Soll man dieses Bild auszeichnen?

Für die einen ist der Mann auf dem diesjährigen «Pressebild des Jahres» ein kriegerischer Held. Für die anderen ein Terrorist. Und dann stellt sich die Frage, ob das Bild Krisenvoyeurismus ist.

Der Fotograf spricht über sein preisgekröntes Bild

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Es sei ein «klassisches Bild, aber eines mit Kraft und Dynamik», sagte Magdalena Herrera, die Jurypräsidentin des «World Press Photo Award»: «Die Farben, die Bewegung, alles ist gut komponiert. Es hat mich unmittelbar aufgewühlt.»

Der Preis für das Pressebild des Jahres geht diesmal an den venezolanischen Fotografen Ronaldo Schemidt, für ein Bild mit dem Titel «Krise in Venezuela». Aufgenommen hat er es am 3. Mai 2017 während einer Demonstration in Altamira, einem reichen, von der Opposition beherrschten Stadtteil von Caracas. Zu sehen ist der 28-jährige José Víctor Salazar, wie er lichterloh brennend und mit aufgesetzter Gasmaske einer Ziegelwand entlangrennt. Hinter ihm hat jemand eine schwarze Pistole an die Mauer gesprayt, und die Aufschrift «paz», Frieden.

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Ist es angebracht, über ein Bild des Grauens in derart ästhetisierend-geschmäcklerischen Worten zu sprechen, wie es die Jurypräsidentin getan hat? Wahrscheinlich wollte Herrera bei der Preisverleihung in Amsterdam einen professionell wirkenden Kontrapunkt zur dargestellten Brutalität setzen, womit sie aber nicht darüber hinwegtäuschte: Dass die Jury des angesehenen, seit 61 Jahren verliehenen Preises vorwiegend schockierende, reisserische Aufnahmen prämiert, wirkt allmählich etwas obsessiv.

«Wenn Jahr für Jahr grausame Bilder ausgezeichnet werden, verflüchtigt sich der appellative Effekt eines Bildes und verkommt zum Kriegs- und Krisenvoyeurismus.»Carolin Gasteiger, Süddeutsche Zeitung

Zu Recht schreibt die «Süddeutsche Zeitung» in einem Kommentar: «Als einmalige Warnung, wohin Hass, Konflikte und Vertreibungen führen können, kann es richtig sein, auch ein grausames Bild zum Pressefoto des Jahres zu küren. Wenn allerdings Jahr für Jahr grausame Bilder ausgezeichnet werden, verflüchtigt sich der appellative Effekt eines Bildes und verkommt zum Kriegs- und Krisenvoyeurismus.»

Ein Jurymitglied sagte, die Aufnahme zeige nicht nur einen brennenden Mann, sondern sie transportiere auch die Idee eines brennenden Venezuela. Dort wird die politische Botschaft des Bildes allerdings völlig unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, ob die Betrachter zu den Gegnern oder den Anhängern des Präsidenten Nicolás Maduro zählen. Das beweisen schon die sich teilweise widersprechenden Berichte, wie die Aufnahme überhaupt entstanden ist.

«Guerrero» oder «Guarimbero»?

Laut oppositionellen Medien hatte sich José Víctor Salazar, Bioanalyse-Student (was immer dies genau sein mag) im achten Semester, an einer Demonstration beteiligt, bei der das Motorrad eines Polizisten explodierte – angeblich, weil das Wurfgeschoss «einer Person» seinen Tank getroffen hatte. Für die in Miami erscheinende Zeitung «Diario Las Américas« ist Salazar ein «guerrero» - ein Krieger gegen die Diktatur des Präsidenten Maduro. Ein junger Idealist, der sein Leben riskiert, um sich gegen Unterdrückung, Polizeigewalt, Armut, Wirtschaftschaos, Hyperinflation aufzulehnen.

Nachdem Salazar in Altamira in Flammen aufgegangen war, sprach der «Diario Las Américas» mit seinen Ärzten. 72 Prozent seiner Haut seien geschädigt, 27-mal habe er operiert werden müssen. Da er aus armer Familie stamme, habe die Privatklinik in Caracas, in welcher er wochenlang auf der Intensivstation lag, kein Geld verlangt. «José Víctor befindet sich in einem isolierten Bereich auf der Intensivstation, wo er rund um die Uhr von einer Krankenschwester, sechs spezialisierten Ärzten und acht Intensivkrankenpflegern betreut wird», schrieb das Blatt. Der Vater des Opfers erzählte, sein Sohn habe seine Mitstreiter nach dem Aufwachen aufgefordert: «Kämpft so lange auf den Strassen weiter, bis Venezuela von diesem Regime befreit wird.» Salazar hat seine schweren Verletzungen überlebt.

Die regimetreue venezolanische Internetpublikation Aporrea.org schreibt, an jenem 3. Mai 2017 hätten oppositionelle Demonstranten einer motorisierten Patrouille der Militärpolizei «Guardia Nacional Bolivariana» die Motorräder weggenommen, um sie anzuzünden. Ein Demonstrant habe den Tank eines Fahrzeuges beworfen, worauf dieser explodiert sei und die Stichflamme José Víctor Sálazar sowie einen seiner Gefährten erreicht habe. Später nannte Venezuelas Innenminister Néstor Reverol die beiden Brandopfer «terroristische Subjekte». Für die venezolanische Regierung und ihre Anhänger zeigt das prämierte Bild also einen sogenannten «Guarimbero»: Einen Oppositionellen, der die bestehende Ordnung durch brennende Strassenbarrikaden umzustürzen versucht.

Aufflammen ohne Flächenbrand

In der Kommentarspalte der venezolanischen Zeitung «El Nacional» schreibt der Leser Carlos Guanipa Daza: «Das ist das Foto eines ‹guarimberos›, der wegen seiner eigenen Dummheit brennt. Der Titel des Bildes sollte lauten: ‹Oppositionelle Blödheit› … fahrt zur Hölle.»

Worauf die Leserin Iris Davila antwortet: «Du hast einen besseren Preis bekommen!!! Jenen des Jahrhundertidioten.»

Dem Bild des Fotografen Ronaldo Schemidt, der sich vor den Zuständen in seiner Heimat übrigens nach Mexiko geflüchtet hat, liesse sich noch eine andere politische Aussage zuschreiben. Noch vor einem Jahr kam es in Venezuela fast täglich zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Militärpolizei, bei denen mehr als 120 Menschen ihr Leben verloren.

Mittlerweile ist der Aufstand gegen die Diktatur von Nicolás Maduro erlahmt. Resignation und Verzweiflung haben den Zorn verdrängt, Zehntausende Venezolanerinnen und Venezolaner sind ins Ausland geflüchtet, die Reicheren nach Miami, die Armen über die Landgrenze ins benachbarte Kolumbien. Das Regime hat gesiegt, zumindest vorläufig. Die preisgekrönte Aufnahme lässt sich auch als Symbol für ein Aufflammen interpretieren, das Menschen verletzt, aber keinen politischen Flächenbrand entzündet.

Erstellt: 13.04.2018, 19:46 Uhr

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