Trumps späte Worte gegen Antisemitismus

Donald Trump hat den jüngsten Anstieg von antisemitischen Vorfällen in den USA verurteilt. Die klaren Worte kommen für viele zu zögerlich.

Will Vorurteile und Hass «ausrotten»: Donald Trump hält während eines Museumsbesuchs eine Rede. (Video: Youtube/ABC News)


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US-Präsident Donald Trump hat jüngste Drohungen gegenüber jüdischen Gemeindezentren in den Vereinigten Staaten verurteilt. Sie seien eine «schmerzhafte Erinnerung» daran, dass noch viel getan werden müsse, um Vorurteile und Hass «auszurotten», sagte er am Dienstag bei einem Museumsbesuch. Seine Aussagen kommen für viele verspätet – er war bereits von mehreren Seiten aufgefordert worden, klare Worte für die Vorfälle zu finden.

Die Beziehungen des Weissen Hauses zu US-amerikanischen Juden waren in letzter Zeit wegen Trumps Aussagen zum Holocaust, einer mürrischen Begegnung mit einem Reporter für ein jüdisch-orthodoxes Blatt und wegen Kommentaren seiner Unterstützer angespannt gewesen.

Bombendrohungen gegen jüdischen Zentren

Am Dienstag nun nahm Trump zum ersten Mal auf die jüngsten antisemitischen Vorfälle im Land Bezug. Vorher am Tag hatte es in einer Mitteilung des Weissen Hauses lediglich geheissen, durch Hass motivierte Straftaten seien zu verurteilen. Nicht erwähnt wurde dabei die Schändung eines jüdischen Friedhofs in Missouri am Wochenende und mehrere Drohungen gegenüber Gemeinden am Montag.

Landesweit hatten elf jüdische Zentren dabei am Telefon Bombendrohungen erhalten, wie die Jewish Claims Conference (JCC) für Nordamerika mitgeteilt hatte. Schon im Januar war es demnach vermehrt zu solchen Anrufen gekommen, die sich jedoch jeweils als falscher Alarm herausgestellt hatten.

Die frühere Präsidentschaftskandidatin für die Demokraten, Hillary Clinton, hatte Trump ebenfalls am Dienstag aufgefordert, etwas gegen die Vorfälle zu tun. «Jeder muss dagegen ansprechen, den Beginn sollte @POTUS machen», twitterte sie an den Account des US-Präsidenten gerichtet.

«Was ist die Position der Regierung, wenn es um den Anstieg von Antisemitismus und Intoleranz im Allgemeinen gilt? Was wird die Regierung tun, um es zu stoppen?», fragte auch eine Vertreterin der Anti-Defamation League, Karen Aroesty. Die Organisation setzt sich gegen Diskriminierung von Juden ein. «Die Angst ist gross. Deine Lieben sind da. Deine Erinnerungen sind da», sagte sie mit Blick auf den geschändeten Friedhof in Missouri. Die Polizei ermittelte in dem Fall. Zunächst war unklar, ob es sich bei der Tat um ein Hassverbrechen oder Vandalismus handelte. Es gab bisher keine Festnahmen.

Jüdischer Weltkongress besorgt

Der Leiter des Anne-Frank-Zentrums in New York, Stephen Goldstein, bezeichnete Trumps Worte als «zu wenig und zu spät». «Die plötzliche Anerkennung von Präsident Trump ist nur ein Pflaster auf den Krebs des Antisemitismus, der seine eigene Regierung zersetzt.»

Trumps Tochter Ivanka schrieb auf Twitter: «Amerika ist eine Nation, die auf dem Prinzip der religiösen Toleranz aufbaut. Wir müssen unsere Gebetsstätten und religiösen Zentren schützen.» Sie war selbst zum Judentum konvertiert, ihr Ehemann Jared Kushner seinerseits stammt aus einer orthodox-jüdischen Familie.

«Die amerikanischen Juden sind besorgt», sagte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), Ronald Lauder, laut Mitteilung in New York. «Wir hoffen, dass es eine starke und entschiedene Reaktion von den Behörden auf allen politischen Ebenen gibt, dies zu bekämpfen. Es ist nicht nur ein Problem für die jüdische Gemeinschaft, sondern für ganz Amerika», hiess es dort. Der WJC hat es sich zur Aufgabe gemacht, die nicht in Israel lebenden Juden zu vertreten.

Auseinandersetzung mit jüdischem Reporter

In der vergangenen Woche war Trump bei einer Pressekonferenz an einen Reporter für eine jüdische Publikation geraten. Dieser hatte ihm eine Frage zum Anstieg der Bombendrohungen gestellt. Doch der US-Präsident schien die Anmerkung als persönlichen Angriff zu werten und sagte, sie sei nicht fair. Er sei die «am wenigsten antisemitische Person, die Sie je in Ihrem Leben gesehen haben».

Ende Januar war das Weisse Haus kritisiert worden, weil es zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust eine Mitteilung herausgegeben hatte, in der Juden keine Erwähnung fanden. Kritik an Trump selbst hatte es schon im Wahlkampf gegeben: Er verurteile die hasserfüllte Rhetorik mancher seiner Unterstützer nicht deutlich genug, hiess es.

Auch in Kanada kam es zu antisemitischen Vorfällen. An ein Gebäude in Toronto malten Unbekannte Hakenkreuze. Premierminister Justin Trudeau verurteilte die Tat per Kurznachrichtendienst Twitter. «Wir werden nie für hasserfüllte Taten gegen die jüdische Gemeinde in Kanada stehen.» (chk/AP/sda)

Erstellt: 22.02.2017, 04:17 Uhr

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