Der Revoluzzer will es nochmals wissen

Galten Bernie Sanders Ideen früher als radikal, sind sie nun Mainstream. Das könnte ihm bei den US-Präsidentschaftswahlen zum Verhängnis werden.

Es ist Zeit, die politische Revolution fortzuführen»: Bernie Sanders an einer Gedenkfeier für Martin Luther King in Columbia, South Carolina. (21. Januar 2019)

Es ist Zeit, die politische Revolution fortzuführen»: Bernie Sanders an einer Gedenkfeier für Martin Luther King in Columbia, South Carolina. (21. Januar 2019) Bild: Sean Rayford/Getty Images/AFP

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All jene Amerikaner, die immer noch mit «Bernie»-Aufklebern am Auto herumfahren, werden sich freuen: Sie brauchen die Dinger nicht abzuschaben. Bernie Sanders, Senator aus Vermont, kandidiert erneut für die US-Präsidentschaft. Beim letzten Mal hatte er seine Ankündigung noch vor einer Handvoll Journalisten auf einem Stück Gras ausserhalb des Capitol gemacht. Als Aussenseiter, von dem niemand glaubte, dass er der Favoritin Hillary Clinton die demokratische Nomination ernsthaft streitig machen würde.

Vier Jahre später ist seine zweite Kandidatur ein Medienereignis grösseren Ausmasses, begleitet von aufgeregten Tweets und langen Analysen. Glaubt man den bisherigen Umfragen, ist Sanders inzwischen selbst einer der Favoriten für die demokratische Vorwahl.

«Wir haben mit der letzten Kampagne eine politische Revolution begonnen», sagte er beim Radiosender Vermont Public Radio, «jetzt ist es Zeit, diese Revolution fortzuführen.» Es gehe nicht nur darum, Donald Trump zu besiegen, den Sanders als «gefährlichsten Präsidenten in der modernen amerikanischen Geschichte» bezeichnete sowie als «Rassisten, Sexisten und Xenophoben». Es gehe darum, eine Regierung zu errichten, die auf wirtschaftlicher, sozialer und ethnischer Gerechtigkeit gründe.

Als er seine progressive Agenda letztes Mal vorgestellt habe, seien seine Ideen als radikal und extrem abgetan worden, schrieb er in einer E-Mail an seine Unterstützer: «Inzwischen werden sie von einer Mehrheit der Amerikaner unterstützt.»

Er hat der Partei seinen Stempel aufgedrückt

Ob das wirklich so ist, sei dahingestellt. Tatsache ist aber, dass sich seit Sanders’ erster Kandidatur einiges verändert hat, das ihm zugute kommt – und einiges, das gegen ihn spricht. Die Demokraten sind in den vergangenen Jahren nach links gerückt. Viele seiner wichtigsten und frühesten Programmpunkte sind dort inzwischen Mainstream.

Das gilt für die Einheitskrankenkasse, den gesetzlichen Mindestlohn von 15 Dollar oder die Reform der Regeln zur Parteienfinanzierung: kaum ein demokratischer Politiker, der diese Forderungen nicht teilt, kaum ein Präsidentschaftskandidat, der nicht gelobt, kein Geld von Lobbygruppen anzunehmen. Der nominell unabhängige Senator hat der Partei seinen Stempel aufgedrückt.

Die laute Klage über die «Millionäre und Milliardäre» tragen inzwischen auch andere Demokraten vor.

Zugleich hat Sanders damit einen Vorteil eingebüsst. Während er 2016 davon profitierte, dass er für demokratische Parteigänger die einzige Alternative zu Clinton war, ist er dieses Mal einer von sehr vielen Bewerbern – der «Bitte nicht Hillary»-Bonus ist weg. Einige dieser Konkurrenten treten selbst mit einem dezidiert linken Programm an, allen voran Elizabeth Warren, Senatorin aus Massachusetts, die unlängst einen Plan für eine Vermögenssteuer für Superreiche vorstellte.

Die laute Klage über die «Millionäre und Milliardäre», die in jeder Sanders-Rede viel Platz einnimmt, tragen inzwischen auch andere Demokraten vor. Gut möglich also, dass sich die Stimmen der Sanders-Wähler auf verschiedene Kandidaten verteilen.

Weiblicher und bunter

Vielleicht hat Sanders auch aus diesem Grund einiges unternommen, um sein Profil zu verbreitern, etwa, indem er vermehrt aussenpolitische Themen aufgriff. Gemeinsam mit dem Republikaner Mike Lee reichte er eine Resolution ein, die ein Ende der US-Unterstützung für den von Saudiarabien geführten Krieg im Jemen forderte. Er fand dafür im von den Republikanern gehaltenen Senat eine Mehrheit.

Ausgebaut hat Sanders zudem seine Basis von Unterstützern, die ihm 2016 mit Tausenden von Kleinspenden erst ermöglichte, Clinton gefährlich zu werden. Er absolvierte bereits in den vergangenen Monaten Dutzende von Auftritten im ganzen Land.

Verändert haben sich bei den Demokraten allerdings nicht nur gewisse inhaltliche Schwerpunkte, verändert hat sich auch das Gewicht, das Frauen und Afroamerikaner in der Partei haben. In der Opposition sind die Demokraten weiblicher und bunter geworden.

Sanders, der in Brooklyn geborene Sohn einer jüdischen Familie, hatte schon bei seiner letzten Kandidatur grosse Mühe, Stimmen der Schwarzen zu holen. Im wichtigen Vorwahlstaat South Carolina legten damals nur 14 Prozent der Afroamerikaner für Sanders ein, 86 Prozent wählten Clinton.

Gewänne er die Präsidentschaftswahl, wäre er bei Amtsantritt im Januar 2021 79 Jahre alt.

Hinzu kommen die in den vergangenen Wochen bekannt gewordenen Vorwürfe über sexuelle Belästigung durch Mitarbeiter seiner damaligen Kampagne, die an Sanders offenbar komplett vorbeigingen – in Zeiten der #MeToo-Bewegung ein Problem.

Und dann ist da auch noch das Alter des Kandidaten. 77 Jahre ist Sanders heute. Im Fall eines Siegs in den Vorwahlen wäre er der älteste Kandidat, den eine grosse Partei je nominiert hätte. Gewänne er anschliessend auch die Präsidentschaftswahl, wäre er bei Amtsantritt im Januar 2021 79 Jahre alt. Ein frisches Gesicht sieht anders aus.

Erstellt: 19.02.2019, 18:40 Uhr

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