Verschleiern und verschweigen

Nach dem neuen Zitteranfall Merkels zeigen manche auf die USA, wo die Bürger um die Gesundheit der höchsten Amtsträger wüssten. Das stimmt aber nicht ganz.

Wenn die Mächtigen zittern, bebt die Welt: Donald Trump, Angela Merkel, John F. Kennedy. Fotos: Keystone

Wenn die Mächtigen zittern, bebt die Welt: Donald Trump, Angela Merkel, John F. Kennedy. Fotos: Keystone

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Nach den wiederholten Zitterattacken der Kanzlerin wurden in Deutschland Forderungen laut, Angela Merkel solle detailliert Auskunft über ihre Gesundheit oder mögliche Probleme geben. Manche fügen hinzu: nach amerikanischem Vorbild. Denn die US-Öffentlichkeit steht im Ruf, besonders anspruchsvoll zu sein, wenn es um Informationen über den Gesundheitszustand politischer Amtsträger geht, vor allem den der Präsidenten.

Zumindest in den letzten Jahrzehnten und ehe Donald Trump ins Weisse Haus einzog und seither so ziemlich alles anders macht als seine Vorgänger, schien dieser Anspruch auch tatsächlich eingelöst zu werden. Barack Obama liess sich jährlich im Walter-Reed-Marinehospital in der Nähe der Hauptstadt untersuchen und ein zweiseitiges ärztliches Bulletin veröffentlichen. Blutdruck, Body-Mass-Index, Cholesterinwerte – alles erfuhren die Amerikaner. Bei seinem Vorgänger George W. Bush umfasste der öffentliche Arztbrief sogar vier Seiten.

Auch Donald Trump lässt sich untersuchen. Danach lässt er seine Ärzte aber Bulletins veröffentlichen, die klar nicht von seriösen Medizinern stammen können, sondern vermutlich im Weissen Haus vorformuliert worden sein dürften. So bescheinigte ihm sein Doktor, in «hervorragendem Gesundheitszustand» zu sein, eine «unglaubliche kardiologische Fitness» zu zeigen und überhaupt «unglaubliche Gene» zu haben. Konkrete Werte wurden nicht veröffentlicht, und vor allem war keine Rede davon, dass der inzwischen 73 Jahre alte Präsident, nach Einschätzung zahlreicher Mediziner, wohl an Arteriosklerose, einem zu hohen Cholesterinspiegel und Übergewicht leidet.

Mehr Mythos als Realität

Allerdings war der besonders offene Umgang mit den Gesundheitsdaten der Politiker und Präsidenten in den USA schon immer mehr Mythos als Realität. Tatsächlich haben Präsidenten und Kandidaten immer wieder getäuscht, verschleiert oder schlicht nicht informiert. So offen wie der inzwischen verstorbene US-Senator John McCain war kaum einer: Als Präsidentschaftskandidat liess er 2008 Journalisten 1200 Seiten ärztlicher Berichte durchgehen und überprüfen. Allerdings waren wegen vorheriger Krebserkrankungen und seines fortgeschrittenen Alters zuvor Zweifel an seiner Tauglichkeit fürs Amt aufgekommen.

Als die demokratische Kandidatin Hillary Clinton acht Jahre später nach einem öffentlichen Auftritt in New York von Helfern in ihr Auto geleitet werden musste, hiess es zunächst, ihr sei wegen der damals herrschenden grossen Hitze etwas blümerant geworden. In Wirklichkeit litt sie an einer Lungenentzündung. Die Falschinformation der Öffentlichkeit hat auch in den USA Tradition.

Richard Nixon konnte einmal nicht mit dem britischen Premier telefonieren, weil er zu betrunken war.

Präsident Dwight Eisenhower erkrankte in den 1950er-Jahren während seiner Amtszeit dreimal lebensgefährlich. Über den Ernst der Situation erfuhr die Öffentlichkeit zunächst gar nichts. Beim ersten Mal wurde den Korrespondenten im Weissen Haus mitgeteilt, dem Präsidenten sei während der Nacht übel geworden. Nach einem Schlaganfall wenige Jahre später konnte Eisenhower zunächst gar nicht sprechen. Die Amerikaner hatten davon keine Ahnung.

Wenn die First Lady übernimmt

Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Fast die Hälfte aller US-Präsidenten ist während ihrer Amtszeit mindestens einmal ernsthaft krank gewesen. Woodrow Wilson erlitt bei den Friedensverhandlungen von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg einen Schlaganfall. Seine Frau übernahm die Amtsgeschäfte, ohne dass die Öffentlichkeit das mitbekam. Franklin D. Roosevelt wollte als Präsidentschaftskandidat 1932 unter allen Umständen verheimlichen, dass er nach einer Polioerkrankung nicht mehr gehen konnte. Er zwängte sich in Beinschienen, damit er bei Redeauftritten stehen konnte. Mit Pressefotografen hatte er – heute unvorstellbar – eine Vereinbarung, ihn nicht im Rollstuhl abzulichten.

John F. Kennedy litt an Nebenniereninsuffizienz und einer schmerzhaften Rückenerkrankung, war ständig auf Kortison und Schmerzmittel angewiesen und während seiner nur zweieinhalb Jahre währenden Präsidentschaft nicht weniger als neunmal im Krankenhaus. All das kam erst nach seiner Ermordung ans Licht.

Tatsächlich müssen Präsidenten oder jene, die es werden wollen, muss kein amerikanischer Politiker die Öffentlichkeit über seinen Gesundheitszustand oder über Erkrankungen informieren. Es gibt kein Gesetz, das Ähnliches vorschreiben würde. Womit die Amerikaner offenkundig auch einverstanden sind. In einer Umfrage des seriösen Gallup-Instituts, die allerdings aus der Zeit vor Trump stammt, hatten fast alle Befragten angeben, dass sie schon wissen wollten, wie es dem Mann (oder irgendwann vielleicht auch einmal der Frau) im Weissen Haus gehe. Zugleich billigten 60 Prozent ihren Präsidenten zu, Krankheiten für sich zu behalten.

Nur eine Regelung gibt es. Ein Verfassungszusatz, das sogenannte 25. Amendment, sieht vor, dass die Amtsgewalt vom Präsidenten auf seinen Vize übergeht, wenn der Chef nicht mehr Herr seiner Sinne sein sollte. George W. Bush ordnete das an, ehe er während zweier Routine-Darmspiegelungen zur Krebsvorsorge sediert wurde.

Ein Viertel aller US-Präsidenten litt an Depressionen

Der Verfassungszusatz ist auch seit Amtsantritt Donald Trumps immer wieder diskutiert worden, genauer die Frage, ob der jetzige Präsident geistig überhaupt fit für das Amt sei. Psychologen hatten wiederholt gefordert, seinen Geisteszustand überprüfen zu lassen, zumal nachdem er sich selbst als Genie bezeichnet hatte. Das hat das Weisse Haus indes, vielleicht begreiflicherweise, abgelehnt.

Allerdings ist es gar nicht so selten, dass die Männer im Weissen Haus psychische Probleme hatten oder zumindest Auffälligkeiten zeigten. Laut einer Studie der Medizinischen Fakultät der Duke University, einer der besten medizinischen Hochschulen der USA, litt ein Viertel aller US-Präsidenten an Depressionen, unter ihnen der Bürgerkriegspräsident Abraham Lincoln. Acht Prozent entwickelten Angstzustände wie der bereits erwähnte Woodrow Wilson. Weitere acht Prozent zeigten Symptome einer bipolaren Störung, nicht zuletzt Lyndon Johnson, der die USA in den Vietnamkrieg führte. Und acht Prozent waren alkoholkrank, der bekannteste von ihnen Richard Nixon, der einmal nicht mit dem britischen Premier telefonieren konnte, weil er zu betrunken war.

Keiner der Präsidenten aber hatte seine psychischen Probleme je öffentlich gemacht.

Erstellt: 12.07.2019, 08:42 Uhr

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