Trump und der Cyberkrieg im Stromnetz

Die «New York Times» berichtet, die USA hätten Russland mit Schadsoftware angegriffen. Für Präsident Trump ist das Verrat.

Mit ihrer Berichterstattung über einen US-Hackerangriff auf das russische Stromnetz hat die New York Times – hier das Gebäude der Zeitung in New York – einmal mehr den Zorn des US-Präsidenten auf sich gezogen. Foto: Erik McGregor/imago

Mit ihrer Berichterstattung über einen US-Hackerangriff auf das russische Stromnetz hat die New York Times – hier das Gebäude der Zeitung in New York – einmal mehr den Zorn des US-Präsidenten auf sich gezogen. Foto: Erik McGregor/imago

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Nach einem Bericht der New York Times über eine Hacking-Aktion der USA gegen Russland hat US-Präsident Donald Trump die Zeitung via Twitter als «Feind des Volkes» bezeichnet. Der Bericht sei zudem absolut falsch. Die Zeitung hatte am Samstag unter Berufung auf mehrere Mitglieder der Regierung berichtet, dass die USA Schadsoftware ins russische Stromnetz eingeschleust hätten, die, wenn nötig, eingesetzt werden könne, um das Netz lahmzulegen. Die Aktion sei als Warnung an Russland zu verstehen.

Behörden in den USA und Europa wissen seit Jahren von Ausflügen russischer Hacker in fremde Stromnetze. So gelang es russischen Hackern im Winter 2015, den Strom für Zehntausende Haushalte in der Ukraine abzuschalten. Im März 2018 warnte das US-Heimatschutzministerium öffentlich vor seit dem Jahr 2016 andauernden Angriffen einer russischen Hackergruppe, die es auf wichtige Infrastruktur-Unternehmen wie Wasserwerke und Energieerzeuger abgesehen hatte. Auch der deutsche Verfassungsschutz gab im Juni 2018 einen «Cyber-Brief» heraus, in dem Unternehmen aus dem Energiesektor vor Angriffen einer Gruppe namens Energetic Bear oder Crouching Yeti gewarnt wurden.

«Vorwärtsverteidigung» im Cyberraum

Die Reaktion auf diese Provokationen fiel unter Präsident Barack Obama und in den ersten zwei Jahren der Trump-Präsidentschaft zurückhaltend aus. Laut dem Zeitungsbericht war Obama besorgt, dass ein eskalierender Cyberkonflikt die USA härter treffen könnte als Russland, da die amerikanischen Systeme stärker vernetzt sind; zudem habe er verhindern wollen, dass das Ausmass der US-Cyberfähigkeiten durch den Konflikt bekannt wird.

Solche Bedenken gelten unter Paul Nakasone offenbar nicht mehr. Der General übernahm 2018 den Inlandsgeheimdienst NSA und damit auch die Führung des 2009 geschaffenen «Cyber Command». Er setzt auf «Vorwärtsverteidigung». Anfang 2019 hatte Nakasone die neue Doktrin in einer US-Militärzeitschrift angekündigt: «Unsere Seestreitkräfte verteidigen uns nicht, indem sie im Hafen bleiben.» Das gleiche gelte auch für den Cyberraum.

Zivile Infrastruktur betroffen

Dazu kommt laut dem Berliner IT-Sicherheitsexperten Sven Herpig von der Stiftung Neue Verantwortung noch eine zweite Strategie der US-Cybertruppen: «Persistent Engagement». Sie sehe vor, dauerhaft in den Netzwerken und Systemen ausgewählter Gegner wie Russland und China aktiv zu sein, diese Akteure dort zu beschäftigen und diese Zugänge, wann immer nötig, auszunutzen, um Schaden abzuwehren oder Macht zu demonstrieren. Diese Herangehensweise der Cyberstreitkräfte erklärt möglicherweise auch die Offenheit, mit der die US-Offiziellen mit den Reportern der New York Times über die in der Vergangenheit selten öffentlich gemachten Cyberaktionen der USA sprachen.

Auch der Nationale Sicherheitsberater der USA, John Bolton, ist offenbar überzeugt von der neuen Herangehensweise. Am Dienstag sagte Bolton auf einer Konferenz des Wall Street Journal, die USA müssten die möglichen Ziele von Cyberoperationen erweitern. Es gehe darum, anderen Staaten klarzumachen, dass Attacken auf die USA nicht ungestraft bleiben werden.

Kritik an der neuen US-Militärdoktrin übte der Politikwissenschaftler Thomas Rid von der Johns Hopkins Universität in Baltimore. Er bezweifle, schrieb er auf Twitter, dass die USA eine mögliche Schadsoftware in den russischen Netzen unter Kontrolle halten könnten, sodass diese auf Dauer abschreckend wirken. Sorge macht Rid auch, dass hier ein schwelender Cyberkonflikt offenbar in ziviler Infrastruktur wie Stromnetzen ausgetragen werde.

Die Zeitung kontert Verratsvorwurf

US-Präsident Trump warf der New York Times vor, mit ihrer Berichterstattung Verrat zu begehen. Seine heftige Reaktion könnte mit Informationen aus dem Artikel zusammenhängen. Nicht näher genannte Quellen sollen der New York Times verraten haben, dass der Präsident nicht komplett über die aktuellen Aktionen informiert worden sei – aus Angst, er könne sie vereiteln, indem er sie gegenüber anderen Staaten ausplaudere.

Die Times konterte. Der Presse Verrat vorzuwerfen, sei gefährlich, schrieb die Zeitung in einer Antwort an Trump auf Twitter. Zudem hätten die Reporter vor der Veröffentlichung sogar den Nationalen Sicherheitsrat benachrichtigt. Der habe durch die geplante Berichterstattung keine Gefahr für die nationale Sicherheit gesehen.

Erstellt: 16.06.2019, 21:11 Uhr

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