Trumps apokalyptische Wahrheiten

Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Einwanderung: Laut Donald Trump liegen die USA am Boden. Stimmt das wirklich? Der Faktencheck seiner grossen Rede.

Laut ihm sind die USA in einem erbärmlichen Zustand: Donald Trump während seiner Rede in Clevelend. (21. Juli 2016)

Laut ihm sind die USA in einem erbärmlichen Zustand: Donald Trump während seiner Rede in Clevelend. (21. Juli 2016) Bild: Keystone

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«Keine Lügen» werde es geben, versprach Donald Trump am Anfang seiner Rede am Parteitag der Republikaner. Das amerikanische Volk erhalte die Wahrheit – «und nichts anderes». Worauf der Präsidentschaftskandidat mit einem Schwall an Fakten sein düsteres Bild der heutigen USA zu untermalen begann.

In vielen US-Medien sind sofort nach der Rede Faktenchecks erschienen (hier finden Sie als Beispiele die Artikel in der «New York Times», «Politico» und «Vox»). Das ist dabei bei den drei wichtigsten Themenbereichen in Trumps Rede herausgekommen:

  • Kriminalität
  • Aussage: Laut Trump ging das Ausmass der Kriminalität in den USA während Jahrzehnten zurück – bis sich unter Präsident Barack Obama dieser Trend umgekehrt habe.

    Realität: Die Kriminalität ist in den USA tatsächlich während Jahrzehnten zurückgegangen. 2014 lag zum Beispiel die Mordrate um mehr als die Hälfte unter dem Rekordwert von 1980. Barack Obama ist seit 2009 im Amt. Unter ihm ist die Kriminalität also weiter gesunken.

    Ob dies auch für die Jahre 2015 und 2016 gilt, ist laut «Politico» unklar, da landesweite Statistiken noch nicht erhältlich seien. Trump erwähnte in seiner Rede denn auch vor allem lokale Beispiele. Zum Beispiel, dass in Washington die Anzahl der Morde im letzten Jahr um 50 Prozent gestiegen sei. Im benachbarten Baltimore seien es gar 60 Prozent. Die Zahlen stammen aus einem Artikel der «Washington Post». Es ist demnach korrekt, dass in einzelnen grossen Städten zwischen 2014 und 2015 eine Zunahme von Morden registriert wurde.

    Eine Erklärung für diesen teilweise beobachteten Anstieg gibt es bislang nicht. Zumal gar nicht klar ist, ob es sich wirklich um einen allgemeinen Trend handelt. Es gibt viele Gegenbeispiele und vor allem eine gegenteilige Entwicklung im Jahr 2016: In New York ist gemäss der «New York Times» in den ersten drei Monaten dieses Jahres die Zahl der Morde um einen Viertel zurückgegangen. In Washington wurde in diesem Jahr ein Minus von 9 Prozent registriert, schreibt «Vox».

    Trotzdem greift Trump Obama an und macht ihn für die angebliche Zunahme der Kriminalität verantwortlich. Unter ihm sei die Kriminalitätsbekämpfung zurückgefahren worden. Gemäss «Vox» ist es nicht möglich zu sagen, ob es überhaupt einen Abbau unter Obama gegeben hat. Und wenn, könne nicht das Weisse Haus dafür verantwortlich gemacht werden, da die Polizeiarbeit in den USA fast immer Sache der Kommunen und Staaten sei.

  • Einwanderung
  • Aussage: Trump zufolge ist die Zahl der Einwandererfamilien, die bislang im Jahr 2016 illegal die US-Grenze überquert haben, bereits höher als im ganzen Jahr 2015. 180'000 illegale Einwanderer, die Straftaten begangen hätten und eigentlich deportiert sein müssten, würden zudem frei in den USA leben.

    Realität: Die Zahl 180'000 stammt laut der «New York Times» aus einem Bericht des Ministeriums für Innere Sicherheit. Es gibt demnach in den USA wirklich 180'000 illegale Einwanderer mit krimineller Vergangenheit, die das Land längst verlassen haben sollten. Dass, wie von Trump behauptet, von ihnen allen eine Gefahr ausgeht, ist jedoch nicht realistisch. Die Mehrheit von ihnen hat keine Gewaltverbrechen begangen. Insgesamt lebte in den USA 2015 rund eine Million illegale Einwanderer, deren Ausweisung von einem Gericht angeordnet, aber noch nicht vollzogen wurde.

    Was die Anzahl der illegalen Grenzübertritte betrifft, hat die von Trump gemachte Aussage ebenfalls einen realen Hintergrund. Gemäss «Vox» bezieht er sich auf die von den Behörden gemeldeten Verhaftungen von Einwanderern, die im Familienverbund reisten, beim Grenzübertritt. Im laufenden Fiskaljahr (beginnt jeweils im Oktober) sind es bis Ende Juni mit 51'152 Verhaftungen tatsächlich deutlich mehr als im ganzen Fiskaljahr 2015 mit 39'838 Verhaftungen. Für das laufende Kalenderjahr trifft die Aussage jedoch nicht zu: 2016 kam es von Januar bis Ende Juni zu 29'682 Verhaftungen, im ganzen Jahr 2015 waren es 53'840.

    Problematisch an Trumps Aussage ist laut «Vox» zudem, dass nicht alle Verhafteten die Grenze wirklich illegal überquert haben. Viele und insbesondere Familien beantragten in den USA Asyl, was keine illegale Handlung ist.

  • Armut
  • Aussage: Laut Trump leben in den USA beinahe vier von zehn afroamerikanischen Kindern in Armut, 58 Prozent der schwarzen Jugendlichen seien arbeitslos, und zwei Millionen Latinos mehr seien heute arm als zum Zeitpunkt, als Barack Obama das Präsidentenamt übernommen habe. 14 Millionen Menschen hätten sich in Obamas Amtszeit komplett aus dem Arbeitsleben zurückgezogen, und das jährliche Einkommen eines durchschnittlichen Haushalts liege heute um 4000 Dollar tiefer als im Jahr 2000.

    Realität: Die meisten Aussagen Trumps zum Thema Armut sind korrekt. Es lebten 2014 tatsächlich 38 Prozent der afroamerikanischen Kinder in Armut. Es leben heute wirklich deutlich mehr Latinos in Armut als beim Amtsantritt Obamas, und das reale durchschnittliche Haushaltseinkommen ist definitiv um 4000 Dollar im Jahr gesunken.

    Die Aussagen zum Thema Arbeit und Arbeitslosigkeit sind jedoch irreführend: Es ist gemäss «Vox» korrekt, dass 2015 nur rund 42 Prozent der schwarzen Jugendlichen zwischen 16 und 24 gearbeitet haben. Das bedeutet aber nicht, dass die anderen 58 Prozent alle arbeitslos waren. Hier wurden auch jene Jugendliche mitberücksichtigt, die sich in Ausbildung befanden. Zu den 14 Millionen, die sich angeblich aus dem Erwerbsleben zurückgezogen haben, muss festgehalten werden, dass in den USA heute rund 5 Millionen Menschen mehr arbeiten als 2008. Der Anteil der Erwerbstätigen an der wachsenden US-Bevölkerung ist dennoch gesunken. Allerdings vor allem wegen der alternden Gesellschaft.

Erstellt: 22.07.2016, 11:48 Uhr

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