Übernehmen Entertainer die US-Politik?

Eine Präsidentschaftskandidatin Oprah Winfrey wäre ein Triumph Donald Trumps: Er wäre ihr Wegbereiter gewesen.

Dass sie null politische Erfahrung hat, ist nach Trumps Eroberung des Weissen Hauses unerheblich geworden: Talkmasterin Oprah Winfrey.

Dass sie null politische Erfahrung hat, ist nach Trumps Eroberung des Weissen Hauses unerheblich geworden: Talkmasterin Oprah Winfrey. Bild: Danny Moloshok/Reuters

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Wenn der Zirkus in die Hauptstadt kam, war es eine grosse Sache. Wie etwa am 24. April 1793, als Präsident George Washington eine Einladung zum Zirkus ausschlagen musste. First Lady Martha Washington leide «an einer Erkältung und fürchtet, ein Besuch beim Zirkus heute Nachmittag könnte ihren Zustand verschlimmern», beschied der Präsident enttäuschte Freunde.

Heute ist jeden Tag Zirkus in Washington: Der Zirkus Trump gastiert seit nahezu einem Jahr, ohne dass die Aufführung freilich viel Beifall erhielte. US-Amerika mag es den Zahlen nach besser gehen – niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Löhne, prima Aktienmärkte –, aber ein Gefühl der Beklommenheit hat sich der Hauptstadt wie des Landes bemächtigt. Wie sonst liesse sich erklären, dass Trumps Zustimmungsraten trotz der guten Wirtschaftslage nie über die 40-Prozent-Marke klettern?

Video: Oprah Winfrey sagt sexueller Belästigung den Kampf an

An den Golden Globes hofft die bekannte Talkmasterin auf eine Zukunft ohne sexuelle Belästigung. (Video: Tamedia mit Material der AFP)

Zum einen vielleicht deshalb, weil der Aufschwung bereits vor Trumps Wahlsieg am Horizont heraufgezogen war und nicht unbedingt als sein Verdienst angesehen wird. Und zum anderen, weil Trumps Kapriolen sogar im Land des immerwährenden Entertainments Sehnsucht nach mehr Berechenbarkeit und weniger Zirkus geweckt haben.

Der tägliche Zirkus

Dass Washington derzeit die abwechslungsreichste Show seit der zweiten Amtszeit Richard Nixons zu Beginn der Siebzigerjahre bietet, ist unbestreitbar. Da stürzt der einstmals mächtige Steve Bannon in wenigen Tagen in die politische Bedeutungslosigkeit ab, nachdem er beim Enthüllungsautor Michael Wolff Trumps Kinder angeschwärzt hatte. Wolff wiederum malt ein derart besorgniserregendes Bild der trumpschen Befindlichkeit, dass Zweifel laut werden am Wahrheitsgehalt seiner Darstellung.

Alles gerät zum Zirkus: Der tägliche Auftritt von Präsidentensprecherin Sarah Sanders, die den Chef auch dann noch verteidigte, wenn er in flagranti beim Autoknacken erwischt würde. Oder die Russland-Ermittlungen, die von einer brodelnden Gerüchteküche begleitet werden und die republikanischen Verteidiger Trumps zu beeindruckenden Ablenkungsmanövern animieren.

Oder die Jared-und-Ivanka-Show sowie die Twitterei eines Präsidenten, der die Inhaftierung politischer Gegner verlangt, als wäre er Caudillo einer Bananenrepublik. Oder die händeringende Schar linksliberaler Kommentatoren bei CNN und MSNBC, wo Moderatoren wie Gäste zu Sonderermittler Robert Mueller beten, auf dass die Nation erlöst werde vom Übel Donald Trumps.

Die Hohepriesterin der Emphatie

In einer derart mit Clowns, Jongleuren und Dompteuren gefüllten Manege wünscht sich die Opposition gleichfalls einen unterhaltsamen Impresario. Einen wie Trump, aber mit mehr Herz. Prompt bietet sich Oprah an, diese Hohepriesterin der Emphatie, die den Demokraten 2020 den Weg aus der Wüste weisen soll. In ihrer Rede bei der Verleihung der Golden Globes am Sonntag in Hollywood sah Oprah eine bessere Zukunft am Horizont heraufdämmern, worauf sie der Zirkus in Washington sofort als neue Super-Attraktion feierte.

Trump gegen Oprah! Kaum war ihre Rede verklungen, wurde die erste Erhebung durchgeführt und Oprah zur Siegerin erklärt: Zehn Punkte vor Trump! Dass die weltanschaulich schlingernde Demokratische Partei auf Oprah als Präsidentschaftskandidatin verfallen könnte, verwundert nicht weiter. Promis und Celebritys sind schon immer demokratische Stammkunden gewesen. Zumal Oprah den Schmerz der Wählerschaft gewiss noch intensiver spürt als Bill Clinton, der es damit immerhin auf zwei Amtszeiten im Weissen Haus brachte.

Dass Oprah null politische Erfahrung hat, ist nach Trumps Eroberung des Weissen Hauses unerheblich geworden. Eher schon zählt der Unterhaltungswert. Der wiederum dürfte beträchtlich sein, sobald republikanische Ermittler Leben und Wirken der TV-Queen unter die Lupe nehmen. Etwa ihre Neigung zu medizinischer Quacksalberei mitsamt manch blödem Rat zur Ernährung, den sie oder ihre Protegés per TV erteilten.

Dass Oprah null politische Erfahrung hat, ist nach Trumps Eroberung des Weissen Hauses unerheblich geworden.

Wenn die republikanische Abteilung zur Ausspähung von Oprahs Gesamtkunstwerk die Wühlarbeit im reichen Zitatenschatz beendet und durch Halblügen und Übertreibungen abgerundet hat, dürfte Oprah kaum besser dastehen als der demokratische Präsidentschaftskandidat Michael Dukakis 1988: Nachdem ihm republikanische Schmutzfinken in einem TV-Werbespot den Freigang eines Mörders angekreidet hatten, der prompt raubte und vergewaltigte, mutierte der aufrechte Gouverneur von Massachusetts zu einer finsteren Figur, welche die Präsidentschaftswahl sang- und klanglos verlor.

Zweifellos würde eine demokratische Präsidentschaftskandidatin Oprah die Hauptstadt immens beglücken: Noch mehr Promis und noch mehr Hollywood zögen ein, die Zahl der Attraktionen unterm Zirkusdach stiege steil an und bereicherte noch mehr TV-Kommentatoren, so sie nur einen Puls vorwiesen und eine Meinung zu Oprah formulierten – irgendeine Meinung!

Oprahs Präsidentschaftskandidatur als Entgegnung auf Donald Trump wäre der grösste Erfolg, den Trump jemals errungen hätte, grösser als sein Sieg im amerikanischen Wahlmännerkollegium und beeindruckender als die über 4000 Gerichtsklagen, die Trump in seinem Leben angestrengt hat. Denn Washington mutierte endgültig zum Las Vegas der Politik: Showtime 24/7!

Erstellt: 11.01.2018, 15:58 Uhr

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