Zum Hauptinhalt springen

«Wandering Monk», das Facebook-Profil eines frustrierten Soldaten

Gefühlskalt, verunsichert, verstört: So liest sich das Facebook-Profil des jüngst von den Taliban freigelassenen US-Soldaten Bowe Bergdahl. Der letzte Post stammt vom 22. Mai 2009.

Zeigen ihrem Sohn ihre Unterstützung: Jani und Bob Bergdahl an der zweiten Pressekonferenz nach der Freilassung ihres Sohnes.
Zeigen ihrem Sohn ihre Unterstützung: Jani und Bob Bergdahl an der zweiten Pressekonferenz nach der Freilassung ihres Sohnes.
Reuters
Richtete auch einige Worte auf Paschtu und Arabisch an seinen Sohn: Bob Bergdahl an einer Presskonferenz im Weissen Haus. (1. Juni 2014)
Richtete auch einige Worte auf Paschtu und Arabisch an seinen Sohn: Bob Bergdahl an einer Presskonferenz im Weissen Haus. (1. Juni 2014)
AP Photo/Carolyn Kaster
Wann er nach Hause zurückkehren kann, ist noch unklar.
Wann er nach Hause zurückkehren kann, ist noch unklar.
Jeff T. Green, Reuters
1 / 9

Nach dem umstritten Austausch des US-Soldaten Bergdahl gegen fünf gefangene Taliban stossen Äusserungen des Feldwebels auf Facebook und Mails von 2009 auf grosses Interesse. Aus ihnen scheint hervorzugehen, dass er in Afghanistan um sein seelisches Gleichgewicht kämpfte.

Vor seinem Verschwinden von einem Militärstützpunkt in Afghanistan schrieb US-Feldwebel Bowe Bergdahl auf Facebook von seinem Frust über die Welt und seinem Wunsch, den Status quo zu verändern. Er kritisierte ungenannte Befehlshaber und Regierungsmitglieder und sinnierte darüber, ob es Aufgabe des Künstlers, des Soldaten oder des Generals sei, Gewalt zu beenden und «den Verstand von Narren zu verändern». In seinen privaten Schriften schien er seine Frustration auf sich selbst zu konzentrieren und auf seinen Kampf, seine geistige Stabilität zu bewahren.

Umherwandernder Mönch

Insgesamt zeichnen die Schriften das Bild eines jungen Mannes, der es mit zwei Konflikten zu tun hatte: einem, der mit Kugeln und Bomben ausserhalb des Militärgeländes ausgetragen wurde und einem, den er mit sich selbst ausmachte. Bergdahls Facebook-Seite wurde am Mittwoch von der Nachrichtenagentur AP entdeckt. Kurz darauf wurde sie von Facebook wegen eines Verstosses gegen die Geschäftsbedingungen vom Netz genommen. Bergdahl eröffnete die Seite unter dem Namen «Wandering Monk» (Umherwandernder Mönch). Der letzte Post stammt vom 22. Mai 2009, wenige Wochen, bevor er in Gefangenschaft geriet.

Bergdahl - der einzige US-Soldat, der in Afghanistan gefangen gehalten wurde -, wurde kürzlich nach fünf Jahren in der Hand der Taliban gegen fünf in Guantánamo festgehaltene Häftlinge freigelassen. Die Umstände des Gefangenenaustauschs und von Bergdahls Gefangennahme 2009 führten zu einer nationalen Debatte. Bergdahls Freunde und Anhänger jubeln über seine Freilassung, während einige Kongressmitglieder und ehemalige Kameraden ihn als Deserteur bezeichnen.

Bergdahl mochte keine Partys

Mary Robinson, eine Facebook-Freundin Bergdahls, arbeitete während seiner Oberschulzeit mit ihm in einem Massagezentrum und einem Teehaus. Warum er sich «Wandering Monk» genannt habe, wisse sie nicht, sagt sie. «Er war sehr, sehr bodenständig. Er war neugierig. Er war keiner, der Partys gefeiert hat, wie manche Kids das machen», erklärt Robinson, während sie überprüft, dass es sich tatsächlich um Bergdahls Facebook-Seite handelte. «Er ging da rüber mit der guten Absicht, seinem Land zu dienen.»

In seinem Post vom 22. Mai beschrieb Bergdahl eine Mission in den Bergen von Afghanistan, die acht Stunden dauern sollte. Stattdessen war der Trupp fünf Tage unterwegs, nachdem Fahrzeuge des Konvois von Bombenanschlägen beschädigt worden waren. Die Gruppe musste nahe einem Bergdorf kampieren, wie Bergdahl in seiner mit Rechtschreibfehlern gespickten Mitteilung schrieb. Als sich der Konvoi wieder in Bewegung gesetzt habe, sei die Fahrt entlang eines Flussbetts in einem langen tiefen Tal weitergegangen.

«Ich durfte nichts tun»

Erneut wurde dem Post zufolge eines der Fahrzeuge von einem Sprengsatz getroffen. Die Soldaten wollten daran ein Abschleppseil befestigen. Daraufhin wurden sie von Menschen auf den Hügeln beschossen. Die feindlichen Kämpfer «begannen, uns mit Kugeln einzudecken, und überall um uns herum konnten die Schützen nur einige von ihnen sehen, also feuerten sie den Rest der Zeit blind, hoch in die Bäume und Felsen», schrieb Bergdahl. Weil eines der Maschinengewehre versagte, musste Bergdahl dem Richtschützen seine eigene Waffe übergeben. «Ich sass da und schaute zu, sonst durfte ich nichts tun», schrieb er.

Bei dem Vorfall wurde niemand getötet, doch Bergdahl war von der Gefahr und der Situation frustriert. «Weil das Oberkommando zu blöd war zu entscheiden, was zu tun ist, wurden wir mitten im Nichts sitzengelassen, ohne Unterstützung bis zum späten Vormittag des nächsten Tages. (...) Aber die Berge Afghanistans sind wirklich schön», schrieb er.

Verstörende Dokumente

Etwa zweieinhalb Wochen nach seinem letzten Facebook-Post schrieb Bergdahl eine teilweise verschlüsselte E-Mail an eine langjährige Freundin, Kim Harrison. Darin liess er erkennen, dass er sich um seine Privatsphäre sorge und deshalb seine Pläne nicht mitteilen könne. Harrison übergab diese Mail und weitere Schriftstücke Bergdahls der Zeitung «Washington Post». Sie sei besorgt darüber, wie er als berechnender Deserteur dargestellt werde, sagte sie zur Begründung. Zwei Wochen nach der verschlüsselten Mail verschwand Bergdahl von seinem Stützpunkt.

Ein Karton mit seinem Tagebuch, seinem Laptop und anderen Gegenständen traf mehrere Tage danach bei Harrison ein. Die Schriften, die sie entdeckte, sind verstörender als das, was er auf Facebook postete.

Sein Tagebuch scheint den Kampf zu schildern, wie er versucht, während der Grundausbildung und seines Einsatzes in Afghanistan mental stabil zu bleiben. «Ich bin besorgt», schreibt er vor seiner Entsendung. «Je näher ich der Verschiffung komme, desto ruhiger sind die Stimmen. Ich falle zurück. Ich werde kälter. Meine Gefühle werden von der eingefrorenen Logik und der Ausbildung überflutet, all das gefühllose, kalte Urteile der Dunkelheit.»

Psychologische Probleme

Bereits zuvor hätten Bergdahls Freunde sich um seine seelische Gesundheit gesorgt, erklärte Harrison der «Post». 2006 sei er von der US-Küstenwache nach 26 Tagen Grundausbildung aus nicht näher benannten Gründen entlassen worden, berichtete die Zeitung unter Berufung auf die Küstenwache. Harrison erklärte, es habe sich um psychologische Gründe gehandelt.

Doch als er 2008 zum Heer ging, hatten es die Streitkräfte mit Kriegen in Afghanistan und Irak zu tun. Regelmässig wurden daraufhin auch Personen etwa mit Vorstrafen oder Gesundheitsproblemen zum Militärdienst zugelassen. Ob auch Bergdahl eine solche Ausnahmegenehmigung erhielt, wollten die Streitkräfte nicht sagen.

AP/thu

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch