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US-Städte stoppen Recycling-Bemühungen

Weil China das Material nicht mehr annimmt, sind die Kosten für Altstoffe explodiert. Nun wird die Ware vergraben oder verbrannt.

Was früher nach China verkauft wurde, verrottet nun auf amerikanischen Mülldeponien.
Was früher nach China verkauft wurde, verrottet nun auf amerikanischen Mülldeponien.

In vielen amerikanischen Haushalten wird seit Jahrzehnten der Abfall getrennt, Papier, Plastik, Alu und Flaschen aussortiert. So will man den Müll reduzieren und der Umwelt helfen, so weit, so bekannt. Nun bricht dieses System in den USA aber gerade in sich zusammen, weil das Material nicht mehr nach China exportiert werden kann.

Das war lange der Weg, den der Müll aus den amerikanischen Städten nahm: Richtung Reich der Mitte. Dort hat die Regierung Anfang 2018 aber überraschend einen Stopp verfügt, der Import von Recycling-Material wurde verboten – weil zu oft gewöhnlicher Abfall mitgeliefert wurde. Für die USA eine Horrornachricht, denn China kaufte bis dahin fast die Hälfte des amerikanischen Papier-, Karton- und Plastikmülls auf. Damit fiel auf einen Schlag eine wichtige Einnahmequelle aus und wurde zum Verlustgeschäft.

In Philadelphia wird die Hälfte des Recycling-Materials der 1,5 Millionen Einwohner verbrannt und somit in Energie umgewandelt. In Memphis wird weiterhin recycelt, doch das Papier, die Büchsen und Flaschen werden danach zu einer Mülldeponie gefahren und wieder zusammen vergraben. In den ganzen USA haben derweil schon Hunderte Städte ganz mit dem Recycling aufgehört oder die Preise massiv erhöht, wie die «New York Times» zusammengerechnet hat.

Niemand konnte China ersetzen

China importierte bis 2018 rund 72 Prozent des weltweiten Plastikmaterials, und es sprang niemand bereitwillig in die Lücke – wobei auch kein Land so kurzfristig eine so gewaltige Menge hätte aufnehmen können. Auch die nächstgrösseren Abnehmer Vietnam, Thailand und Indien haben ihre Bedingungen kurz nach China verschärft und neben keinen kontaminierten Abfall mehr an. So stieg schliesslich Malaysia schnell zur neuen Nummer 1 auf, auch weil die chinesischen Firmen ihr eigentlich profitables Geschäft dorthin verlagerten und die Regierung sie eine Zeit lang gewähren liess. Der südostasiatische Staat musste jedoch Ende 2018 ebenfalls die Notbremse ziehen, weil zu viel Plastik einfach verbrannt wurde.

Asien, das seinen eigenen Abfall schon kaum verarbeiten kann, hat also als Auffanglager für amerikanischen Müll weitgehend ausgedient. Die US-Recyclingfirmen sassen danach auf Material, das sie nicht mehr gewinnbringend verkaufen konnten, und erhöhten die Gebühren für die Städte massiv. Diese müssen die höheren Kosten nun ihren Bürgern weiterverrechnen, beispielsweise durch Steuererhöhungen, oder mit den Recycling-Bemühungen aufhören.

Normaler Müll ist billiger

Diese waren aber ohnehin nie wirklich gewinnbringend, wie die «New York Times» schreibt. So boten die grossen Abfallsammler Recycling nur an, um die Aufträge der Städte überhaupt zu erhalten. Das Einsammeln des Mülls an sich war stets lukrativer. Eine richtige Recycling-Industrie wie in der Schweiz gibt es in den USA nicht, denn die Chinesen kauften die Ware ja an. Im Inland wurde daher nicht investiert, und das rächt sich nun.

Was bislang verkauft werden konnte, muss nun kostenpflichtig entsorgt werden. Die «Straits Times» zeigt anhand eines Beispiels, wie sich das auswirkt: In der Hauptstadt Washington will man die Recycling-Quote von derzeit bescheidenen 23 Prozent auf 80 Prozent anheben. Doch nun kostet eine Tonne Recycling-Material die Stadt 75 Dollar. Eine Tonne Müll für die Verbrennungsanlage schlägt aber nur mit 46 Dollar aufs Budget. Mehr Recycling würde für Washington also vor allem mehr Kosten bedeuten.

Recycling für die Gewohnheit

Auch Städte wie Philadelphia, die sich das Mülltrennen auf die Fahne schrieben, müssen nun umdenken. In der Metropole wird Material mit hoher Verschmutzung nun verbrannt und nur der saubere Teil weiter rezykliert. Die Bewohner reagieren mit Unmut auf diese Neuerung, vor allem in den ärmeren Quartieren, die in der Nähe der Verbrennungsanlagen liegen. Es wird befürchtet, dass sich die Luftqualität weiter verschlechtert, weshalb die Stadt nun an einer Lösung arbeitet, um wieder alle Ware zu recyceln.

In den meisten anderen Städten hat man damit aber aufgegeben. Was nützt das Recycling schon, wenn das Material dann sowieso teilweise verbrannt wird, fragt die Bürgermeisterin einer Stadt in Florida in der «New York Times». Die Stadt hätte monatlich 25'000 Dollar mehr zahlen müssen, um das Programm aufrechtzuerhalten.

In Memphis wird weiter rezykliert, zumindest vordergründig. Im Hintergrund wird das Material aus allen Tonnen auf dieselbe Mülldeponie gekarrt. Die Trennbehälter bleiben aber bestehen, damit die Menschen die Gewohnheiten beibehalten und die Infrastruktur schon vorhanden ist, wenn man dereinst wieder richtig rezykliere.

Eine Sackgebühr wird diskutiert

Im Land selber können derzeit nur knapp 10 Prozent des getrennten Materials auch wirklich rezykliert werden. Lange machte sich niemand darum Gedanken, weil der Rest grösstenteils nach China verschwand. Nun merken die Amerikaner, dass ihr Recycling-System nicht funktioniert.

Und es werden nun bisher unvorstellbare Lösungen diskutiert, um die Müllmengen und -kosten in den Griff zu kriegen. Bislang werden für die Abfalltonnen vor der Haustüre Pauschalen eingezogen, Städte wie Washington überlegen sich nun aber die Einführung einer Kilo- oder Sackgebühr, die Bewohner sollen mehr zahlen, wenn sie mehr Müll produzieren.

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