Wo Schweizer Schokolade mehrere Monatslöhne kostet

In Venezuela sind die Preise um ein 300-Faches gestiegen. Es gibt zu viel Geld – aber zu wenig Bargeld.

Präsident Nicolás Maduro erklärte Ende März, dass es kein Bargeld gebe, weil die kolumbianische Regierung und die Opposition es klauen würden. Bild: Miguel Gutierrez (EPA/Keystone)

Präsident Nicolás Maduro erklärte Ende März, dass es kein Bargeld gebe, weil die kolumbianische Regierung und die Opposition es klauen würden. Bild: Miguel Gutierrez (EPA/Keystone)

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«José! Das Blumengeschäft will uns so früh im Voraus keinen Preis geben.» Maria schaut besorgt zu ihrem Sohn hoch. In zwei Wochen soll José seine Freundin Cristina heiraten. «So früh im Voraus» ist es in Venezuela schlicht unmöglich, jedweden Preis vorherzusagen. Seit November 2017 steckt das Land in einer Hyperinflation, aktuell verdoppeln sich die Preise ungefähr jeden Monat.

Für die Hochzeit sucht die Familie zusammen mit Bekannten seit Wochen in den Supermärkten die Zutaten für ein süsses Gebäck. Irgendwann hat Maria genug und weicht auf einen Strassenmarkt aus. Dort sind die knappen Güter teils noch erhältlich, wenn auch nur für ein Mehrfaches ihres «normalen Preises». Und so kauft sie zwei Säckchen Kokosnussmilchpulver und vier Säckchen Kakao für 3,3 Millionen Bolívares. Weitere 4,2 Millionen gibt sie für salzlose Butter, Kakaobutter und Frischkäse aus.

Butter ohne Salz (l.) und Frischkäse (Mitte): 3,4 Millionen Bolivares. Kakaobutter (r.) 825’000 Bolivares. (Stand: 2. Mai 2018) Bild: Marc Chéhab

Um das in ein Verhältnis zu setzen: José unterrichtet seit Oktober zwei Kurse an einer der grössten Universitäten des Landes. Ein Vollzeitsalär beliefe sich dort auf rund 10 Millionen Bolívares. Die wenigen Zutaten hätten also bereits drei Viertel des Lohns verschlungen. Einen Lohn hat der 31-Jährige aber noch nicht erhalten. Er geht bloss aus moralischer Überzeugung zur Arbeit. «Ich habe eine öffentliche Bildung genossen, jetzt muss ich etwas zurückgeben», erklärt er.

Frage von Leben und Tod

Josés Vater ist seit einem Hirnschlag einseitig gelähmt und kann nur noch einzelne Laute aussprechen. Seither pflegen ihn seine Frau, sein Sohn und eine Angestellte zu Hause. Trotz allem hat die Familie Glück im Unglück: Die Medikamente werden ihnen von Freunden zugeschickt, und das Ersparte halten sie in US-Dollar.

José brachte sich selbst An­lagestrategien bei und erwirtschaftet so an ausländischen Börsen monatlich rund 350 Dollar. Das Geld tauscht er wöchentlich über einen Händler auf dem Schwarzmarkt in Bolívares um. So überlebt die Familie.

Entscheidend für die Bevölkerung ist letztlich die Kaufkraft ihres Salärs innerhalb Venezuelas. Am 20. Juni erhöhte Präsident Nicolás Maduro zum bereits vierten Mal in diesem Jahr den gesetzlichen Mindestlohn – auf monatlich 3 Millionen Bolívares. Zusätzlich haben Venezolaner Anrecht auf 2,2 Millionen Bolívares in Lebensmittelbons.

Die Geschäfte machen sich nicht mehr die Mühe, die Preise anzuschreiben.

Die NGO Cenda misst jeden Monat, wie viel eine fünfköpfige Familie benötigen würde, um zu überleben. Im Juni waren es knapp 380 Millionen Bolívares – und ein Viertel der Produkte liess sich unabhängig vom Preis kaum finden. In den letzten 12 Monaten haben sich die Preise mindestens verdreihundertfacht.

Die US-Schweizer Reuters-Reporterin in Venezuela, Alexandar Ulmer, berichtet von einer Strassenszene in Caracas: «Kinder klettern auf Bäume, um die Mangos herunterzuschütteln. Bauarbeiter und Anwohner drängeln, um die Früchte zu fangen. 2016 berichteten wir, wie tropische Früchte für die Bevölkerung überlebenswichtig werden. Die Situation ist so viel schlimmer geworden.»

Der Besitz ausländischer Währungen ist in der Hyperinflation zu einer Frage von Leben und Tod geworden: Wer Zugang zu US-Dollar hat, überlebt recht gut. Wer aber bloss Bolívares verdient, siecht dahin oder stirbt. Laut einer Studie der drei führenden Universitäten Venezuelas lebten bereits vor der Hyperinflation 87 Prozent der Bevölkerung in Einkommensarmut. 64 Prozent der Menschen gaben bereits damals an, unfreiwillig durchschnittlich elf Kilogramm Gewicht verloren zu haben. Die «New York Times» hatte im Dezember 2017 Zugang zu inoffiziellen Statistiken in neun Spitälern des Landes und berichtete, dass während eines Jahres von knapp 2800 Fällen fehlernährter Kinder 400 gestorben waren.

Zentralbank und Statistikinstitut unter Maduros Knute

In der Zwischenzeit hat sich die Situation noch verschlechtert, doch das genaue Ausmass der Misere ist schwierig abzuschätzen. Statistiken publizieren die Finanzkommission des Parlaments, private NGOs, Forscher an Universitäten oder der Internationale Währungsfonds. Die Zentralbank und das nationale Statistikinstitut – beide unter der Knute der Regierung von Nicolás Maduro – veröffentlichen die politisch heiklen Zahlen seit einigen Jahren nicht mehr.

José hat die Sachen für seine Hochzeit so früh wie möglich eingekauft, zumal die Preise alle paar Tage einige Prozentpunkte steigen. Den Alkohol besorgte er bereits ein halbes Jahr vor der Trauung. Die Geschäfte machen sich grösstenteils gar nicht mehr die Mühe, die Preise anzuschreiben. Stattdessen führen Angestellte Listen der aktuellen Preise auf Notizblöcken.

15 Millionen für Schokolade

In einigen Supermärkten stehen Barcodescanner herum, mit denen man die aktuellen Preise abrufen kann. Mitte Mai kostete zum Beispiel ein halbes Kilo Schweizer Schöggeli im Duty-free am Flughafen von Caracas 15,5 Millionen Bolívares. Zu jener Zeit entsprach das 6 oder 15 Mindestlöhnen, je nachdem ob Lebensmittelbons dazugerechnet werden.

Ein Barcodescanner zeigt den aktuellen Preis an: Im Duty Free am Flughafen von Caracas kostete ein halbes Kilo Schweizer Schokolade Mitte Mai 15,5 Millionen Bolívares – zu jener Zeit entsprach das sechs Mindestlöhnen (inkl. Lebensmittelbons). (14. Mai 2018) Bild: Marc Chéhab

Ein Tourist hätte allerdings kaum ein Mittel, überhaupt irgendetwas zu kaufen. Denn Bargeld ist so schwierig erhältlich, dass es selbst zu einer Ware verkommen ist. Auf Märkten werden Bündel von Banknoten zu ihrem doppelten Preis verkauft. Und umgekehrt gilt dasselbe: Wenn man etwas bar bezahlt, kostet es oft nur die Hälfte.

Bezahlt wird deswegen generell elektronisch. Doch es gibt verschiedene Wechselkurse, und wer eine ausländische Kredit­karte gebraucht, erhält die Bolívares ungefähr zum offiziellen Wechselkurs. Die Schweizer Schokolade hätte so mit einer Visa-Karte 217 Franken gekostet.

Zentralbank kreiert Geld, um Korruption zu finanzieren

Den angemessenen Preis erhält man nur, wenn man, wie José, Bolívares elektronisch über den Schwarzmarkt kauft – doch das funktioniert nur mit einem venezolanischen Bankkonto. So hätte die Schokolade umgerechnet noch rund 8 Franken gekostet. Bürger und der Privatsektor kaufen ausländische Währungen fast ausschliesslich auf dem Schwarzmarkt. Laut aktuellen Schätzungen werden 90 Prozent der Importe des Privatsektors so finanziert.

Die unmittelbare Ursache der Inflation ist, dass die Zentralbank unter der Knute der Regierung Geld kreiert, um die öffentlichen Betriebe, das Ausgabe­defizit und die Korruption zu finanzieren. So hat sich die Geldmenge in den letzten zwölf Monaten um ein 93-Faches erhöht. Die nationale Währung ist mittlerweile weniger wert als das Papier, auf dem die Banknoten gedruckt werden.

Inflation von einer Million Prozent möglich

Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass die Jahres­inflation in Venezuela 2018 wohl eine Million Prozent erreichen wird. Solche Schätzungen sind allerdings extrem unsicher – der US-Inflationsexperte Steve Hanke nannte die Prognose gar «schwindelhaft».

Dazu kommt, dass Venezuela fast ausschliesslich Öl exportiert und nur so externe Devisen erhält. Wie viele Wirtschaftszweige wurde auch die staatliche Ölfirma PDVSA so heruntergewirtschaftet, dass sich die Produktion seit der Übernahme durch die Chavisten halbiert hat. US-Dollar sind also noch knapper und die Importe noch teurer, was je nach Ölpreis weiter akzentuiert wird. Generell gilt: Je importabhängiger ein Produkt, desto grösser sind Inflation und Knappheit.

Loyalität ist alles

Hinter diesen unmittelbaren Gründen für den Zerfall Venezuelas steckt letztlich der Machthunger der Regierung. Wie Hugo Chávez vor ihm hebt Maduro loyale Diener in Machtpositionen, zumeist Militärangehörige. Seit nunmehr 19 Jahren wurden hohe Beamte nach dem Motto «Loyalität vor Professionalität» ausgesucht, was zu einer für Schweizer schier unvorstellbaren Ansammlung an Korruption und Inkompetenz in der Exekutive geführt hat.

Dies zeigt sich auch bei der geplanten Währungsreform. Präsident Maduro erklärte Ende März, dass es kein Bargeld gebe, weil die kolumbianische Regierung und die Opposition es klauen würden. Und deswegen müsse eine neue Währung her. «Wir bringen neue Banknoten in Umlauf und streichen drei Nullen», kündete der Diktator auf dem Notfallkanal über alle TV- und Radiosender an. Bereits sein Vorgänger Hugo Chávez hatte 2007 das Gleiche getan und die Währung in Bolívar Fuerte («starker» Bolívar) umbenannt. Nun will Maduro daraus den Bolívar Soberano («souveräner» Bolívar) machen.

«Wir bringen neue Banknoten in Umlauf und streichen drei Nullen»: Maduro kündigt seine Währungsreform an. (22. März 2018) Video: Youtube

Weniger als eine Woche vor der angekündigten Umstellung Ende Mai verschob er dann das Ganze auf den 4. Juni, später auf den 4. August. Und vor einer Woche änderte er den Termin erneut auf den 20. August – dafür werden der Nationalwährung nun fünf Nullen gestrichen. Den Geschäften wurde allerdings bereits Anfang Mai per Gesetz befohlen, die Preise parallel auch im neuen Bolívar anzugeben. Und diese Preise haben sich bislang parallel zum alten Bolívar erhöht. Die neue Währung steckt also bereits in einer Hyperinflation, bevor das neue Bargeld überhaupt zirkuliert.

Kurz vor der Hochzeit hatte die Familie von María und José die Zutaten für das Gebäck doch noch zusammengebracht. José und Cristina heirateten in einer wunderschönen Kapelle am Rande von Caracas. Das Paar zog nach der Hochzeit in eine Wohnung auf dem gleichen Stockwerk, wo José zuvor bei seinen Eltern gelebt hatte. Das Apartment gehört Bekannten, die wie so viele Venezuela verlassen haben. Es war nicht die einzige Wohnung auf dem Stockwerk, die leer stand.

Wer nicht genau hinschaut, könnte meinen, es sei idyllisch: Die venezolanische Hauptstadt Caracas mit dem Hausberg Ávila im Hintergrund – gemessen an der Mordrate eine der gefährlichsten Städte der Welt. (2. Mai 2018) Bild: Marc Chéhab

Erstellt: 03.08.2018, 15:47 Uhr

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