Trump schaut am liebsten Trump

Donald Trumps skurrile Allianz mit den Sendern hat gefährliche Auswirkungen auf das amerikanische Fernsehen.

Auf Fox News hat der Präsident immer recht: Ein Auftritt von Donald Trump wird live auf einem Monitor vor dem TV-Gebäude übertragen. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Auf Fox News hat der Präsident immer recht: Ein Auftritt von Donald Trump wird live auf einem Monitor vor dem TV-Gebäude übertragen. Foto: Drew Angerer (Getty Images)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Dinge gefallen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump besonders gut im Weissen Haus. Zum einen mag er die vielen Kronleuchter, zum anderen ist er zufrieden damit, wie viele grosse Fernseher er überall im Gebäude hat installieren lassen. Ausserdem ist er stolz auf sein ausgefeiltes System, auf mehreren Bildschirmen zwischen den Programmen hin und her zu springen, denn obwohl Fox News sein Lieblingssender ist, will er manchmal auch wissen, was auf den anderen Kanälen läuft. Es könnte ja zum Beispiel um ihn gehen.

So steht es in einem soeben erschienenen Buch des ehemaligen Trump-Mitarbeiters Cliff Sims, der, wie so viele Trump-Mitarbeiter, nicht lange bleiben durfte. Dass die Personalfluktuation im Weissen Haus unter dem aktuellen Präsidenten höher ist als jemals zuvor, hat sein Gutes: Die Öffentlichkeit ist stets darüber informiert, was in der Pennsylvania Avenue in Washington D.C., Hausnummer 1600, hinter verschlossenen Türen passiert, da viele von denen, die rausgeflogen sind, umgehend ein Buch über die Zeit schreiben, in der sie sich in Trumps Orbit bewegten.

Die Extreme wachsen

Die Pointe dieser Geschichte ist, dass Trump laut «Washington Post» nach seinem Einzug ins Weisse Haus als Erstes den sehr kleinen Fernseher im Esszimmer durch einen grossen Flachbildschirm hat ersetzen lassen, denn bekanntlich verbringt er weite Teile des Tages vor dem Fernseher. In seinen offiziellen Zeitplänen heisst das «Executive Time». Donald Trump ist der TV-Präsident, und das hat Auswirkungen auf das Fernsehen in Amerika.

In erster Linie führt es zu einer Polarisierung, wie es sie so extrem wohl in keinem anderen Land gibt. Der Sender Fox News war immer sehr konservativ, und MSNBC war immer schon liberal, aber seit Trumps Wahlsieg im Jahr 2016 ist die Spaltung krasser denn je. MSNBC tendiert deutlich nach links, ist aber ausgewogener als Fox, das zeigt sich schon an den Moderatoren. Die Morgenshow von MSNBC wird von Joe Scarborough moderiert, einem ehemaligen republikanischen Kongressabgeordneten. Nicolle Wallace, die unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush Kommunikationsdirektorin im Weissen Haus war, leitet an jedem Werktag von 16 Uhr an die politische Sendung «Deadline: White House». Das wäre bei Fox News undenkbar.

Ein Propagandakanal

Fox News hat sich bis auf ganz wenige Ausnahmen zu einem reinen Propagandakanal entwickelt. Das nimmt zum Teil so bizarre Formen an, dass sich andere Journalisten nur noch darüber lustig ­machen. Kürzlich ist es Trump nicht ­gelungen, dem Kongress die knapp sechs Milliarden Dollar für seine Mauer an der Grenze zu Mexiko abzupressen, obwohl er Teile des Verwaltungsapparats 35 Tage lang lahmgelegt hatte.

Schliesslich gab er klein bei und öffnete die Verwaltungen wieder, obwohl er keinen Cent für die Mauer erhalten hatte. Das tat er, weil die Demokratin Nancy Pelosi, Sprecherin des Repräsentantenhauses, es ihm andernfalls verwehrt hätte, seine grosse Rede zur Lage der Nation vor beiden Kammern des Kongresses zu halten. Diesen symbolträchtigen Auftritt, der letzte Woche stattfand, wollte sich Trump nicht nehmen lassen.

Video: Präsident vs. Medien

US-Präsident Donald Trump geht mit Journalisten oft hart um und beleidigt sie regelmässig. Fünf Beispiele. Video: AP, White House, PBS, BBC

Auch in konservativen Kreisen herrschte die Ansicht, dass Pelosi dem Präsidenten eine empfindliche Niederlage zugefügt hatte. Die sehr konservative und sehr radikale Kommentatorin Ann Coulter befand, Trump sei «der grösste Schlappschwanz, der je als Präsident gedient» habe.

Nur auf Fox News sah die Sache anders aus. Der Moderator Sean Hannity war voll des Lobes für Trump. «Der Präsident hat Führung gezeigt», sagte er in seiner Sendung über den Mann, der gerade eine deutliche Schwäche gezeigt hatte, «er hat sich über den Sumpf erhoben!» Man muss dazu wissen, dass Hannity ausnahmslos alles, was Trump tut, als herausragend preist. Wenn Trump ein Pferd an den Supreme Court berufen würde, wäre das für Sean Hannity der Anlass, die aussergewöhnliche Weisheit des Präsidenten zu loben.

Viel Bewunderung in der Berichterstattung

Es ist schwer zu sagen, ob er das aus Überzeugung tut oder aus Kalkül, weil es ihm ein grosses Stammpublikum sichert. Mit seiner Radioshow, die wochentags von 15 bis 18 Uhr Ostküstenzeit läuft, erreicht er wöchentlich circa 13,5 Millionen Amerikaner. Auf Twitter hat er 3,5 Millionen Follower. Seine Show auf Fox News schalten ­allabendlich mehr als drei Millionen Menschen ein. Damit verdient er laut «New York Times» rund 36 Millionen Dollar im Jahr. So oder so ist Hannity der Erfüllungsgehilfe eines grösseren Ganzen.

Seine Fox-Kollegin Jeanine Pirro sagte am selben Abend über Trump, der eben nachgegeben hatte: «Er hat nicht nachgegeben. Er hat eine taktische Entscheidung getroffen.» Pirro sagt so etwas voller Bewunderung. Während Hannity ebenso gut ein Ideologe wie ein Mann ausserhalb jeder Moral sein könnte, wirkt Pirro, als meine sie das alles vollkommen ernst, was sie vermutlich auch tut. Was Fox News da treibt, ist eine permanente Unterminierung der Wahrheit. Es ist die Erschaffung eines Paralleluniversums, in dem alles ausgeblendet wird, was nicht zur reinen Botschaft und zur reinen Lehre passt.

Keine politischen Mischehen

Professor Shanto Iyengar forscht seit Jahrzehnten zum Verhältnis von Medien und Politik, seit 1998 an der Universität Stanford. Für ihn ist die Ausrichtung von Fernsehsendern wie Fox oder, mit Abstrichen, MSNBC Ausdruck einer immer tiefer werdenden Spaltung im Land. «Seit der Wahl von George Bush im Jahr 2000 ist die Polarisierung immer extremer geworden. Mit Trump hat sie sich noch einmal verstärkt», sagte er. «Demokraten und Republikaner sind zwei Stämme, die einander unversöhnlich gegenüberstehen.»

Auch die soziale Struktur des Landes ist betroffen. Laut einer Studie von Iyengars Team unterstützen 86 Prozent aller verheirateten Paare die gleiche Partei, Tendenz steigend. Republikanerinnen heiraten keine Demokraten mehr, Demokratinnen keine Republikaner. Gerade sitzt sein Team an einer neuen Studie, in der Scheidungen untersucht werden. «Wir erheben noch die Daten, aber ich habe den starken Verdacht, dass wir sehen werden, dass Scheidungen bei Partnern, die nicht die gleiche Partei unterstützen, stark zunehmen.»

Abgeschottete Wertesysteme

Das liegt auch daran, dass die Unterstützung einer Partei mittlerweile an ein komplettes Wertesystem gekoppelt ist. Wer mit den Republikanern sympathisiert, ist in der Regel gegen das Recht auf Abtreibung, gegen Einwanderung, gegen Rechte von Homosexuellen, gegen weitreichende Eingriffe des Staats und glaubt nicht so recht an den Klimawandel. Demokraten vertreten die gegensätzlichen Positionen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber so verlaufen die groben Linien. Was man dieser Entwicklung entgegensetzen könnte? Iyengar sagt: «Ich bin mittlerweile nicht mehr sonderlich optimistisch, dass wir in diesem Land wieder einen Weg zu mehr Harmonie finden.»

Ein naheliegender Schluss wäre, dass diese Spaltung sich in den Medien exakt abbildet. Dass jede Seite ausschliesslich ihre eigenen Websites anschaut, ihre eigenen Zeitungen liest, ihre eigenen Fernsehsender einschaltet – also in ihrer eigenen Welt lebt. In einer beeindruckenden Studie, die vor kurzem unter dem Titel «Network Propaganda» erschienen ist, kommen drei Wissenschaftler der Universität Harvard zu einem ganz anderen Schluss. Yochai Benkler, Robert Fari und Hal Roberts sagen auf der Grundlage von Datenanalysen, dass die amerikanischen Medien sich nicht mehr in rechts und links unterteilen liessen, sondern nur noch in sehr rechts und den Rest.

Ich bin geneigt zu sagen, dass sich diese extremen Gegensätze irgendwann in Gewalt entladen.Shanto Iyengar, Professor an der Universität Stanford

Die Forscher haben nach eigenen Angaben Millionen Tweets, Facebook-Einträge und Online-Stories ausgewertet und gelangen zu der Ansicht, dass das Problem bei den politischen Netzwerken am äusseren rechten Rand liege. Liberale und moderate Mediennutzer seien an Fakten interessiert, sehr konservative Mediennutzer nähmen hingegen eher Falschinformationen, Halbwahrheiten und Lügen auf.

Das liege an einem sich wiederholenden Prozess: Auf extrem rechten Websites wie Breitbart, Infowars, Truthfeed, Zero Hedge oder Gateway Pundit tauchten obskure Geschichten auf, die den politischen Gegner diffamieren. Diese Seiten tun nicht mal so, als lägen den Geschichten journalistische Standards zugrunde. Oft sind sie frei erfunden. Entscheidend ist der zweite Schritt: Die Geschichten werden in anderen Medien aufgegriffen, die noch als einigermassen journalistisch gelten – wie Fox News. Damit werden sie quasi legitimiert.

Wo das hinführt? «Ich will Sie nicht schockieren», sagt Professor Iyengar, «aber ich bin geneigt zu sagen, dass sich diese extremen Gegensätze irgendwann in Gewalt entladen. Irgendein Verrückter wird auf eine Wahlkampfveranstaltung gehen und Leute erschiessen. Wir haben dieses Niveau jetzt erreicht.» Sollte es so weit kommen, wird man bei Fox News wissen, wie darüber zu berichten ist.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.02.2019, 21:35 Uhr

Artikel zum Thema

Cassis träumt vom Freihandels-Deal und bekommt nur warme Worte

«Ganz klar» sei die Sache, sagte der Bundesrat nach seinem Besuch in Washington. Das US-Aussenministerium ist weniger euphorisch. Mehr...

Trump ist weiterhin bei «sehr guter Gesundheit»

US-Präsident Donald Trump hat sich am Freitag dem zweiten offiziellen Gesundheitscheck seit seinem Amtsantritt unterzogen. Mehr...

Trump mimt den Versöhner

Analyse Der US-Präsident hielt seine Rede zur Lage der Nation. In Wahrheit startete er aber seinen Wahlkampf. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

In luftiger Höhe: Ein Paraglider schwebt bei traumhaftem Wetter im Oberallgäu am Mond vorbei. (16. Februar 2019)
(Bild: Filip Singer) Mehr...