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Trump-Show auf Deutsch

Ehrfürchtig begibt sich «Bild» in den Trump Tower zum neuen US-Präsidenten. Der muss keine kritischen Fragen fürchten, sondern darf sich selbst und seinen Schwiegersohn loben.

«Merkel hat einen katastrophalen Fehler gemacht»: In seinem ersten Interview mit europäischen Medien nimmt Trump kein Blatt vor den Mund. Video: Tamedia/Reuters

Mit manchen Details nimmt es Kai Diekmann sehr genau. «Über einen Seiteneingang betreten wir den Tower, im Fahrstuhl geht es in den 26. Stock. Ein schmaler Gang, eine weitere Sicherheitskontrolle, dann das Büro des Hausherren.» Der Leser spürt den Stolz des scheidenden «Bild»-Herausgebers: Seine Zeitung durfte Donald Trump nach dessen Wahlsieg im Trump Tower interviewen; seit Sonntagabend ist es online nachzulesen.

Als Geschenk für den neuen US-Präsidenten hat die «Bild» ein Stück Berliner Mauer mitgebracht, das neben Diekmanns Förderer Helmut Kohl auch George Bush und Michail Gorbatschow unterschrieben haben. Das Blatt rühmt sich, als erstes deutsches Medium den President-Elect befragt zu haben. Also wird der Besuch umfassend dokumentiert: Ein Dutzend Fotos zeigen Trumps Büro, seine Sammlung an Sportartikeln (Mike Tysons Weltmeistergürtel!), die Security-Leute, den Trubel vor dem Trump Tower. All das ist seit Monaten täglich online und im TV zu sehen, aber egal.

Ein Video zeigt Diekmann im gelben Taxi und bei der Vorbereitung auf das Interview, das er «mit dem Kollegen Michael Gove von der ‹London Times›» geführt hat. Hier wird es interessant: Gove war bis Sommer 2016 Minister unter David Cameron und warb mit Boris Johnson vehement für einen «harten Brexit». Dieses Detail verschweigt «Bild» den Lesern jedoch – dabei könnte es erklären, wieso kritische Nachfragen im langen Gespräch nicht vorkommen, sondern die Ehrfurcht dominiert.

Das sagt Trump im Interview

Wie bei seiner Pressekonferenz argumentiert der Republikaner weiterhin, als wäre er noch immer im Wahlkampf. Konkrete aussenpolitische Aussagen vermeidet Trump mit dem Argument, er wolle «unberechenbar» bleiben. Der Nuklear-Deal mit Iran sei «ein Desaster» und als Oberbefehlshaber wolle er sich auf den Kampf gegen den IS konzentrieren.

Heftig attackiert er die Politik früherer US-Präsidenten im Nahen Osten und nennt den Angriff auf den Irak 2003 einen schweren Fehler: «Wir haben da etwas entfesselt - das war, wie Steine in ein Bienennest zu schmeissen. Und nun ist es einer der grössten Schlamassel aller Zeiten.» Die Lösung ist jedoch nah: Sein 36-jähriger Schwiegersohn Jared Kushner werde «ein Israel-Abkommen schliessen, das sonst niemand zustande bringt. Er ist ein Naturtalent.»

«Ich respektiere sie und ich mag sie.»

Donald Trump über Angela Merkel

Mit klaren Worten wendet sich der Republikaner an die deutschen Autohersteller. Seine Drohung, Strafzölle gegen BMW, Mercedes, VW und Audi zu verhängen, ist wegen der Bedeutung der Autoindustrie für die deutsche Volkswirtschaft am brisantesten für die Leser hierzulande (mehr in dieser SZ-Analyse). Die Pläne von BMW, 2019 eine Fabrik in Mexiko zu eröffnen, kommentiert Trump: «Sie sollen nicht ihre Zeit und ihr Geld verschwenden – es sei denn, sie wollen in andere Länder exportieren. (...) Ich würde BMW sagen, wenn sie eine Fabrik in Mexiko bauen und Autos in die USA verkaufen wollen ohne eine 35-Prozent-Steuer, dann können sie das vergessen.»

Trumps Aussagen über Bundeskanzlerin Angela Merkel sind gewohnt widersprüchlich. Einerseits nennt er ihre Flüchtlingspolitik «katastrophal», später sagt er fast bewundernd: «Ich respektiere sie und ich mag sie.» Über die EU äussert sich Trump abfällig-desinteressiert («ein sehr angenehmer Herr rief mich an», damit ist Kommissionspräsident Juncker gemeint) und sagt den Austritt weiterer Staaten voraus.

Aussenpolitik als Deal

Das Militärbündnis Nato nennt er zum wiederholten Mal «obsolet». Hier zeigt sich wieder, wie Trump Aussenpolitik sieht: rein transaktional, als Deal: «Die Sache ist, dass die Länder nicht ihren fairen Anteil bezahlen. Also, wir sollen diese Länder schützen, aber viele dieser Länder zahlen nicht, was sie zahlen müssten. Das ist sehr unfair.»

Wie viele andere Reporter vor ihnen fragen Diekmann und Gove, ob Trump auch im Weissen Haus weiter twittern werde. «Ich dachte, ich würde es zurückschrauben, aber die Presse berichtet so unehrlich über mich – so unehrlich –, dass ich mich über Twitter äussere. Und es sind nicht 140 Zeichen, es sind jetzt 140, 280 – ich kann bing, bing, bing machen und mache einfach weiter, und sie veröffentlichen es, sobald ich es twittere.» Dies ist ein Plus des Gesprächs: Der Leser kann – in umfangreicher Länge und in deutscher Sprache – mitverfolgen, wie Trump frei assoziierend von Thema zu Thema springt und vor allem sich selbst und seine Leistung anpreist.

Trump darf seine Sicht auf die Welt herunterbeten.

Die aufschlussreichste Passage ist jene, die sich mit dem Brexit beschäftigt. Trump erklärt den Austritt aus der Europäischen Union mit jenem Gefühl der Menschen, das auch ihn ins Weisse Haus getragen habe: «Grossbritannien wollte seine eigene Identität. Aber, das glaube ich wirklich, wenn sie nicht gezwungen worden wären, all diese Flüchtlinge aufzunehmen – so viele, mit all den Problemen, die das mit sich bringt –, dann wäre es nicht zum Brexit gekommen.» Es gehe um Sicherheit und um eine Furcht vor Flüchtlingen.

Und hier offenbart sich die Kehrseite des Exklusiv-Interviews der «Bild»-Zeitung: Es findet ein Abfragen statt, ohne dass kritisch nachgehakt wird. Trump darf seine Sicht auf die Welt herunterbeten (auch zum brisanten Geheimdossier, das Russland angeblich besitzt). Man mag darüber streiten, ob ein deutscher Journalist Trump mit Merkels Begründung für ihre Flüchtlingspolitik konfrontieren muss – aber der Aussage «die EU ist ein Vehikel für deutsche Interessen» sollte man widersprechen. Und falsche Behauptungen wie «Grossbritannien wurde gezwungen, all diese Flüchtlinge aufzunehmen» sollten korrigiert werden (bis September 2016 nahm das Land laut aktueller Studie knapp 7000 Syrer auf).

Die britische Version liefert mehr Kontext

Wenn Interviewer Diekmann sich mehr aufs journalistische Handwerk konzentriert hätte, dann hätten auch die «Bild»-Leser mehr profitiert. Dass der Brexit-Fan Michael Gove, der nun für die «Sunday Times» tätig ist, den neuen US-Präsidenten nicht auf die geringe Solidarität der Briten in der Bewältigung der Flüchtlingskrise hinweist, verwundert nicht. Aber in seinem Artikel über das Treffen im Trump Tower, das zeitgleich online gestellt wurde, nimmt Gove seine Leser ernster.

Bildstrecke – so feiert Trump seine Amtseinführung:

90 Milionen Dollar hat Trumps Komitee für die Feier am 20. Januar in Washington gesammelt: Bauarbeiter vor dem Kapitol. (13. Januar 2017)
90 Milionen Dollar hat Trumps Komitee für die Feier am 20. Januar in Washington gesammelt: Bauarbeiter vor dem Kapitol. (13. Januar 2017)
AP Photo/Pablo Martinez Monsivais, Keystone
So viel hat in der Geschichte der USA noch nie ein designierter Präsident für seine Amtseinführung erhalten. (13. Januar 2017)
So viel hat in der Geschichte der USA noch nie ein designierter Präsident für seine Amtseinführung erhalten. (13. Januar 2017)
Joe Raedle/Getty Images, AFP
Sie wollen die Amtseinführung stören. (13. Januar 2017)
Sie wollen die Amtseinführung stören. (13. Januar 2017)
Aaron P. Bernstein/Getty Images, AFP
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Er schreibt klar, dass das Trump-Team wusste, dass er «Brexit-Wahlkämpfer» gewesen sei und Diekmann wegen dessen Nähe zu diversen Bundeskanzlern («von Kohl bis Merkel») eingeladen worden sei. Vor allem aber drucken die Briten keine Frage-Antwort-Version ab, sondern liefern im Fliesstext deutlich mehr Kontext.

Viel wurde seit Monaten darüber geschrieben, dass die US-Medien in irgendeiner Form versagt hätten in ihrer Trump-Berichterstattung. Was lernt man also aus diesem ersten Exklusiv-Interview von «Bild» und «Sunday Times»? Natürlich haben die europäischen Journalisten Trump nicht entzaubern können. Sie haben es nicht mal versucht.

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