Sie verachten ihn, er hasst sie

Die Trauerfeier für John McCain trieb den Konflikt zwischen Donald Trump und dem US-Establishment auf eine vorläufige Spitze.

Am Samstagnachmittag fand in der Washington National Cathedral die Abdankungsfeier für den verstorbenen Senator John McCain statt. (1. September 2018) Video: AP

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Gegen Ende seiner Präsidentschaft, als Watergate ihn bereits ruiniert hatte, schweifte ein angetrunkener Richard Nixon spätnachts durch die Gänge des Weissen Hauses und sprach zu den Porträts verflossener Präsidenten an den Wänden. So weit ist es noch nicht mit Donald Trump, die Einsamkeit um ihn aber wächst.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen, als der Präsident von langjährigen Weggefährten verlassen oder sogar verraten wurde, belegen dies ebenso wie die Trauerfeier von Senator John McCain. Letzteres unterstrich zudem die Polarisierung des Landes: In der Kathedrale von Washington gab jenes US-Amerika dem Senator und Kriegshelden aus Arizona ein letztes Geleit, das diesen Präsidenten verabscheut. Der tote Senator und seine Familie zählen dazu, die Ex-Präsidenten Obama und George W. Bush gleichfalls.

Niemand erwähnte Trumps Namen bei dem Trauergottesdienst zu Ehren McCains, alle aber wussten, wer gemeint war, als Barack Obama den «Bombast, die Beleidigungen, die künstlichen Kontroversen und die fabrizierte Entrüstung» im gegenwärtigen politischen Klima beklagte. Oder als George W. Bush sagte, jedes Leben besitze «Würde, und diese Würde hört nicht an der Grenze auf». Oder als McCains Tochter Meghan bekräftigte, das Amerika ihres Vaters brauche nicht neue Grösse, «da es schon immer gross war».

Amtsenthebung unmöglich, «weil ich tolle Arbeit mache»

Dem das alles galt und der bewusst nicht zur Trauerfeier eingeladen worden war, scherte sich gewiss keinen Deut darum: Während sich das politische Establishment um den Sarg in der Kathedrale versammelte, verliess Donald Trump das Weisse Haus Richtung Golfplatz. Auf dem Kopf trug er eine weisse Mütze, worauf «Make Amerika Great Again» geschrieben stand, in der Seele nagte an ihm die Überzeugung, er werde unfair behandelt.

Trump auf dem Weg zum Golfplatz. (1. September 2018) Bild: Brendan Smialowski/AFP

Er könne nicht mit einem Amtsenthebungsverfahren belangt werden, «weil ich tolle Arbeit mache», sagte Trump kürzlich. Weder die Rekorde an den amerikanischen Aktienmärkten noch die historisch niedrige Arbeitslosigkeit aber fördern seine Beliebtheit. Am Freitag brachte eine seriöse Umfrage der Washington Post und des TV-Senders ABC nur schlechte Nachrichten für den Präsidenten: Nur eine Minderheit – 36 Prozent – der Amerikaner steht hinter ihm, eine Mehrheit hingegen vertraut dem Russland-Sonderermittler Robert Mueller. Auch wächst die Zahl derer, die ein Impeachment, also eine Amtsenthebungsverfahren gegen Trump, wünschen.

Dies mag erklären, warum der Präsident auch am Tage des Begräbnisses von John McCain tat, was er mittlerweile fast täglich tut: Sich auf Twitter zu beschweren über Mueller, über seinen Justizminister Jeff Sessions, der Mueller gewähren lässt anstatt ihn, den Präsidenten, zu schützen, über das korrupte FBI, über die Fake News und eben über alles und alle, die Donald Trump ans Leder wollen. Trumps Mitarbeiter sagten, «er benehme sich, als sei er völlig in die Ecke gedrängt worden», berichtete Maggie Haberman, die stets gut unterrichtete Korrespondentin der New York Times im Weissen Haus.

So ist es. Trumps Optionen schrumpfen von Monat zu Monat, nicht einmal einen Auftritt vor dem Sonderermittler wollen die Anwälte des Präsidenten zulassen, weil sie wissen, dass ihr Mandant sich verheddern und flunkern würde – was ihm womöglich eine Anzeige wegen Meineids einbrächte. Dabei brennt er doch darauf, Mueller gegenüberzusitzen und ihn in die Schranken zu weisen. Es wird nichts daraus werden, derweil vielleicht noch mehr alte Bekannte und ehemalige Freunde die Seiten wechseln und Trump zurücklassen werden.

Es wäre ein lauter Untergang

Falls die Demokraten überdies die Kongresswahlen im November gewinnen, wird es für Donald Trump erst recht eng werden: Endlose Untersuchungen rollen dann auf ihn zu, geleitet von den mächtigen Vorsitzenden mächtiger Aussschüsse. Der Golfplatz aber bleibt ihm, vor allem, wenn er der Besitzer dieses Golfplatzes ist. So wie am Samstag, als er geächtet wurde von den Vertretern eines Establishments, das er vehement und oft bekriegt hat. Zu ihnen Brücken zu bauen, ist Trump nicht gegeben. Und selbst wenn er dazu in der Lage wäre, würde er dies nicht tun. Schliesslich verachten sie ihn.

Er wiederum wird niemals wie Richard Nixon einfach aufgeben und mitten in der Washingtoner Nacht mit Tränen in den Augen zu den Bildern seiner Vorgänger aufschauen. Donald Trumps Untergang, wenn es denn soweit käme, ginge laut vonstatten. Es wäre die grösste und zugleich gefährlichste Show, die Amerika jemals produziert hätte.

Erstellt: 01.09.2018, 22:48 Uhr

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