitet jede Verantwortung ab.
Trump wäre auch Präsident geworden, wenn Facebook nicht existieren würde, da bin ich mir sicher.

Zuckerberg sagt, 99 Prozent aller Informationen auf Facebook seien wahr. Gerade aber konnte man lesen, dass sogenannte Fake-News während des US-Wahlkampfs stark verbreitet und gelesen wurden.
Das war eine unbedachte Aussage von Herrn Zuckerberg. Fake-News sind tatsächlich ein Problem und können Wahlen beeinflussen. Man kann nicht mehr unterscheiden, ob eine Meldung von Faktencheckern geprüft, oder von Schwindlern irgendwo in Hinterhofgaragen in Mazedonien erfunden wurde.

Dann hat Facebook doch eine ­Verantwortung, so wie Medien auch, die juristisch belangt werden können, wenn sie Unwahrheiten verbreiten oder zur Hetze aufrufen.
Facebook ist kein Fernsehen und auch keine Zeitung.

Immer mehr Leute informieren sich über Facebook. Wo ist da der Unterschied?
Facebook produziert keine Inhalte, sondern Signale. Es ist eine gigantische Verknüpfungsmaschine. Wenn, dann tragen wir alle Verantwortung für die Inhalte auf Facebook. Gerade wir Journalisten, denn wir haben diesen Schwindlern und rechten Hetzern in den sozialen Medien das Feld überlassen. Journalisten müssen endlich lernen, wie man die neuen Medien bedient. Das Aufkommen der rechten Hetzer ist ihr Versagen.

Bei Facebook gibt es auch das ­Problem der Echokammern. Basierend auf unserem Verhalten, sortieren Algorithmen Inhalte aus. Das hat zur Folge, dass wir nur lesen, was uns in unserer Meinung verstärkt. So werden soziale ­Extreme gefördert.
Klassische Medien waren auch Echokammern. Wer in Deutschland nur die «Bild»-Zeitung liest, der sieht die Welt anders als ein FAZ-Leser. Wer nur die «Süddeutsche» kauft, der war vom Aufstieg der AfD vielleicht ebenso überrascht wie wir vom Erfolg Trumps.

Das stimmt nicht. «In einer wirklich guten Zeitung spricht die Nation zu sich selbst», sagte der Schriftsteller Henry Miller. Eine gute Zeitung oder Website bildet viele Meinungen ab.
Da bin ich mir nicht sicher. Erstens hat jede Zeitung einen Chefredaktor, der nicht alle Meinungen zulässt. Zweitens sind Zeitungen und Onlinemedien auf Klicks und Schlagzeilen aus, was sie kaum objektiv macht.

Springen wir vier Jahre vor. ­Wahlkampf 2020. Welche Fehler dürfen nicht wiederholt werden?
Wir dürfen den Umfragen keine Bedeutung mehr schenken. Dafür sollten wir versuchen, Wählergruppen zu verstehen. Wir müssen den Menschen besser zuhören. Das klingt banal, ist aber entscheidend.


Erstellt: 18.11.2016, 19:06 Uhr

Artikel zum Thema

Die Präsidentenmacher

Ganz normale Amerikaner haben Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gemacht. Menschen, die nur noch wenig zu verlieren haben – aber viel zu gewinnen. Mehr...

Trump und der Papst – die schlimmste Lüge im Wahlkampf

Eine Liste zeigt, welche 10 Artikel sich vor der US-Wahl am stärksten auf Facebook verbreiteten. Die Hälfte war Falschinformation. Mehr...

Fakten? Fuck.

Analyse Im US-Wahlkampf handelten mazedonische Teenager, Internetprofis und der siegreiche Kandidat mit derselben Ware: Lügen. Mit durchschlagendem Erfolg. Mehr...

Jeff Jarvis

Der Professor für Journalismus an der City University in New York gilt als früher Netzfürsprecher und Internetguru. Der 62-Jährige hat mehrere Bücher über Google geschrieben.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Geldblog Nestlé enttäuscht den Markt

Beruf + Berufung Wo digitale Nomaden der Einsamkeit entkommen

«Trump im Titel gab Millionen Klicks»

Interview Der streitbare Internetguru Jeff Jarvis sagt, der amerikanische Journalismus habe im US-Wahlkampf versagt. Mehr...

Die neue Härte

Essay Der angebliche Kampf von Trump gegen die Eliten ist ein Kampf für das Recht des Stärkeren. Mehr...

Die wütenden alten Männer

Der erzkonservative Senator Jeff Sessions wird Trumps Justizminister. Allmählich formiert sich sein Kabinett. Mehr...