Von der Hoffnungsträgerin zur Geflohenen

Niloofar Rahmani war die erste Kampfpilotin Afghanistans und ersucht um US-Asyl.

Wird aus ihrem Ausbildungsaufenthalt in Texas, Arkansas und Florida nicht heimkehren: Niloofar Rahmani. Foto: PD

Wird aus ihrem Ausbildungsaufenthalt in Texas, Arkansas und Florida nicht heimkehren: Niloofar Rahmani. Foto: PD

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Als die USA 2001 die Taliban stürzten, war Hauptmann Rahmani ein Mädchen von neun Jahren. Ihre Zukunft, so versprach die Regierung Bush Junior, werde frei sein, die Frauen und Mädchen Afghanistans sollten zur Schule gehen und Berufe ausüben. Niloofars Familie, Mittelklasse, gehörte zu jenen, die die Ankunft der Amerikaner begrüssten. Und Niloofar wusste, was sie werden wollte: Pilotin. «Das war immer mein Traum», sagte sie Jahre später der Presse. Als die neue afghanische Luftwaffe 2011 Rekruten suchte, meldete sie sich, 18 Jahre alt, mit dem Segen der Eltern. Und wurde erste Kampfpilotin der Nation.

Für die entmachteten Mullahs ist Rahmani eine Provokation: eine selbstbewusste junge Frau, die sich an der Seite der Männer in der Luftwaffe behauptet. Rahmanis Verwandte erhielten Todesdrohungen von Traditionalisten und mussten oft umziehen. Für die US-Befreier aber, die in Afghanistan bis heute Widerstand und Chaos gewärtigen, ist Rahmani ein rares Zeichen des Erfolgs: So sehen freie Afghaninnen aus, bald bereit, Verantwortung für ihr Land zu übernehmen. Rahmani posierte nur lose verschleiert mit Stiefeln und Top-Gun-Fliegerbrille für die Fotografen, 2015 bekam sie den Mutige-Frauen-Preis des US-Aussenministeriums. First Lady Michelle Obama sagte damals: «Sie fliegt weiter, trotz Drohungen der Taliban.»

«Ich bin sicher, sie lügt, um Asyl zu gewinnen»Mohammed Radmanish, General

Nun aber will Rahmani nicht länger Postergirl für das neue Afghanistan sein. Zu Weihnachten hat sie verraten, dass sie von einem mehrmonatigen Ausbildungsaufenthalt in Texas, Arkansas und Florida nicht heimkehren wird, sondern in den USA Asyl erbeten hat. Sie fürchte um ihr Leben, sagt sie, werde in der Truppe von männlichen Kollegen schlecht behandelt und sorge sich um ihre Verwandten. Ihr Bruder wurde angefahren, der Vater verlor die Stelle, alles ihretwegen. «Die Dinge werden nicht besser in Afghanistan», sagte sie der «New York Times», eher «schlimmer und schlimmer». Sie hat recht. Diesen Monat erschossen Gegner der Gleichberechtigung fünf weibliche Flughafenangestellte in der Provinz Kandahar. Worauf es im Parlament hiess, die Damen hätten eben besser daheim bleiben sollen. Die Taliban sind nicht geschlagen, weder militärisch noch in den Köpfen.

Die afghanische Armee hat Rahmanis Vorwurf der Belästigung dennoch zurückgewiesen. «Ich bin sicher, sie lügt, um Asyl zu gewinnen», sagte ein General Mohammed Radmanish. Er erwarte, dass sich Hauptmann Rahmani zum Dienst melde.

Doch Niloofar Rahmani will bleiben. Auch der längste Krieg in der Geschichte der USA hat Afghanistan keine Sicherheit und Hoffnung gebracht. Es sei dort gefährlich, als Mädchen etwas erreichen zu wollen, sagte Rahmani letzte Woche. «Es ist besser, wenn das ein Traum bleibt und nicht wahr wird.» Versuch es nicht, flieh dich in Träume: Keine Aussage wäre trauriger für Amerika, das Land der Möglichkeiten.

Erstellt: 27.12.2016, 17:58 Uhr

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