«Trump würde sie vernichten»

Anthony Scaramucci war Sprecher des Weissen Hauses – und kennt den Präsidenten seit 20 Jahren. Wer kann Trump in den Wahlen schlagen?

Kamala Harris gilt als eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen der Demokraten: Die Senatorin an einer Diskussionsrunde in Nevada. Foto: Keystone

Kamala Harris gilt als eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen der Demokraten: Die Senatorin an einer Diskussionsrunde in Nevada. Foto: Keystone

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Der Hedge Fund Manager Anthony Scaramucci sagt, was er denkt – ungefiltert und oft nicht ganz jugendfrei. Das wurde ihm vor zwei Jahren zum Verhängnis, als er nach gerade mal elf Tagen von seinem Posten als Pressesprecher des Weissen Hauses gefeuert wurde. In einem vermeintlich vertraulichen Telefonat mit einer Journalistin hatte Scaramucci unter anderem den damaligen Chefstrategen Steve Bannon beleidigt. Die Bemerkungen wurden publik, und der Pressesprecher verlor seinen Job.

Verbittert ist Scaramucci deswegen aber nicht. Seine «15 Minuten» im globalen Rampenlicht haben aus ihm einen beliebten Gast in den amerikanischen Medien gemacht, wo er weiterhin kein Blatt vor den Mund nimmt. Er kritisiert die rassistischen Aussagen des US-Präsidenten und dessen erratische Handelspolitik. Trotzdem erwartet er, dass Trump wiedergewählt wird – wegen der starken Konjunktur und weil kein Kandidat der Demokraten dem Präsidenten gewachsen sei.

Herr Scaramucci, Präsident Donald Trump hat jüngst vier Kongressabgeordnete aufgefordert zurückzugehen, woher sie kommen. Ist das rassistisch?
Diese Tweets sind ohne Zweifel rassistisch. Das ist überhaupt keine Frage.

Was bezweckt er damit?
Ich weiss es nicht. Man kann das den Leuten aber nicht sagen. Meiner Grossmutter haben sie das auch gesagt, als sie von Süditalien nach Amerika kam. Sie brachte drei Kinder zur Welt, meine Mutter und zwei Söhne, die beide im Zweiten Weltkrieg kämpften. Was wollt ihr machen, wollt ihr meine Grossmutter zurückschicken? Was ist los mit den Leuten? Die Gründerväter nannten unser Land aus einem bestimmten Grund «Vereinigte Staaten von Amerika». Es wird uns vielleicht nicht gefallen, aber wir sind alle zusammen hier, die Deutschen, die Italiener, die Japaner, die Koreaner. Die USA sind ein Land, das aus einer Idee entstanden ist. Nicht eine Blutlinie, oder ein Stamm. Deshalb nannte es Abraham Lincoln auch die letzte beste Hoffnung für die Menschheit.

Fokussiert Trump auf die kulturelle Spaltung im Land, um die Wiederwahl zu gewinnen?
Falls ja, dann ist es eine dumme Strategie. Denn die Wiederwahl wird er sowieso gewinnen. Die Wirtschaft brummt. Zudem hat er keinen Gegner. Die Präsidentschaftskandidaten der Demokraten sind wie Clowns, die beim Zirkus aus einem kleinen Auto steigen: Einer ist der grössere Trottel als der andere. Offensichtlich wird Trump gegen sie gewinnen. Warum sollte er das Land spalten wollen, wenn er vierzig Staaten für sich gewinnen wird?

In den Umfragen liegt er aber zurück.
Umfragen sind Schwachsinn. Er lag in den Umfragen auch gegen Hillary Clinton zurück und schlug sie trotzdem. Keiner mag den Kerl, deshalb will sich niemand zu ihm bekennen. Viele haben Hemmungen, in ihrem sozialen Umfeld zuzugeben, dass sie ihn mögen. Schliessen sie aber dann im Wahllokal die Tür, stimmen sie für ihn.

Viele Amerikaner sind entsetzt über die Regierung, beispielsweise wie sie Einwanderer an der Grenze behandelt und Kinder in Käfige sperrte.
Völlig zu recht. Es ist schrecklich, und ich habe mich dagegen ausgesprochen. Ich habe mich auch gegen die rassistischen Tweets ausgesprochen. Trump wird aber auch dank der guten Wirtschaft gewinnen.

Die US-Regierung wurde für den Umgang mit Kindern von Migranten harsch kritisiert: Eine honduranische Mutter mit ihrem Kind vor dem Grenzübergang in Mexiko. Foto: Reuters

Jüngst hat sich die Konjunktur aber deutlich abgeschwächt, und die Zinskurve warnt vor einer Rezession.
Die Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2,1 Prozent gewachsen. Bis zur Wahl dauert es nur noch fünfzehn Monate. Für eine Rezession braucht es zwei Quartale mit negativem Wachstum. Vor der Wahl im November 2020 werden wir keine Rezession haben.

Wie beurteilen Sie Trumps Wirtschaftspolitik?
Durch Deregulierung hat er Wachstum geschaffen. Im vergangenen Jahr erhielt die Wirtschaft dank der Steuersenkung ein zusätzliches Zuckerhoch. Nun tendiert das Wachstum aber wieder zu 2 Prozent. Damit liegt es unter seinem Ziel von 3 Prozent.

Ist dieses Ziel nachhaltig erreichbar?
Mit der richtigen Politik definitiv. In den USA gibt es aber weder eine Industriepolitik noch eine Infrastrukturpolitik oder eine Bildungspolitik.

Die aktuelle Handelspolitik ist auch nicht wachstumsfördernd.
Handelskriege sind völlig falsch. Die USA hätten sich mit Europa zusammenschliessen sollen. Die Europäer haben die gleichen Beschwerden gegenüber den Chinesen wie die Amerikaner. Wir hätten uns ohne den ganzen Zollquatsch zusammenschliessen können. Aber Trump muss beweisen, dass er es allein kann.

Die Leidtragenden sind die Konsumenten.
Die Zölle sind eine Steuer für das amerikanische Volk. Sie belasten das Wachstum. Zudem hindern sie Unternehmen bei Kapitalinvestitionen. Die Ironie dabei ist, dass Trumps Steuerreform Unternehmen dazu gebracht hat, langfristige Kapitalinvestitionen zu planen. Als er dann anfing, Zollroulette zu spielen, legten die Unternehmen diese Pläne auf Eis. Wo sein Vorgänger Barack Obama mit der Regulierung nicht vorhersehbar war, ist Trump bei der Handelspolitik unvorhersehbar.

Wer wird der Präsidentschaftskandidat der Demokraten sein?
Ich habe keine Ahnung. Aber ich sehe kein Szenario, in dem Trump verliert.

Wer wäre Trumps härtester Gegner?
Laut den Umfragen der ehemalige Vizepräsident Joe Biden. Aber das liegt daran, dass Biden noch nicht gegen den Präsidenten antreten musste. Gegen Trump hat er keine Chance. Biden kann nicht einmal einen Football halten. Er ist ein sehr kluger Kerl, aber wenn er im Rampenlicht steht und unter Druck gerät, packt er es nicht. Das hat Kamala Harris während der ersten Debatte der Demokraten gezeigt.

Was ist mit Harris?
Trump würde sie vernichten. Harris ist ein netter Mensch und sehr klug. Ich mag sie als Person, aber sie hätte keine Chance. Die Demokraten bräuchten einen intellektuellen Strassenkämpfer, um Trump zu schlagen. Am besten tritt ihm Pete Buttigieg gegenüber. Aber dieser wird nicht der Kandidat sein, da er für Amerikas patriarchalische Gesellschaft zu jung ist. Trump ist 73 Jahre alt, Buttigieg 37.

Er hätte die Unterstützung der Jungen.
Aber die jüngere Generation wählt nicht. Ich bezweifle, dass sich das im nächsten Jahr ändern wird.

Was macht Buttigieg besser als der Rest?
Er ignoriert Trumps Angriffe. Wenn Trump angreift, darfst Du nicht zurückschlagen. Angreifen ist ein Teil von Trumps DNS. Als Marco Rubio zurückschlug, wurde er zerstört. Ted Cruz: zerstört. Und Hillary Clinton: ebenfalls zerstört. Trump ist ein Schwein, und jeder Bauer wird Dir sagen: Du kannst nicht mit einem Schwein ringen, denn das Schwein wird Dich umstossen, in den Dreck ziehen und dabei grunzen. Trump weiss, wie er seine Gegner umstösst. Wenn Trump angreift, musst Du in eine andere Richtung gehen und ihn intellektuell herausfordern. Trump versteht es aber auch, in den Kopf der Gegner einzudringen. Als er sagte, Beto O’Rourke mache komische Handbewegungen, war es für diesen vorbei. Es war, als ob er seine Hände nicht an die richtige Stelle bekommen würde, er sah aus wie der Roboter in «Lost in Space».

Trump attackierte Hillary Clinton fast bei jeder Rede vor den Wahlen 2016. Foto: Keystone

Was könnte Trumps Wiederwahl gefährden?
Wenn er mit seinen rassistischen Aussagen weitermacht. Dann wird er die Wahl verlieren. Wenn er damit weitermacht, werden ihn viele Leute wie ich nicht mehr unterstützen.

Aber jetzt unterstützen Sie ihn noch?
Ja, auf jeden Fall. Ich will, dass er gewinnt.

Kann er weniger polarisieren?
Selbstverständlich. Ich kenne ihn seit zwanzig Jahren. Früher war er ein sehr charmanter Typ. Als ihn die Medien ständig kritisierten, wurde er sauer. Darum fühlt er sich angegriffen und ist verbittert. Aber eigentlich ist er ein charmanter und geselliger Mensch. Wenn er sich beruhigen würde, könnte er um 60 Prozent der Stimmen gewinnen. Aber er kann sich nicht beruhigen.

Sagen Ihm das die Leute im Weissen Haus denn nicht?
Das ist ein Haufen von Feiglingen. Es ist erschreckend, dass sich keiner der gewählten Republikaner gegen die rassistischen Tweets ausgesprochen hat. Was ist bloss los mit ihnen? Sind sie in einer Sekte? Ist er ein Demagoge? Ja, was zum Teufel ist da bloss los?

Gibt es jemanden, der Einfluss auf ihn hat?
Nein. Niemand hat Einfluss, aber wenn ihm zwanzig Leute die Wahrheit sagten, vielleicht würde er sein Verhalten ändern.

Fühlen Sie sich in der Republikanischen Partei noch zu Hause?
Die Partei benötigt eine Veränderung. Es kann nicht sein, dass eine Person eine Partei assimiliert. Okay, der Präsident soll der Führer der Partei sein. Aber eine Partei hat verschiedene Facetten und besteht aus unterschiedlichen Gruppen. Sie sollte nicht eine blinde, persönlichkeitsgetriebene Einheit sein.

Sie identifizieren sich also nach wie vor als Republikaner?
Es ist der einzige Ort, wo die politischen Ideen, die eine Meritokratie erlauben, vorhanden sind. Es gibt zwar Einschränkungen, aber im Grossen und Ganzen sind die Vereinigten Staaten immer noch ziemlich leistungsorientiert.

Lebt der amerikanische Traum?
Er ist nicht tot, aber er ist definitiv verletzt. Für jemanden aus meiner Nachbarschaft ist es schwieriger geworden, das zu tun, was ich vor 35 Jahren gemacht habe. Das müssen wir ändern. Und der einzige Weg, das zu tun, ist mit der freien Marktwirtschaft. Alle müssen die gleichen Rechte haben und fair behandelt werden.

«Ich bin kein Politiker»: Anthony Scaramucci als Pressesprecher des Weissen Hauses. Foto: Keystone

Warum gingen Sie trotz des Erfolgs an der Wallstreet ins Weisse Haus?
Ich war dort, weil ich den Präsidenten mag und er mich bat, ihm zu helfen. Mit Sean Spicer, Reince Priebus und Steve Bannon habe ich drei böse Jungs aus dem Weissen Haus entfernt. Aber ich bin kein Politiker. Das konnte man an meinen Pressekonferenzen erkennen. Ich sage, was ich denke. Jemand fragte mich nach meiner Pressekonferenz, was zum Teufel ist los mit Ihnen? Vom Podium aus kann man nicht die Wahrheit sagen.

Warum nicht?
Man kann die Wahrheit nicht sagen, weil sie schlecht ist – sagen, dass Amerika die Schulden nicht zurückzahlen kann und dass der Lebensstandard für die Mittelschicht und die Unterschicht sinken wird, ausser die Regierung ändert die Gesetze. Ich sage gerne die Wahrheit, da ich die Probleme lösen will. Die Politiker in Washington wollen das aber nicht. Die Politiker wollen an der Macht bleiben, und darunter leidet das Volk.

Viele Amerikaner fühlen sich auch von der Wirtschaft im Stich gelassen. Ist der Globalismus gescheitert?
Der Globalismus hat unglaubliche Vorteile gebracht. Er hat aber einen Teil der Bevölkerung vergessen. Ihm wurde nicht geholfen, sich selbst für eine globale Zukunft vorzubereiten. Und so fühlen sich viele Leute ausgeschlossen und sind verärgert. Kommen dann noch Einwanderer hinzu und drücken die Löhne, fühlen sich die Leute bedroht. Aus einer ehrgeizigen Arbeiterklasse – wie die Familie, in der ich aufgewachsen bin – wird dann eine verzweifelte Arbeiterklasse. Trump weiss das auszunutzen.

Was haben Sie in Ihrer Zeit in Washington gelernt?
Ich habe gelernt, dass ich nicht mit Reportern reden darf – aber offensichtlich habe ich das nicht gelernt. Ich habe gelernt, dass die Leute in Washington rücksichtslose Menschen sind. Man kann niemandem trauen, oder, wie Harry Truman gesagt hatte, wenn du in Washington einen Freund suchst, besorge Dir einen Hund. Macht macht die Leute verrückt. Es ist wie ein Befall des Gehirns. Jeder ist anfällig dafür, auch ich. Die Gründerväter waren sehr intelligent. Sie haben die Macht gestreut und das System entsprechend aufgebaut, um uns vor Tyrannei zu schützen. Aber man muss selbstkritisch genug sein, um zu wissen: Du bist auch nur ein Mensch und kannst der Macht zum Opfer fallen. Wie Baron Acton gesagt hat: Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut.

Wird Washington das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen?
Es hängt von der Führung ab. Ein guter Anführer könnte das Vertrauen zurückgewinnen. Momentan ist das aber nicht der Fall. Jeder Politiker lügt, wenn sich seine Lippen bewegen. Jemand von der BBC fragte mich einmal, was ich davon halte, dass Trump eine Menge Lügen erzählt. Nun, ich denke: Ich will nicht zynisch klingen. Ich bin nur ein Beobachter. Wenn es also nicht darauf ankommt, was sie sagen, dann beurteile ich ihre Taten. Ich beurteile, ob die Wirtschaft wächst und ob ich über mehr Einkommen verfüge.

(Finanz und Wirtschaft)

Erstellt: 31.07.2019, 15:53 Uhr

Anthony «The Mooch» Scaramucci (55) verkörpert den amerikanischen Traum. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in Port Washington auf Long Island, New York, studierte er Wirtschaft an der Universität Tufts und Jurisprudenz in Harvard, bevor er an der Wallstreet Karriere machte. Im Sommer 2017 ging er nach Washington, wurde aber nach nur elf Tagen als Pressesprecher des Weissen Hauses bereits wieder entlassen. Zurück in New York übernahm er wieder das Zepter bei seinem Hedge Fund SkyBridge Capital.

Sein Büro an der Madison Avenue ist dekoriert mit Memorabilien von den New York Mets, Superhelden wie Spiderman sowie einer Bücherwand mit Klassikern wie Goethes Faust und Homers Odyssee, sowie Büchern über Wirtschaft und Politik – gelesen habe er die meisten davon. Selbst geschrieben hat er vier. Sein jüngstes Buch handelt von US-Präsident Donald Trump. Scaramucci ist verheiratet und hat fünf Kinder.

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