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Trump sucht Impfstoff nur für Amerikaner

Der US-Präsident soll einem deutschen Biotechunternehmen eine Milliarde Dollar geboten haben.

New York im Griff des Coronavirus: Einsamer Strassenverkäufer am Sonntag in der Nähe des Times Square. Foto: Wong Maye-E (AP, Keystone)
New York im Griff des Coronavirus: Einsamer Strassenverkäufer am Sonntag in der Nähe des Times Square. Foto: Wong Maye-E (AP, Keystone)

Anfang März sassen ein knappes Dutzend Manager von Pharmakonzernen und Biotechnologie-Unternehmen an einem Tisch im Weissen Haus, zusammen mit US-Präsident Donald Trump. Jeder in der Runde sollte sich erst einmal vorstellen, erzählen, was er so unternimmt im Kampf gegen das neue Coronavirus. Die Manager hockten ein wenig devot da, auch Daniel Menichella, 50, damals noch Chef des Tübinger Biotechunternehmens Curevac sass am Tisch. Seine Botschaft las er vom Blatt ab: «Wir glauben, dass wir einen Impfstoff gegen Covid-19 sehr, sehr schnell entwickeln können», sagte Menichella.

So etwas gefällt Trump, so sehr, dass er dieser Firma nun viel Geld geboten haben soll, damit sie den Impfstoff exklusiv an die USA liefert. Von einer Milliarde Dollar soll die Rede gewesen sein, berichtete die Zeitung «Welt am Sonntag» unter Berufung auf deutsche Regierungskreise. Das deutsche Gesundheitsministerium bestätigt, dass die US-Regierung sich um die in Tübingen ansässige Firma Curevac bemüht, die gemeinsam mit dem staatlichen Paul-Ehrlich-Institut an einem Impfstoff gegen das Coronavirus arbeitet.

Das Unternehmen hat mehrere Impfstoffkandidaten und für Juni erste klinische Tests angekündigt. Mehrheitsgesellschafter von Curevac ist mit einem Anteil von mehr als 80 Prozent SAP-Mitgründer Dietmar Hopp über seine Beteiligungsgesellschaft Dievini. Sie erteilte Trump am Sonntag eine Absage, wie sie deutlicher nicht sein könnte. «Wir wollen einen Impfstoff für die ganze Welt entwickeln und nicht für einzelne Staaten», sagte Dievini-Geschäftsführer Christof Hettich der Zeitung «Mannheimer Morgen».

«Deutschland steht nicht zum Verkauf»

Im «Bericht aus Berlin» lobte Wirtschaftsminister Peter Altmaier am Abend das Tübinger Unternehmen: «Das ist eine grossartige Entscheidung und eine grossartige Position. Wir sorgen dafür, dass die notwendige Hilfe vorhanden ist. Deutschland steht nicht zum Verkauf. Und wenn es um wichtige Infrastruktur und nationale und europäische Interessen geht, dann werden wir notfalls auch handeln.»

Schon zuvor hatte eine Sprecherin des Ministeriums gesagt, dass die Bundesregierung ein hohes Interesse habe, Wirkstoffe und Impfstoffe in Deutschland und Europa zu produzieren. Das Wirtschaftsministerium kann, sofern die Voraussetzungen erfüllt sind und eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit droht, den Erwerb von Firmen untersagen oder entsprechende Anordnungen erlassen.

Impfstoff-Entwicklung kostet zwei Milliarden Dollar

Es geht um viel Geld. Zwei Milliarden Dollar würden gebraucht, um einen Impfstoff gegen die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 zu entwickeln, schreibt die Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (Cepi) auf ihrer Website. Die internationale Impfstoffallianz hat auch einen genauen Zeitplan mit mehreren Phasen.

  • 100 Millionen Dollar würden sofort gebraucht, um acht Impfstoffkandidaten durch die erste klinische Phase zu bringen.
  • In einem zweiten Schritt seien es bis Ende März dann weitere 375 Millionen Dollar, um Material für die zweite und dritte klinische Phase herzustellen und um in den Aufbau weltweiter Produktionskapazitäten zu investieren.
  • Bis Ende Juni würden in einer dritten Phase dann noch einmal 400 Millionen Dollar gebraucht.
  • Und in der vierten, im Jahr 2021, 500 bis 750 Millionen Dollar. Erst dann würden alle Tests und die Zulassung von Impfstoffen gegen Corona abgeschlossen sein.

An der Entwicklung von Impfstoffen arbeiten mehrere Firmen und Institute. Curevac zählt dazu, aber auch die börsennotierten US-Biotechnologiekonzerne Novavax, Inovio und Moderna. Die Universität Oxford und die Universität von Queensland arbeiten ebenfalls an einem Impfstoff. Die Cepi unterstützt sie alle mit Geld. Ende Februar schlossen Curevac und die Impfstoffallianz einen Vertrag im Volumen von bis zu 34 Millionen Dollar zur Entwicklung eines mobilen Printers, mit dem, wie es heisst, «geringe Mengen» an Boten-RNA produziert werden können.

«Wenn es einen Impfstoff gibt, muss er allen zur Verfügung stehen.»

Bärbel Bas, SPD-Gesundheitspolitikerin

Gut eine Woche nach dem Treffen im Weissen Haus war Daniel Menichella seinen Chefposten los. «Ingmar Hoerr kennt das Unternehmen und dessen Identität durch und durch. Als Gründungs-CEO, Wissenschaftler und Visionär ist er der Richtige, Curevac in die Zukunft zu führen», lobte Jean Stéphenne, der stellvertretende Aufsichtsratschef, Menichellas Nachfolger. Das Lob klingt wie eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was dem Vorgänger fehlte. Menichella war Angestellter, ist Amerikaner, hatte für Curevac vom zweiten Standort aus das US-Geschäft aufgebaut – und er ist Betriebswirt, kein Naturwissenschaftler. Wie es heisst, soll Investor Dietmar Hopp auf den Wechsel gedrängt haben.

Die Gesundheitspolitikerin Bärbel Bas (SPD) sagt, es handele sich hier «um eine ethische, nicht wirtschaftliche oder gar nationale Frage. Wenn es einen Impfstoff gibt, muss er allen zur Verfügung stehen. Alles andere wäre ein Skandal.»

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