«Trump ist auch nur ein normaler Typ»

Rankine Avenue, Erie, Pennsylvania: Eine Antwort auf die Frage, warum Donald Trump 2020 wieder zum Präsidenten der USA gewählt werden könnte.

Er spaltet die Nation: Hausherr Donald Trump mit Gemahlin und dem Vizepräsidenten-Paar auf einem Balkon des Weissen Hauses. Foto: White House

Er spaltet die Nation: Hausherr Donald Trump mit Gemahlin und dem Vizepräsidenten-Paar auf einem Balkon des Weissen Hauses. Foto: White House

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Erie County im Staat Pennsylvania ist Durchschnittsamerika. Hier wohnen die Gabelstaplerfahrer, Zimmermänner und Sekretärinnen, die Donald Trump ins Weisse Haus gehievt haben – hier entscheidet sich, ob er es wieder schafft.

Pennsylvania ist einer der «Swing States», die mal demokratisch und mal republikanisch wählen – und die besser gewinnen sollte, wer in Washington regieren will.

Kehrt die weisse Arbeiterklasse reumütig zu den Demokraten zurück, denen sie jahrzehntelang treu gewesen war? Oder wählt sie wie 2016: Trump? Damals gewann er, weil er den Leuten Arbeitsplätze versprach und ihren alten Fabriken neuen Glanz. Den Versprechungen folgte ein Präsident, der irrer und wirrer wurde, der jetzt vielleicht ­sogar seines Amtes enthoben wird. ­Endlich. So sehen es zumindest viele Menschen in Europa und an den amerikanischen Küsten. Aber die Wahl wird nicht in den Wolkenkratzern von Manhattan entschieden, sondern in den Rankine Avenues des Landes.

Haus Nummer 1: Larry

Das Haus ist aus Ziegelsteinen gebaut, im Vorgarten wächst nur Gras. Auf der Veranda steht die Hollywoodschaukel mit dem verschlissenen Stoff. Larry Leech schwingt hin und her. Er ist sechzig Jahre alt, die Jogginghose schlabbert um die Schenkel, das Shirt hat er in den Bund gestopft. Leech schaut auf die Uhr, halb elf, zu früh für ein Bier. Andererseits: Kann es zu früh sein für Bier? Er zündet sich dann doch nur eine Marlboro an. Zieht tief, redet ruhig. Leech ist Zimmermann, zuletzt hatte er einen Job in der Schule, hat Holzwände geschleppt, sechzig Stück am Tag, eine Wand wog 38 Kilogramm. Gerade arbeitet er gar nicht. «Pff», sagt er. Er glaubt nicht, dass er lange arbeitslos bleibt, schliesslich ist er in der Gewerkschaft. Ohne die ginge es Arbeitern wie ihm schlecht.

Neben ihm sitzt seine Frau, ihre Hand liegt auf seinem Knie. Als er sagt, dass die Reichen mehr Steuern zahlen sollten, als er die Gewerkschaften lobt, nickt sie. Sie arbeitete lange für die Gewerkschaft und auch für die Fabrik, die das Haus gebaut hat, in dem sie heute wohnen. General Electric stellte Diesellokomotiven her, ganz Erie lebte davon. Dann wurden Leute entlassen. Einmal, zweimal, dreimal. Leech ging mit ihnen auf die Strasse. Bei einem der Streiks traf er Bernie Sanders, der jetzt für die Demokraten Präsident werden will. «Sanders hilft den Arbeitern», sagt der Arbeiter Leech. Dann sagt er, wen er gewählt hat. Trump. Der hat die Steuern für die Reichen gesenkt und die Rechte der Gewerkschaften eingeschränkt. Aber das ist Leech egal. Für ihn zählt nur eines: «Da draussen sind Jobs!»

Wer sich mit Wahlen in den USA beschäftigt, stösst eher früher als später auf eine alte Weisheit: It’s the economy, stupid. Auf die Wirtschaft kommt es an.

Larry Leech: Er mag den Präsidenten dafür, dass dieser ein wenig ist wie er selbst. Foto: Gianna Niewel & Lisa Schnell

Aber nicht nur auf die Wirtschaft. Larrys Frau, die Gewerkschaftssekretärin, ist nach drinnen gegangen, und er erzählt, was ihm noch wichtig ist. Dass ein Präsident ihm seine Waffen lässt. «Sagen wir so: Ich habe genug.» Im Auto zum Beispiel liege eine, aber nein, nein, nicht falsch verstehen. Er hat nicht nur Waffen, er hat auch Gründe. Er werde nie vergessen, wie das war, als er überfallen wurde. Er hielt an einer Ampel am Ortsausgang, plötzlich sei da ein Pistolenlauf an seiner Schläfe gewesen, er habe das Portemonnaie durch das geöffnete Fenster geworfen. Nur weg. Leech weiss noch, wer die Pistole hielt. Er flüstert jetzt, als dürfe man das nicht laut sagen: ein dicker Typ. Ein Schwarzer.

Schwarze, Weisse, das schien unter Barack Obama nicht mehr ganz so wichtig zu sein. Seit Trump im Amt ist, geht es plötzlich wieder darum, wer welche Hautfarbe hat, wer wo geboren wurde.

Ist Donald Trump ein Rassist? «Nee . . . der denkt nur nicht nach, bevor er redet.» Aber er ist der Präsident der USA. «Er ist auch nur ein normaler Typ.»

Larry Leech mag den Präsidenten dafür, dass dieser ein wenig ist wie er selbst. Leech redet auch manchmal, ohne gross nachzudenken. Nur dass bei ihm allenfalls seine Frau motzt, nicht die gesamte Ostküste.

Eines hört man von vielen Menschen in der Rankine Avenue, immer wieder, in so ziemlich jedem Haus: Ich sage, was ich denke, egal, was andere davon halten. Dann amüsieren sich vor allem Männer darüber, was heute alles verboten sei. Glühbirnen, Plastiktrinkhalme. Das Wort «schwul», jetzt heisse es ja «homosexuell».

Donald Trump ist all das egal. Eine seiner Firmen verkauft Plastiktrinkhalme mit seinem Namen, zehn Stück für 15 Dollar, er schimpft auf abgehobene Eliten. Ausgerechnet er, Sohn eines Immobilienmoguls, Republikaner, Millionär. Er hat sich einen Kampf zu eigen gemacht, den einst die Demokraten geführt haben: Wir da unten gegen die da oben. Früher kämpften die da unten für einen Mindestlohn. Heute kämpfen sie mit Trump gegen Transgender-Toiletten. Aus einem Klassenkampf ist auch ein Kulturkampf geworden.

Haus Nummer 2: Chris

Auf der anderen Strassenseite hat Chris Moffett (39) gerade eine Spülmaschine auf den Rasen vor seinem Haus gehievt und «Free» auf ein Schild geschrieben. Er selbst habe im Leben nie etwas geschenkt bekommen, sagt er, niemand in seiner Familie. Deshalb hätten sie auch alle die Demokraten gewählt, die Partei der Arbeiter. Nicht die Republikaner, die Partei der Reichen. So einfach war das.

Chris Moffett führt auf die Veranda, seine Verlobte bringt Dosenbier. Die nächsten eineinhalb Stunden wird sie still hinter ihm stehen bleiben, während er erklärt, warum heute alles komplizierter ist. Er erzählt vom Bowling, seiner Leidenschaft, und dann vom College. Er hat es angefangen und abgebrochen, Studiengang Elektrotechnik, den Kredit zahlt er noch immer ab, insgesamt eine eher dumme Aktion, aber er hat dann einfach Telefonbücher verkauft, Satellitenschüsseln aufgehängt. In einer Firma hat er sich zwölf Jahre lang hochgearbeitet, bis zum «Generaldirektor», er ist noch heute stolz darauf.

Chris Moffett: Ein Präsident sollte sich mit Geld auskennen. Foto: Gianna Niewel & Lisa Schnell

Moffett redet nun leiser, seine Verlobte weiss davon, aber sein Sohn und seine Tochter wissen es nicht. Er will auch nicht, dass es in der Zeitung steht. Nur so viel: Sie mussten mehr ­machen als nur die Coupons aus den Anzeigenblättchen schneiden, wenn sie einen vollen Kühlschrank haben wollten. Selbst das mit den Coupons ist ihm unangenehm. Vergünstigungen zu bekommen, ohne etwas dafür geleistet zu haben – so haben ihn seine Eltern nicht erzogen. Anderen, sagt er, sei das nicht peinlich. Die hievten im Supermarkt Krabben und teure Steaks aufs Kassenband und bezahlten das mit ihren Access Cards. Die Access Cards sind auffällig gelb oder auffällig blau, darauf das Geld vom Staat für Lebensmittel. Sein Steuergeld. Chris Moffett breitet die Arme aus: jede Menge Steuergeld. Für ihn ist es deshalb so: Die Demokraten bestärken die Faulen in ihrer Faulheit. Die Republikaner belohnen harte Arbeit.

Donald Trump hat er gewählt, weil es ihm wichtig ist, dass sich ein Präsident mit Geld auskennt – und wer kenne sich damit besser aus als Trump? «Er ist ja nicht umsonst reich geworden.» Der Arbeitsmarkt habe sich entspannt, die Wirtschaft boome, er hat einen ­neuen Job als Inspektionsleiter bei einer Firma, die Kräne baut. Ständig könne er Überstunden machen, so viel sei zu tun. Und so gehe es vielen in Erie.

In Downtown Erie, der Kreisstadt des Erie County, ist der Wirtschaftsboom nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Auch nicht auf den zweiten. In vielen Geschäften sind die Schaufenster verrammelt, krumme Nägel in Spanplatten. In einem Hotel, das mal beste Lage war, dümpelt Putz in einem Becken, das mal ein Pool war. Läden, die an diesem Tag offen haben, verkaufen Luftgewehre, Dildos, Dosenbier. Wer daran nicht interessiert ist, kann eine alte Post­-karte aus den Fünfzigerjahren erstehen. Fabriken, Schornsteine, Rauch. Damals arbeiteten 50 Prozent der Menschen in Erie in Fabriken, heute sind es nur noch 16 Prozent. Unter Trump wurden es sogar noch weniger.

Richtig ist aber auch, dass die Arbeitslosenquote hier mit vier Prozent so niedrig ist wie seit 1976 nicht mehr. In diesem Jahr, 2019, seien im Landkreis Erie 5000 Menschen mehr beschäftigt als noch ein Jahr zuvor, heisst es bei der Vereinigung für wirtschaftliche Entwicklung von Erie. Sehr viel besser aber gehe es den Leuten trotz Arbeit nicht, weil Miete, Krankenversicherung, Ausbildung zu teuer seien. Was sie dort noch erzählen: dass Trump mit der niedrigen Arbeitslosenquote wenig zu tun habe. Sondern das Auf und Ab der Konjunktur. Zudem gingen die Babyboomer ­gerade in Rente, gleichzeitig würden ­weniger Menschen geboren in Amerika. Zu wenig. Wer etwas von Wirtschaft verstehe, sagen die Experten, sei deshalb für mehr Einwanderung.

Haus Nummer 3: Jaime

Eigentlich niemand mehr, so kommt es Jaime McGuire zumindest vor. McGuire (41) ist Demokratin, und zwar eine, die ihren Vorgarten bei der vergangenen Wahl mit Hillary-Clinton-Schildern zugestellt hat. Jetzt verblühen da blaue Hortensien. Jetzt wütet sie auf Facebook gegen Trump. McGuire, dezente Knopfohrringe, matter Nagellack, ist gerade so ziemlich als Einzige in der Strasse draussen in der Sonne. Der Rest dürfte vor dem Fernseher sitzen. Auftakt der Football-Saison.

Ihre Freunde nennen sie «Obama-Mama», weil sie am Tag, als ihr Sohn ­geboren wurde, nur an «ihren Barack» denken konnte. Wehen hin, Wehen her, sie musste wählen. Eine Stunde nachdem sie im Krankenbett den Wahlzettel ausgefüllt hatte, kam ihr Sohn auf die Welt. Sein Geburtsdatum ist das Datum von Obamas erster Wahl, der 4. November 2008. McGuire hat es sich in schwarzen Schnörkeln auf die Innenseite ihres Handgelenks tätowieren lassen.

Jaime McGuire: Ihre Freunde nennen sie «Obama-Mama». Foto: Gianna Niewel & Lisa Schnell

Der Sohn fährt nun Trottinett auf der Strasse, während sie überlegt, ob sie mit einer von Trumps Aussagen übereinstimmt. Irgendeiner. Ja, sagt sie dann: dass er auf der 5th Avenue in New York einen Menschen erschiessen könnte und trotzdem gewählt würde. Kein Skandal ändere das. Sie merkt das ja, wenn sie sich mit Trump-Fans unterhält, wenn sie redet und redet, und die sagen nur: «Fake News». Sie macht trotzdem weiter. Einerseits. Andererseits: «Immer wieder das Gleiche tun und trotzdem hoffen, dass das Ergebnis anders ist. Ist das nicht die Definition von Wahnsinn?» Sie muss über sich selber lachen. Wahnsinn, das trifft die vergangenen Jahre ganz gut. Sie nestelt an der Schlaufe ihrer Badeschlarpen rum.

McGuire ist aufs College gegangen und arbeitet für eine Organisation, die psychisch Kranken hilft. Anders als die meisten auf der Rankine Avenue hat sie sechs Wochen Ferien im Jahr, eben noch hat sie Koffer gepackt für eine Reise ins Disneyland nach Florida. Aber sie kommt aus einer Arbeiterfamilie, der Vater fuhr morgens in die Fabrik. Deshalb wisse sie, wie Arbeiter tickten. Ob Trump ein Rassist sei, ein Sexist? Sei egal, wenn man Doppelschicht arbeite. Ausserdem: «Wer nie erfahren hat, wie sich Diskriminierung anfühlt, für den gibt es keine.» Und sie weiss noch, wie ihr Vater auf Nafta geschimpft hat, dieses Freihandelsabkommen, das nur den Konzernen nutze, aber nicht den Arbeitern. Bill Clinton hat es unterschrieben. Überhaupt die Clintons. Seit denen umwehe die Demokraten der Hauch des Elitären, sagt McGuire. Demokraten hielten gerne ewige Vorträge, Republikaner machten Politik mit Sprüchen, so einfach, dass man sie auf Aufkleber schreiben und ans Auto pappen könne. Sie findet das nicht nur schlecht.

Haus Nummer 4: Joyce

Zum Haus Nummer 1029 führt eine Treppe, deren Holz splittert. Auf der ­Veranda: ein leerer Benzinkanister, der Stil eines Wischmobs, ein einzelner Laufschuh. Klingeln. Warten. Eine Frau kommt heraus, zieht die Tür aber gleich wieder hinter sich zu. Reden ja, reinkommen nein.

Joyce Dabrowski Price ist 52, das jüngste von acht Geschwistern. Ihre Haare kräuseln sich am Ansatz, ihre Augen sind mit Kajal umrundet. Sonst keine Schminke. Sie hat das Dabrowski’s von ihrem Vater übernommen, ein polnisches Restaurant an der Ecke, dort ist sie Geschäftsführerin, Kellnerin, Köchin. Sechs Tage die Woche brät sie Piroggen und Pancakes. Donnerstags, freitags und samstags geht sie danach noch für ein paar Stunden in die Kneipe gegenüber, arbeitet dort in der Küche. Und wenn sie auch da fertig ist, gegen ­Mitternacht, wenn sie nach dreizehn Stunden Arbeit nach Hause kommt, ihre Haare nach Fett stinken, ihr Rücken schmerzt, dann weiss sie nicht, was sie zu Hause erwartet.

Hat ihr Mann zu viel getrunken? Hat ihr Sohn sich Heroin gespritzt? Viermal schon hat er eine Überdosis erwischt, immer hat sie ihn gefunden. Gerade darf er nur bei ihr wohnen, weil sie eine Abmachung haben. Er muss clean bleiben. Heisst: Heroin ist nicht okay, Koks ist okay. Sie erzählt dann noch ein paar Geschichten, unter anderem die, wie sie sich einmal einen Angelhaken in den Finger gerammt hat, wie sie den Finger desinfiziert hat und den Haken mit einer Rasierklinge herausgezogen, Stück für Stück, Widerhaken für Widerhaken. Eine Stunde hat sie gebraucht. Sie war zu der Zeit nicht krankenversichert, was hätte sie tun sollen?

Joyce Dabrowski Price: Ihr Mann liebt Trump, sie hasst Trump. Foto: Gianna Niewel & Lisa Schnell

Joyce Dabrowski Price weiss, wen sie wählen würde. Beziehungsweise wen nicht. Sie ist Migrantin in zweiter Generation, eine Frau, eine Arbeiterin. Trump nennt sie wahlweise «Idiot», «Arschloch», «Hurensohn», sie redet jetzt schnell, und das vielleicht auch deshalb, weil sie ihre politische Meinung sonst nie sagt. Auch nicht ihrem Mann, der im Lager einer Fabrik Schicht arbeitet. Er liebt Trump, sie hasst Trump, was bleibt ihr übrig? «Ich lächle und nicke», sagt Joyce Dabrowski Price.

Lächeln, nicken, schweigen, so macht sie es mit ihrem Ehemann am Küchentisch und mit ihren Gästen im Restaurant. So machen es mittlerweile viele Menschen in der Rankine Avenue. Sie sind stolz auf ihre Nachbarschaft. Leihen sich Rasenmäher aus. Gucken nach den Kindern, die auf der Strasse Basketball spielen. Sie reden über Schulfeste, Football, Halloween. Über Politik reden sie nicht. Das sei schon in der zweiten Amtszeit Obamas schwierig geworden, sagen sie, weil irgendwann klar wurde, dass auch dieser Präsident keine Jobs nach Erie zaubern konnte.

Dann kam Trump und hat den Bundesstaat Pennsylvania abgeräumt. 2012 hatte Obama hier 58 Prozent der Stimmen erhalten. 2016 dann: 48 Prozent Trump, 44 Prozent Clinton. «Erie County, lange eine demokratische Hochburg, wird rot», titelte die Lokalzeitung. Seither ist es in der Rankine Avenue nicht bloss schwierig, über Politik zu reden. Es ist unmöglich.

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Manche haben Freunde verloren, weil sie für oder gegen Trump sind – auf der Rankine Avenue wollen sie nicht auch noch ihre gute Nachbarschaft verlieren.

Joyce Dabrowski Price hat noch etwas anderes verloren. Ihre Stimme. Ihr Mann würde die Republikaner wählen, sie die Demokraten – eins zu eins, ein Patt. Bringt ja nichts, findet sie. Ja, niemand hier auf der Strasse ärgert sich so sehr über Trump wie sie. Am Wahltag 2020 aber will sie zu Hause bleiben. Um des lieben Friedens willen.

Haus Nummer 5: Alyssa

Alyssa Keel ist 29 Jahre alt, sie trägt ein Shirt mit Batman-Logo und Socken mit Comicfiguren. Bei jedem Schritt wippt ihr Haardutt. Als sie den Schlüssel endlich gefunden hat, setzt sie sich im Schneidersitz auf den Teppich, aber dass sie sitzt, bedeutet nicht, dass sie ruhig wäre. Natürlich gehe sie wählen, sagt sie, und natürlich nicht Republikaner. Schon gar nicht Trump. Warum? «Wenn du nicht weiss bist und keinen Penis hast, interessiert sich der Präsident nicht für dich.» In ihren Adern fliesse das Blut von Deutschen, Indianern, Iren. Wegen der Iren werde sie nie braun, danke dafür. Was sie sagen will: «Diese Vielfalt, das ist Amerika.» Die Einwanderer riskierten ihr Leben, um in dieses wunderbare Land zu kommen. «Lasst sie rein!»

Der Wortstrom versiegt kurz, sie kreischt verzückt, ihr Sohn Tyler hat Schoko-Erdnussbutter-Puffreis gemacht, klebrig-süsse Rechtecke. Keel macht ihm klar, dass es sich gehört, dem Besuch eines anzubieten. Tagsüber steht sie hinter der Theke in einem Tankstellenshop, aber am liebsten würde sie zu Hause bleiben. Sie ist schliesslich eine Frau. Während Männer gerne in Fabriken schufteten, hätten Frauen andere Aufgaben. Kochen, Kinder, Familie. So hat sie es von ihrer Oma gelernt, bei der sie aufgewachsen ist.

Alyssa Keel hält kurz inne. Ach ja, sagt sie, 2016 hat sie genau genommen doch nicht gewählt, obwohl sie Trump da auch schon für einen Vollidioten hielt. Aber die Alternative war Hillary Clinton. Und bei aller Liebe, für so ein Amt seien Frauen einfach nicht gemacht.

Auf der Rankine Avenue wird es dunkel. In den Einfahrten der Häuser parken Autos gross wie Panzer. Wer hier die Strasse entlanggelaufen ist, kann noch immer nicht vorhersehen, wie die Wahl ausgeht. Aber er weiss doch, dass es für die Demokraten schwerer werden könnte, als manche denken. Trotz Ukraine, Impeachment, all den Lügen. Ihre grosse Hoffnung war, dass die Menschen entsetzt sein würden über Trump – so entsetzt, dass sie am Ende für jeden Gegenkandidaten stimmen würden. Auch wenn sie mit ihm nicht zu hundert Prozent einverstanden sind. Es geht nicht um den dritten Satz im vierten Absatz im Wahlprogramm von Elizabeth Warren. Nicht um Joe Bidens Alter. Es geht darum, weitere vier Jahre Trump zu verhindern. So sehen es die Demokraten und verzweifeln daran, dass viele das anders sehen. Warum wählen Frauen, Arbeitslose, Einwanderer gegen ihre Interessen?

Erstellt: 15.11.2019, 19:13 Uhr

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