Vom Hacker zum Helfer

Was Donald Trump und Julian Assange gemeinsam haben – und was sie einander nützen.

Der Hacker unter Beobachtung: Julian Assange vor einem Jahr in London. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

Der Hacker unter Beobachtung: Julian Assange vor einem Jahr in London. Foto: Peter Nicholls (Reuters)

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Ein Narzisst, kommunikativ schwer gestört, im Herzen kalt, bei seinen Angestellten unbeliebt, von mehreren Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt, ruchlos im Umgang mit seinen Gegnern, ein Sicherheitsrisiko für die Geheimdienste, mit wechselnden Allianzen operierend, nach­tragend, opportunistisch, äusserst anfällig auf Schmeichelei, in undurchdringliche Händel verwickelt, von loderndem Hass auf Hillary Clinton angetrieben – kein Wunder, dass Donald Trump an Julian Assange Gefallen findet.

Glaubt man dem Tweet des President-elect, scheint er dem Wikileaks-Mitbegründer mehr zu trauen als seinen eigenen Geheimdiensten. Triumphierend übernahm Trump am Mittwoch Assanges Behauptung aus einem Interview mit Sean Hannity vom konservativen Sender Fox TV, wonach die Russen die Wahlkampfleitung von Hillary Clinton nicht gehackt hätten: «Unsere Quelle ist kein staatlicher Akteur.» Ausserdem hätte so etwas «auch ein 14-Jähriger fertiggebracht». Den Beweis blieb der australische Hacker schuldig, der sich generell nicht über die Quellen äussert, die seiner Organisation zudienen. Das hielt den Trump-Vertrauten Hannity nicht davon ab, Assanges Aussagen in seinem Sender als «glaubwürdig» zu bezeichnen. Auch die republikanische Gouverneurin Sarah Palin und der ehemalige New Yorker Bürger­meister Rudy Giuliani reagierten sehr angetan. Der Feind unseres Feindes ist unser Freund.

Entschieden anders

Man hört und liest und staunt. Zwar gehört Loyalität nicht zu den Attributen des kommenden Präsidenten. Aber trotzdem fällt das Tempo auf, mit dem der ausländische Hacker vom kommenden Präsidenten zum Guten umdekoriert wird. Bei Fox TV hat Julian Assange bereits den Opferstatus erreicht. Assange lebe unter erbärmlichen Bedingungen, erzählte Hannity nach seiner Rückkehr aus London. Er spielte darauf an, dass Julian Assange seit vier Jahren in der ecuadorianischen Botschaft ausharrt, weil ihm eine Auslieferung nach Schweden (Vergewaltigungsvorwürfe) und in die USA (Spionagevorwürfe) droht.

Vor sechs Jahren klang das entschieden anders. Damals hatten Assange und seine Mitarbeiter Hunderttausende von Dokumenten öffentlich gemacht, darunter amerikanische Botschaftsmails, geheime Militärberichte aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan sowie die Guantánamo-Files. Eine der wichtigsten Quellen von Wikileaks war der Soldat Bradley Manning gewesen, der inzwischen eine Frau ist, Chelsea Manning heisst und zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Damals nannte Donald Trump Assanges Vorgehen eine Schande und sagte laut «Spiegel online», es sollte dafür «so etwas wie die Todesstrafe geben». Assange gehöre ins Gefängnis, sekundierte ihn Sean Hannity, Trumps Mann bei Fox TV.

Der Verdacht

Was hat Assange getan, das diese Empörung relativieren würde? Mit der Veröffentlichung gehackter Mails von Clinton und ihrem Team hat er mitgeholfen, Trump zum Präsidenten zu machen. Dass ein öffentlicher Staatsfeind den angehenden Präsidenten der Vereinigten Staaten so schnell gnädig stimmen würde, wäre in den USA bis vor kurzem undenkbar gewesen.

Assange hat ein nachvollziehbares Motiv mit seinem julianischen Kalender: Er will verhindern, dass ihm dasselbe widerfährt wie Chelsea Manning. Und er ist isoliert. Anders als beim Whistleblower Edward Snowden geniesst Assange bei der internationalen Linken keine Sympathien mehr. Zu selbstherrlich hat er sich zuletzt aufgeführt, zu viele Mitarbeiter verärgert, zu offensichtlich seine Person ins Zentrum gerückt. Dazu kommt, dass Rafael Correa sein Amt im Februar abgibt, der ecuadorianische Präsident, der Assange in der Londoner Botschaft Zwischenasyl gewährte. Dass Assange in diesen Tagen auch Präsident Barack Obama angreift und ihm vorwirft, unangenehme Dokumente zu vernichten, gehört ebenfalls hierher: Der Hacker tut alles, um sich dem kommenden Präsidenten anzudienen. Das wirkt opportunistisch – menschlich lässt es sich nachvollziehen. Beunruhigend ist etwas anderes: dass Assange glaubt, er könne bei Trump damit Erfolg haben. Vielleicht werden wir ja die Hintergründe dieser speziellen Beziehung einmal erfahren. Aber nicht durch Wikileaks.

Erstellt: 05.01.2017, 22:58 Uhr

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