Unter Verrätern

Politik: Ted Cruz sabotierte Donald Trump, Michael Gove zerstörte Boris Johnsons Karriere. Die offene Intrige ist zurück in der Weltpolitik. Warum?

Vor dem Verrat: Michael Gove (links) und Boris Johnson bei einer Veranstaltung im Vorfeld der Brexit-Abstimmung. Foto: Kylie MacLellan (Reuters)

Vor dem Verrat: Michael Gove (links) und Boris Johnson bei einer Veranstaltung im Vorfeld der Brexit-Abstimmung. Foto: Kylie MacLellan (Reuters)

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Der Verrat ist zurück auf der politischen Bühne. Und das mit Wucht. Hier nur die zwei spektakulärsten Fälle:

Senator Ted Cruz hielt zur besten Sendezeit am Republikanischen Kongress eine Rede auf Donald Trump. Sie war ziemlich geschickt aufgebaut: Cruz beschwor sämtliche konservativen Werte – und dann alle Eigenschaften, die ein konservativer Führer haben müsste, etwa die Achtung vor der Verfassung. Und je mehr Tugenden er aufzählte, desto mehr erwartete das Publikum, dass Cruz ihren Kandidaten endlich erwähnen würde. Schliesslich begann das Publikum zu buhen. Cruz lächelte kalt, sagte «Gott schütze Amerika» und ging, ohne ein einziges freundliches Wort über Donald Trump.

Damit ruinierte Cruz seinem Rivalen die Krönung – statt über den Kandidaten und seine Leute sprachen alle nur über den Skandal.

Ende Juni sollte der britische Minister Michael Gove ebenfalls eine Rede halten: auf seinen Verbündeten Boris Johnson, mit dem er die Brexit-Kampagne gewonnen hatte. In einer Konferenz am Nachmittag sollte Gove Johnson als neuen Premierminister empfehlen. Stattdessen erschien Gove im Frühstücksfernsehen: Er trete selbst zur Wahl an, da Johnson «keine Eignung zur Führerschaft» habe. Damit ruinierte er in Minuten Johnsons Lebenstraum.

Das Spektakuläre – neben dem Drama – war, dass hier zwei erfahrene Politiker eine Hoch­risiko­strategie fuhren. Denn die Leute lieben den Verrat, aber nicht den Verräter. Gove scheiterte schon in den parteiinternen Vorwahlen – in der neuen Regierung hat er, im Gegensatz zu Johnson, kein Amt. Und Ted Cruz wurde nach seiner Rede aus der VIP-Lounge geworfen; mehrere Gönner schickten ihm Mails: Er sei tot.

Warum taten es die Politiker? Folgt man ihren ersten Erklärungen, opferten sie ihre Loyalität für die Reinheit ihrer Partei – denn die Leute, auf die sie ihre Reden halten mussten, seien Egomanen, Luftikusse, miese Organisatoren.Doch danach kamen weitere Erklärungen: die Demütigungen. In Goves Lager sagte man, dass Johnson nach dem Brexit für Tage bei Cricket und Partys für ihn unerreichbar war – und dass Johnson von Goves Rede am Vorabend derselben erst den ersten Absatz geschrieben hatte. Und Cruz sagte, Trump habe öffentlich seine Frau Heidi sowie seinen Vater beleidigt: «Er kann nicht erwarten, dass ich das Schosshündchen spiele.»

Auf den ersten Blick scheint das wenig politisch: Die Demütigungen, die ein Ehrgeiziger auf dem Weg nach oben verteilt, rächen sich. Auf den zweiten Blick ändert sich das. Denn die Demütigung ihrer Kollegen steht bei beiden Politikern im Zentrum ihrer Politik. Trumps Strategie ist Dominanz: Er handelt, die anderen werden überrollt. Johnson hingegen arbeitet mit Veralberung: Er nimmt nichts und niemanden ernst, nicht einmal sich selbst.

Trump und Johnson machten ihre Karriere gegen die Berufspolitiker: Hier die grauen Verwaltungsmäuse, dort der Boss und der lockere Typ. Ihr Geschäftsmodell ist selbst Verrat – an der eigenen Profession.

Dass Verrat wieder eine Rolle spielt, ist neu. In der Politikgeschichte gab es drei Stadien davon: Lange gab es Verrat nur zwischen Fürsten und Untertanen, dann, nach der Französischen Revolution, änderte sich das: Verrat übte man an der Nation und ihrem Vertreter, der öffentlichen Meinung. Die grösste Rolle spielte Verrat zu Zeiten des Kalten Krieges: als sich zwei Blöcke, USA und Sowjetunion, Kapitalismus und Sozialismus, gegenüberstanden.

Nach dem Fall der Mauer verschwand der Verrat aus der Politik. Man war zu beschäftigt mit Expansion: mit neuen Märkten, Schleifung von Handelsschranken und Aktienboom.

Doch der Verrat ist zurück: Im Netz und in Magazinen werden Politiker als Landesverräter beschuldigt, andere Politiker machen ihre Karriere gegen Politiker. Das heisst: Die Zeit der Eroberung und der Ideen ist vorbei. Schnelles Wachstum ist Geschichte. Also kämpfen nun verschiedene Clans um abgesteckte Territorien – in Politik, Geschäft, Ideologie.

Die Rückkehr des Verrats in der Politik ist das Zeichen für die Rückkehr des Feudalismus.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.07.2016, 22:24 Uhr

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