Warum Trump Fox so dringend braucht wie noch nie

Der TV-Sender war schon immer das Sprachrohr des US-Präsidenten. Wegen der Ukraine-Affäre wird er für ihn überlebenswichtig.

Plattform, Sprachrohr, Schutzwall: Donald Trump beim jüngsten Interview mit Sean Hannity. Video: Fox News


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Es erfordert schon ein besonderes journalistisches Talent, ein einstündiges Interview mit Donald Trump zu führen und ihm dabei keine einzige Aussage von Nachrichtenwert zu entlocken. Sean Hannity ist das gelungen. Am Montagabend unterhielt sich der Starmoderator von Fox News ein weiteres Mal mit Trump, es war bereits das 13. Interview, das Hannity mit dem Präsidenten führte.

Natürlich ging es dabei auch um die laufende Impeachment-Untersuchung gegen Trump. Hannity lieferte wie gewohnt die Stichworte und verstärkte Trumps Empörung über die Medien und die Demokraten mit seinen eigenen, wütenden Bemerkungen. Neues erfuhren die Zuschauer in dieser Stunde nicht – aber das war wohl auch gar nicht das Ziel.

Feindselige Beziehung: US-Präsident Donald Trump und die Medien. Foto: Reuters

Für Trump war Fox News schon immer wichtig, sein politischer Aufstieg ist ohne den TV-Sender nicht zu denken. Nun aber, da Trump wegen der Ukraine-Affäre am bisher heikelsten Punkt seiner Präsidentschaft steht, ist Fox News für ihn existenziell. Als Plattform, als Sprachrohr, als Schutzwall. Ein Impeachment kommt daher wie ein Gerichtsverfahren, doch es ist in erster Linie ein politischer Prozess – und damit auch ein Kampf um die öffentliche Meinung.

Wenn es gegen Trump zur Anklage durch das Repräsentantenhaus kommt, werden die Republikaner im Senat über seine Amtsenthebung entscheiden. Dabei werden sie womöglich weniger auf die Fakten blicken, die für oder gegen Trump auf dem Tisch liegen. Sondern darauf, was die Öffentlichkeit von all dem hält. Genauer: was die republikanischen Wähler denken.

98 Prozent der Fox-Zuschauer gegen Impeachment

Das Bild, das die Zuschauer des Senders in diesen Tagen vom Impeachment erhalten, ist dabei eindeutig. Es handle sich um ein illegitimes Verfahren, um einen Coup. Trumps Telefonat mit dem Präsidenten der Ukraine gebe keinerlei Anlass zu Bedenken. Der Whistleblower, der die Sache öffentlich machte, sei gar kein echter Whistleblower, und der wahre Skandal seien die angeblichen Verfehlungen des früheren Vizepräsidenten Joe Biden und seines Sohnes, der in der Ukraine tätig war.

Da überrascht es nicht, was das Public Religion Research Institute in einer neuen Studie herausfand: 98 Prozent der republikanischen Wähler, für die Fox News die wichtigste Nachrichtenquelle ist, lehnen ein Impeachment ab.

Die Ukraine-Affäre wird ganz anders dargestellt.

Doch es beginnt schon vorher, bei den Fakten. Die vom Weissen Haus veröffentlichte Mitschrift des Gesprächs, das Trump mit Wolodimir Selenski führte, hält zwar schwarz auf weiss fest, dass der Amerikaner mit dem Ukrainer über Biden sprach. Trotzdem glauben laut einer Umfrage der Monmouth University von Anfang Oktober nur vier von zehn republikanischen Wählern, dass Trump den Demokraten explizit erwähnte.

Das hat wohl damit zu tun, dass diese Geschichte die meisten Amerikaner nicht annähernd so stark beschäftigt wie die politische Blase in Washington. Doch es lässt sich eben auch damit erklären, dass die Ukraine-Affäre in der konservativen Medienwelt, zu der neben Fox News auch die nach wie vor einflussreichen Radio-Talkshows und Websites wie Breitbart zählen, ganz anders dargestellt wird.

Nie mehr ein Watergate

All dies wäre ganz im Sinn des Gründers von Fox News. Roger Ailes war in den 70er-Jahren Berater von Richard Nixon, der zu den Medien eine ähnlich feindselige Beziehung pflegte wie heute Trump. Ailes musste zusehen, wie sich die öffentliche Meinung während der Watergate-Affäre zunehmend gegen den Präsidenten wandte. Es gab zwar damals konservative Organe wie die Zeitschrift «National Review», die Nixon gegen jede Kritik verteidigten, aber ihre Reichweite war beschränkt.

Von einem Sender wie Fox News konnte Nixon nur träumen. Das wissen sie auch in der Fox-Zentrale in New York: «Weisst du, Sean, wenn es deine Show nicht gäbe, würden sie ihn absolut zerstören», sagte einer von Hannitys Gästen kürzlich über das Impeachment gegen Trump. «Du bist der Unterschied zwischen Donald J. Trump und Richard Nixon.»

Kündigung vor der Kamera

Die Frage ist, wie lange das noch so bleibt. Zuletzt vertiefte sich bei Fox News der Graben zwischen den Journalisten der «news division», die tagsüber die Nachrichtensendungen bestücken und dort ab und zu auch kritisch über den Präsidenten berichten, und den bedingungslos Trump-loyalen Kommentatoren der Prime Time.

Das führte dazu, dass einer dieser Journalisten, der Moderator Shepard Smith, vor laufender Kamera seine Kündigung bekannt gab. Trump hatte sich auf Twitter wiederholt über ihn beschwert. Im Fall von Hannity, davon kann man ausgehen, wird das so rasch nicht geschehen.


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Erstellt: 23.10.2019, 09:42 Uhr

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