Dieser Gauner hat Trump erfunden

Der Anwalt Roy Cohn jagte Kommunisten und verteidigte Mafia-Bosse. Dann wurde er Berater von Donald Trump. Aber der liess ihn fallen.

Roy Cohn 1984 auf der Höhe seiner Karriere, in der Hand ein Bild von sich selbst und Donald Trump. Foto: Getty Images

Roy Cohn 1984 auf der Höhe seiner Karriere, in der Hand ein Bild von sich selbst und Donald Trump. Foto: Getty Images

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Zu seiner Gedenkfeier kamen 500 Menschen, tout New York, Bürgermeister, Richter, Geschäftsleute, Journalisten, Verleger, Politiker der beiden grossen Parteien, Demokraten wie Republikaner. Die Redner rühmten die unbedingte Loyalität des Verstorbenen, priesen seinen Humor und erinnerten sich lächelnd an seine Freude am Klatsch. Und dass er ein Opfer war: «Rachsüchtig und voller Hass» habe ihn das «linke Establishment» verfolgt. Dem bereits Todkranken war zuletzt noch von der Anwaltskammer die Zulassung entzogen worden. «Einem ihrer brillantesten Mitglieder forderten sie ihr Pfund Fleisch ab», klagte einer der Redner mit gewagter Anspielung auf Shakespeares «Kaufmann von Venedig». Die Feier endete mit dem gemeinsamen Absingen von Roy Cohns Lieblingslied: «God Bless America».

Der Gefeierte war einer der grössten Schurken in der Geschichte der Vereinigten Staaten, ein politischer Gangster, wie er sonst nur in schlechten Filmen und noch schlechteren Romanen vorkommt. Doch Roy Cohn hat wirklich gelebt, bis er sich im Jahr 1986 aus dieser Welt verabschiedet hat. Wie sich zeigt, ist er aber noch erschreckend gegenwärtig. «Roy Cohn gelang das Unmögliche», sagt Matt Tyrnauer. «Er hat aus dem Grab einen Präsidenten erschaffen.»

Dass Donald Trump in vieler Hinsicht ein Geschöpf dieses Grossgauners ist, das zeigt Tyrnauer in seinem aktuellen Film «Where’s My Roy Cohn?». Der Titel zitiert den halb verzweifelten Ausruf des Präsidenten, der sich einen durchsetzungsfähigeren Rechtsbeistand gewünscht hätte. Jeff Sessions war es nicht, Rudy Giuliani gibt sich aber inzwischen alle Mühe, mit seiner Geltungssucht und seiner Ungehobeltheit dem Original, dem echten Roy Cohn, nachzueifern.

Nicht nett, aber extrem erfolgreich

Der vertrat mit Begeisterung Mafiosi, liess sich bereitwillig von Gangstern kaufen, luchste seinen Klienten testamentarische Verfügungen zu seinen Gunsten ab. Er verfolgte, obwohl selbst schwul, Homosexuelle, war Antisemit, obwohl selbst Jude, verleumdete, denunzierte, schikanierte seine Gegner. Umgebracht hat er, so weit bekannt, niemanden; er rühmte sich aber gern, als Staatsanwalt durch eine verbotene Absprache mit dem Richter Ethel Rosenberg auf den elektrischen Stuhl gebracht zu haben. Obwohl es weltweite Proteste gab und sogar der Papst den amerikanischen Präsidenten Dwight Eisenhower um Gnade bat, wurde das Ehepaar Rosenberg 1953 hingerichtet.

Schuld daran war die Paranoia des Kalten Kriegs, in dem Cohn von Anfang an mitkämpfte. Er wurde 1927 im demokratischen Establishment New Yorks geboren. Bereits mit 20 hatte er sein Jurastudium abgeschlossen, drückte sich wie später sein Meisterschüler Donald Trump vor dem Militärdienst, wurde 1948 Staatsanwalt und spezialisierte sich auf die Jagd von echten oder vermeintlichen kommunistischen Spionen.

Nett war Roy Cohn nicht, dafür extrem erfolgreich. Der Prozess gegen die Rosenbergs sicherte ihm die Aufmerksamkeit des Senators Joseph McCarthy, der die USA von der Sowjetunion unterwandert glaubte und daher Kommunisten bei den Vereinten Nationen, in Hollywood, im Aussenministerium und in der Army ausräuchern wollte. Der erst 24-jährige Cohn wurde sein Rechts­berater und Missionar.

«Mich interessiert nicht, wie das Gesetz lautet, sondern wer der Richter ist.»Roy Cohn, Anwalt

Mit Cohns Karriere wäre es beinah früh zu Ende gewesen, als er einen Freund unbedingt vom Militärdienst ­befreien wollte. Die Machenschaften flogen auf, das Verteidigungsministerium verlangte eine Untersuchung, der ­Präsident war ungehalten. McCarthy wurde kaltgestellt und trank sich bald zu Tode; der Albtraum war fürs Erste vorüber. Auch mit dem jungen Oberintriganten Cohn schien es vorbei zu sein, doch begann sein Aufstieg in die besseren Zirkel der Macht erst nach McCarthy. Er ging zurück nach New York.

Wie schon in Washington praktizierte er Rechtswissenschaft auf Leben und Tod, etablierte sich als gnadenloser Anwalt. Er belastete sich nicht gross mit Paragrafen, sondern setzte auf seine guten Verbindungen und handelte nach dem Wahlspruch, den er oft wiederholte: «Mich interessiert nicht, wie das Gesetz lautet, sondern wer der Richter ist.»

Cohn verdiente ein Vermögen als Anwalt und fand es selbstverständlich unter seiner Würde, Steuern zu bezahlen. Die Folge: Seinem Erben wurde für Nachzahlungen ans Finanzamt später fast das ganze Vermögen weggepfändet. Im legendären New Yorker Studio 54 hielt er Hof, feierte mit der Kokain-Society der frühen 80er-Jahre gemeinsam mit Stars wie Mick Jagger, Andy Warhol und Jackie Kennedy.

Dunkelmann und Glamour-Figur

So wurde ausgerechnet dieser Dunkelmann aus der trübsten Phase der Nachkriegsjahre zu einer Glamour-Figur. Gern liess er sich in seinem Rolls-Royce durch Manhattan fahren, am Steuer sein jüngster Buhlknabe. Er selbst zeigte sich sonnengebräunt und mit den Jahren immer auffälliger zusammengetackert: ein altersloses Kind, das in der Höhensonne der willfährigen Presse auflebte.

In einem anderen Club hatte er einen jungen Immobilienunternehmer aus Brooklyn kennen gelernt, der bereit war, sein letztes durchgeschwitztes Hemd dafür herzugeben, um in die Party-­Society von Manhattan aufgenommen zu werden. Er brauchte dringend Beistand: Das Justizministerium hatte ihn und seinen Vater verklagt, weil sie ihre neu gebauten Wohnungen nicht an Schwarze vermieten wollten.

Roy Cohn wusste Rat, der seinem Schützling in einem schönen Neben­effekt die ersten Schlagzeilen eintrug: Er verklagte seinerseits den Staat auf 100 Millionen Dollar wegen Rufschädigung. Donald Trump war ein gemachter Mann, und er sparte nicht mit Lob für seinen Mentor: «Er war zu meinem Schutz bösartig zu anderen.» Und so wurde Roy Cohn zeitweise der engste Berater Donald Trumps. Angeblich haben die beiden fünfmal am Tag miteinander telefoniert.

Ein Mitautor der Trump-Legende

Cohn machte den Aufsteiger mit dem Verleger Rupert Murdoch bekannt und lancierte Gefälligkeitsgeschichten für die Klatschseite der Murdoch-Zeitung «New York Post». Früh konnte er auch zur Trump-Legende beitragen, denn Cohn organisierte den Buchvertrag für «The Art of the Deal», Trumps berüchtigter Tatsachenroman über seinen Weg zum Ruhm. Eine Anekdote besagt, dass Trump in seiner Schreibtischschublade ein Foto seines Consigliere nur zu dem Zweck aufbewahrte, um es herauszuziehen und damit Geschäftspartner einzuschüchtern.

Doch aus dem Finsterling, der alle bis zur hemmungslosen Bewunderung bezirzen konnte, wurde zuletzt ein Opfer, auch wenn er sich auf keinen Fall so sehen wollte. Sein halblegales Treiben holte ihn ein, vor allem aber die Aids-Epidemie. Aids war eine Schande, und er sei auch gar nicht schwul, sagte Cohn, «sondern ein Heterosexueller, der mit Jungs rummacht». Schwule seien machtlos, die würden niemanden kennen, hätten keinen Einfluss, während er in weniger als fünf Minuten mit der Frau des amerikanischen Präsidenten verbunden sei.

Trump nutzte ein Foto von Roy Cohn, um damit Geschäftspartner einzuschüchtern.

Roy Cohn verstand sich bestens mit republikanischen Politikern, behauptete sogar, einigen ins Amt verholfen zu haben. Tatsächlich konnte er den Medienunternehmer Rupert Murdoch mit Ronald Reagan bekannt machen, worauf sich Murdoch durch eine entsprechende Berichterstattung erkenntlich zeigte.

Roger Stone, ein weiterer Trump-Freund, wegen seiner Machenschaften allerdings gerade schuldig gesprochen, hat erzählt, dass ihm der als Demokrat registrierte Cohn bei der Präsidentschaftswahl 1980 einen Koffer mit 125'000 Dollar in die Hand drückte. Das Geld war für einen unabhängigen dritten Kandidaten im Bundesstaat New York bestimmt, der dann wie geplant dem Amtsinhaber Jimmy Carter genug Stimmen abjagte, dass Reagan die Delegierten New Yorks bekam und mit grossem Abstand die Präsidentschaftswahl gewann.

Aids galt als «Schwulenpest»

Weil Politik manchmal auch aus schönen Gesten besteht, wurde Roy Cohn mithilfe von Mr. und Mrs. Reagan in ein Spezialprogramm aufgenommen und konnte die lebensverlängernde AZT-Therapie nutzen, die für gewöhnliche Aids-Kranke nicht erschwinglich war. Das musste allerdings wie gewohnt im Geheimen geschehen, denn für die frommen Fundamentalisten versündigten sich Homosexuelle an Gott und der Volksgesundheit, Aids galt als «Schwulenpest». Der allzeit bewegliche Donald Trump wandte sich jedoch von seinem Mentor ab, als allen klar war, dass er nicht an Leberkrebs, sondern an Aids litt und sterben würde. Aids – das war ansteckend und geschäftsschädigend. Roy Cohn starb 1986. (Lesen Sie hier, warum Trump auch seinen derzeitigen Anwalt Rudy Giuliani fallen lassen könnte.)

Erstellt: 02.12.2019, 18:34 Uhr

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