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«Viele Frauen sind selbst sexistisch»

Sarah Huckabee Sanders, Betsy DeVos, Ivanka Trump: Was treibt die Frauen im Weissen Haus an? Soziologin Elisabeth Wehling erklärt die ideologische Motivation von Trumps Vorkämpferinnen.

Johanna Bruckner, New York
Soziologin Wehling: «Trump überträgt sein Selbstverständnis, ein moralisch überlegener, hehrer Mensch zu sein, auf seine Tochter.» Bild: AP
Soziologin Wehling: «Trump überträgt sein Selbstverständnis, ein moralisch überlegener, hehrer Mensch zu sein, auf seine Tochter.» Bild: AP

Reich, weiss, und vor allem: männlich - das ist das Regierungsteam von Donald Trump. Nur eine Handvoll Frauen beschäftigt der Präsident in offizieller Position. Darunter ist seine Tochter Ivanka. Was treibt diese Frauen an? Wie können sie es mit sich vereinbaren, für einen Mann zu arbeiten, der sich immer wieder respektlos gegenüber Frauen verhält? Elisabeth Wehling ist Linguistin an der University of California in Berkeley. Die 36-Jährige erforscht, wie Moralvorstellungen und Denkmuster zu sexistischen Haltungen in Gesellschaft und Politik führen. Sie sagt: Trump und seine Top-Mitarbeiterinnen teilen das gleiche Weltbild - und in dem spielen Männer die Hauptrolle.

Zuletzt hat Donald Trump seinen geschassten Kommunikationschef Scaramucci durch eine Frau ersetzt: das 28-jährige Ex-Model Hope Hicks. Überraschend für einen Präsidenten, dem regelmässig Sexismus vorgeworfen wird?

Nicht wirklich, wobei sie sich von anderen Mitarbeiterinnen unterscheidet, indem sie sehr feminin wirkt, jung ist, als Unterwäschemodel gearbeitet hat - also alles in allem stereotyp eher den naiven Typ verkörpert. Hicks ist nicht die erste Frau, der Trump eine zentrale Rolle in seiner Kommunikation gegeben hat. Schauen Sie sich seine Sprecherin Sarah Huckabee Sanders an, oder seine Beraterin Kellyanne Conway. Ich kann mir gut vorstellen, dass da Strategie dahintersteckt. Dass Trump denkt: «Wenn ich eine Frau bei den Pressebriefings vorne ans Pult stelle, werden manche Journalisten nicht so hart angreifen.»

Er hofft auf Beisshemmungen auf Seiten der Medien?

Als Sean Spicer noch Präsidentensprecher war, waren Verbalkämpfe an der Tagesordnung. Trump könnte nun darauf spekulieren, unangenehme Momente in der Diskussion zu entschärfen, indem er eine Frau zu seiner Sprecherin macht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Das muss nicht so eintreten - und es wäre wünschenswert, dass es nicht so ist. Aber ein solches Denkmuster passt zu Trump, der eine sehr stark gegenderte Weltsicht hat. Und selbst wenn die Journalisten aufgeklärter sind und Huckabee Sanders genauso kritisch begegnen, wie sie Spicer begegnet sind, kann Trump immer noch die Sexismus-Karte ziehen.

Sarah Huckabee Sanders will nach ihrem Amtsantritt Fanpost vorlesen. (Video: Reuters)

Wie meinen Sie das?

Trump hat in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass es ihm als Sexismus angelastet wurde, wenn er Journalistinnen hart angegangen ist. Jetzt könnte er den Spiess umdrehen und genau das gegen die verhassten Medienvertreter ins Feld führen, was sie ihm einst vorgeworfen haben. Dass sie sich nämlich seiner Pressesprecherin gegenüber sexistisch verhalten. Das sticht natürlich nicht. Trump hat sich immer mit der Aussage verteidigt: «Nein, wieso? Ich würde einen Mann genauso hart angreifen - das ist nur Gleichberechtigung.» Dabei hat er Frauen auf einer ganz anderen inhaltlichen Ebene angegriffen als Männer. Indem er Hillary Clinton im TV-Duell eine Mitschuld an den Affären ihres Mannes gegeben hat, hat er sich eindeutig sexistisch verhalten. Die Frage ist nur: Sehen seine Wähler und sehen die Amerikaner diesen wichtigen Unterschied auch?

Was treibt junge, gut ausgebildete Frauen wie Hicks oder Huckabee Sanders an, für einen Mann zu arbeiten, der in der Vergangenheit damit geprahlt hat, Frauen ungestraft sexuell bedrängen zu können, der Frauen vor allem als schmückendes Beiwerk sieht. Können Sie mir das erklären?

In Trumps Welt gibt es zwei Arten von Frauen. Da ist einmal die Frau, die für den Mann begehrenswert ist und - im weitesten Sinne - zu seinem Besitztum wird. Trump hat im Wahlkampf mal gesagt: «It doesn't really matter what the media write as long as you've got a young and beautiful piece of ass.» Frei übersetzt: Es spielt keine Rolle, was die Medien über dich schreiben, solange du eine junge und heisse Frau an deiner Seite hast. Wenn Trump dem französischen Präsidenten ein Kompliment dafür macht, dass dieser eine hübsche Gattin hat, dann sagt er damit indirekt: «Gut gemacht, da hast du dir eine gutaussehende Frau ins Haus geholt.» Die Frau wird bewertet, sie wird zum Gegenstand. In diese Kategorie würde ich Hope Hicks einordnen. In Trumps Welt gibt es aber noch eine zweite Sorte Frauen: die Arbeiterinnen.

Wie Sarah Huckabee Sanders?

Genau. Als Geschäftsmann hat er öfter erklärt, warum er sich Frauen in seine Teams holt: weil Frauen härter arbeiten als Männer, weil sie sich mehr beweisen müssen. Das sind genau solche Frauen wie Conway oder Huckabee Sanders. Bei denen weiss er: Er gibt ihnen eine Position und sie werden richtig hart dafür arbeiten, ihrem Job gerecht zu werden, weil sie sich nicht auf männlichen Privilegien ausruhen können. Trump profitiert also von einem Arbeitseifer, der aus der mangelnden Gleichberechtigung im Beruflichen heraus entsteht. Gleichzeitig kann er sich auf die Karten schreiben, Frauen anzustellen. Nach dem Motto: «Seht her, ich bin kein Sexist - ich bin Feminist!»

Und was bringt Frauen dazu, dieses Spiel mitzuspielen?

Das ist im Grunde ganz einfach: Es gibt viele Frauen, die selbst sexistisch sind. Die Annahme, dass Sexismus geschlechtsbedingt ist, dass also Männer Sexisten sind, Frauen aber nicht, ist falsch. Sie ist allerdings weit verbreitet: Wir sprechen vom Kampf der Geschlechter und Feministinnen wird oft vorgeworfen, dass sie Männer hassen. Das ist eine künstliche Trennung - tatsächlich können Frauen Sexisten sein und Männer Feministen. Menschen glauben an Weltbilder und vertreten diese auch, selbst wenn sie in diesen Weltbildern weniger Machtpositionen besetzen.

Wie interpretiert eine Frau mit einem sexistischen Weltbild ihre eigene Rolle?

Prototypisch gesprochen: Wenn ich als Frau ein Weltbild habe, nach dem der Mann die absolute Autorität in einer Gruppe ist - er muss stark sein, er muss das Geld verdienen, er sagt, was richtig und falsch ist, Frauen und Kinder haben sich dem unterzuordnen -, dann ist mein Ziel vermutlich, mir einen möglichst einflussreichen, mächtigen Mann zu suchen, der in der Welt für mich kämpft. Dieser Mann hat auch nach innen die Autorität, mir Vorschriften zu machen, zum Beispiel, wie unsere Beziehung abzulaufen hat. In Amerika wären viele Frauen lieber eine Melania Trump als eine Hillary Clinton. Solche Frauen bemessen ihren Wert daran, ob sie dem Mann gefallen, und weniger daran, ob sie sich selbst in der Welt behaupten.

Trump hat seine Ehefrau jüngst mit den Worten von einer Bühne geschickt: «You go and sit down now.»

Es fällt auf, dass Trump die First Lady auch in der Öffentlichkeit eher respektlos und grob behandelt, ihre Anwesenheit gerne mal ignoriert und ihr vor der ganzen Welt Anweisungen gibt. Das wirkt ausserordentlich autoritär und nicht gerade, als nähme er sie als gleichberechtigte Partnerin wahr - ein krasser Gegensatz zu Barack Obama, der oft betonte, dass er in Michelle eine gleichberechtigte Partnerin sieht, die ihm in vieler Hinsicht auch überlegen ist. «Team» war hier das Label. Die Trumps wirken nicht wie ein Team, und man bekommt nicht den Eindruck, dass der Präsident seiner Gattin eine eigenständige Autorität zuschreibt.

Im Gegensatz dazu tritt Sarah Huckabee Sanders betont selbstbewusst auf. Unliebsame Reporterfragen lässt sie mit einer Arroganz an sich abprallen, die man eher von Männern kennt.

Sarah Huckabee Sanders ist eine Sexistin - wenn auch eine untypische. Sie interpretiert ihre eigene Rolle nicht klassisch devot, sondern autoritär. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht grundsätzlich hinter dem Geschlechter- und Werteverständnis eines sexistischen Weltbilds stehen kann. Um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, warum eine junge, gebildete Frau einen Mann wie Trump verteidigt: Ihr Weltbild erlaubt es ihr, vollkommen d'accord damit zu sein, dass ein Mann in der Umkleide damit prahlt, was er sich bei Frauen rausnimmt. Huckabee könnte nie die Rolle einer Melania Trump einnehmen und sie will das vermutlich auch gar nicht. Weil sie in dem Moment abgewertet würde: für ihr Aussehen, ihre tiefe Stimme, ihre harte Mimik und Gestik. Sie ist kein, wie Trump sagen würde, «nice piece of ass».

Ein anderes Beispiel: Mit Bildungsministerin Betsy DeVos arbeitet ausgerechnet eine Frau daran, dass eine Obama-Richtlinie zum Umgang mit sexueller Gewalt an Colleges und Universitäten aufgeweicht wird. Ist das gnadenloser Machthunger, der alle Prinzipen des Frauseins verrät?

Wer in Washington nach Macht strebt, macht immer wieder Kompromisse, was die eigenen Werte angeht. Aber davor steht die grundsätzliche Entscheidung: Bin ich eher der progressive Typ, der allen Menschen den gleichen Wert zugesteht, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe und sozialer Stellung? Oder bin ich eher der Typ, der sagt: «Diese ganze politische Korrektheit ist doch völliger Unsinn. Das Leben ist ein Kampf. Die Natur hat uns gezeigt, dass Männer sich mehr durchsetzen. Frauen irgendwelche Privilegien zuzugestehen, wirft unser ganzes System durcheinander.»

«Für Trump und DeVos sind diejenigen an der Spitze der Gesellschaft auch die besten Menschen.»

DeVos handelt also vor allem ideologisch?

Ja, und sie ist nicht allein. Wenn es um Fälle von sexueller Gewalt gegen Frauen geht, auf dem Campus oder anderswo, finden Sie auch in den USA erschreckend viele Frauen, die Ihnen ins Gesicht sagen: «Das wäre nie passiert, wenn sie sich wie ein gutes Mädchen verhalten hätte.» Das bedeutet: Frauen dürfen keine kurzen Röcke tragen, sie dürfen nicht abends mit Jungs um die Häuser ziehen, sie dürfen keinen Alkohol trinken und sie dürfen vor der Ehe keinen Sex haben. Diese Argumentation ist auch unter dem Begriff slut shaming bekannt. Die Verlagerung der Schuld auf die Frau soll den Mann - als zentrale Figur einer sexistischen Weltanschauung - schützen. Und, wenn man ehrlich ist, ist es nicht Betsy DeVos' Herzensanliegen, alle Männer zu schützen, ihr geht es vor allem um junge, weisse Männer.

Spielt der finanzielle Hintergrund auch eine Rolle? Geht es also um junge, weisse Männer aus wohlhabenden Familien? Eine höhere Bildung ist in Amerika schliesslich immer noch eine Frage des Geldes - und DeVos ist selbst Milliardärin.

Es könnte gut sein, dass sie die eigene Klientel schützt. Aber für sie und ihren Chef dürfte das wiederum ideologisch begründet sein. Im Weltbild des Präsidenten und seiner Bildungsministerin stehen weisse Männer aus einem natürlichen Grund ganz oben in der Hierarchie: Sie sind die Stärkeren, sie haben sich das historisch erkämpft. Für Trump und DeVos sind diejenigen an der Spitze der Gesellschaft auch die besten Menschen. Macht und eben auch Geld sind für sie Zeichen von Gutsein, von einer moralischen Autorität.

Dementsprechend braucht es auch keine politische Vorerfahrung, um Präsident zu werden.

Trump hat das im Wahlkampf mal so formuliert: «Ich bin reich, also bin ich ein guter Mensch.» Er ist der Überzeugung: Solange weisse Männer unsere Gesellschaft ordnen und lenken, geht es uns allen am Ende des Tages besser. Deshalb ist Trump auch gegen Steuern für Superreiche. Denn damit würde man den natürlicherweise Stärksten der Truppe schaden. Umgekehrt ist es in diesem strengen Weltbild regelrecht moralisch verwerflich, Armen einen gesetzlichen Krankenversicherungsanspruch zu geben - weil man damit die ohnehin Schwachen nur noch mehr verweichlicht.

Wirkt die Trump-Regierung deshalb so kritikresistent: weil sie von ihrer moralischen Überlegenheit überzeugt ist?

DeVos, um beim Eingangsbeispiel zu bleiben, ist in einer privilegierten Familie aufgewachsen und hat das Selbstverständnis verinnerlicht, dass sie bestimmen sollte, wie die Welt funktioniert. Sie ist der Überzeugung, dass weisse Männer in besonderem Masse geschützt werden müssen, weil sie für Machtpositionen vorbestimmt sind - also wird sie versuchen, diese jungen Männer vor Beschuldigungen der sexuellen Gewalt zu bewahren, damit sie nicht an Status verlieren.

Wie passt Ivanka Trump in das Frauen- und Weltbild ihres Vaters? Einerseits hat Trump ihr schon Komplimente für ihr Aussehen gemacht. Andererseits sitzt sie mit am Tisch, wenn beim G-20-Gipfel in Hamburg die politische Elite tagt.

Trump wendet auf seine Tochter dieselbe Skala an, mit der er Frauen als potenzielle Partnerinnen bewertet: eins bis zehn - ungenügend bis «piece of ass», wenn sie so wollen. Das ist völlig klar, es gibt genügend Aussagen über seine Tochter, aus denen man das herauslesen kann. Darüber hinaus ist sie aber auch eine erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie hat Macht und ihr Vater gibt ihr Macht. Allerdings ist seine Motivation dafür eine andere als bei Conway oder Huckabee Sanders.

Nämlich?

Conway und Huckabee Sanders sind starke Ideologinnen und deshalb besonders nützlich. Ivanka gehört zu seiner Familie, zu seiner Ingroup, wie wir in der Soziologie sagen. Das ist ganz typisch für eine konservative Weltanschauung: Das Wohl der eigenen Ingroup steht über allem, sie wird besonders geschützt und gefördert - das kann in grösserem Massstab auch die eigene Religionsgemeinschaft oder das eigene Land sein. Trumps Kinder sind sein eigener genetischer Pool. Indem er sie mit wichtigen Funktionen betraut, schafft er es, seine eigene Identität aufzublähen. Ihre Erfolge, ihre Macht, machen ihn in der Welt noch relevanter.

Letzten Endes geht es also weniger darum, seine Kinder voranzubringen, sondern mehr um ihn selbst.

Das hat ganz viel mit Ego zu tun. Trump hat mal gesagt: «Wenn man gute Rennpferde kreuzt, bekommt man gute Rennpferde.» Ivanka ist sein Kind, sie ist in dieser Metapher ein optimales «Rennpferd». Trump überträgt sein Selbstverständnis, ein moralisch überlegener, hehrer Mensch zu sein, auf seine Tochter. Ivankas Autorität ist nicht von Gott gegeben, sie ist von Trump gegeben.

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