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Weinstein schuldig, auch vor dem Gericht

Nach tagelangen Beratungen spricht die Jury den ehemaligen Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein in New York schuldig. Das Strafmass wird am 11. März verkündet.

Johanna Bruckner, New York
Ein freier Mann ist er jetzt nicht mehr: Weinstein am Montag bei der Ankunft vor Gericht. Foto: Getty Images
Ein freier Mann ist er jetzt nicht mehr: Weinstein am Montag bei der Ankunft vor Gericht. Foto: Getty Images

Es ist Tag 32 des Gerichtsverfahrens gegen Harvey Weinstein. Am Montag um 9.21 Uhr betritt der Mann, der einst eine der mächtigsten Figuren der Filmbranche war, den Saal Nummer 99. Wie an fast jedem Verfahrenstag läuft der 67-Jährige tief gebückt, gestützt auf einen Rollator. Zehn Bankreihen passiert er bis zu seinem Platz, dem Platz des Angeklagten – an diesem Morgen wird er sie zum vorerst letzten Mal entlanggehen.

Dann, um 11.40 Uhr, betritt die Jury den Gerichtssaal, sieben Männer und fünf Frauen haben mehr als zwanzig Stunden über die Schuld des Angeklagten beraten. Einzeln werden nun die fünf Anklagepunkte abgefragt. Zweimal antwortet der Sprecher des zwölfköpfigen Gremiums mit «guilty», schuldig.

Die Jury sieht es als erwiesen an, dass Weinstein 2006 der ehemaligen Produktionsassistentin Miriam «Mimi» Haleyi in seiner Wohnung in Soho Oralverkehr aufzwang. Ausserdem wird er wegen Vergewaltigung der ehemaligen Schauspielerin Jessica Mann schuldig gesprochen, dieser Übergriff ereignete sich 2013 in einem Hotel in Manhattan. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrer Anklage zwei Vergewaltigungsstraftatbestände aufgeführt, die Jury entscheidet sich für den minder schweren. Weinstein drohen nun mindestens 5 und höchstens 25 Jahre Haft.

Weinsteins Anwälte wollen den Schuldspruch nicht akzeptieren. Arthur Aidala sagte: «Es ist so sicher wie die Tatsache, dass ich ein glatzköpfiger Mann bin, dass wir in Berufung gehen werden.»

Noch am Freitag hatten die Geschworenen signalisiert, dass sie bei den beiden schwerwiegendsten Anklagepunkten uneins sind: Hier ging es nicht um einzelne Übergriffe, sondern ein kriminelles Verhaltensmuster gegenüber Frauen. Am Ende lautet das Urteil hier: nicht schuldig.

Dennoch ist der Prozess ein Erfolg für die New Yorker Staatsanwaltschaft. Denn das, was für die Öffentlichkeit längst klar schien, musste sie vor der Strafkammer des New York State Supreme Courts erst einmal beweisen: dass Harvey Weinstein nicht nur schuldig erscheint, sondern es auch im juristischen Sinne ist.

«Neue Ära der Justiz»

Der Schuldspruch gegen den früheren Filmmogul ist vor allem ein Verdienst von Staatsanwältin Joan Illuzzi, die die hoch-bezahlten Verteidiger Weinsteins am Prozess mehr als einmal in die Schranken wies. In ihrem Schlussplädoyer widerlegte sie das Argument, die sechs Frauen, die im Verfahren von Übergriffen berichtet hatten, hätten dies aus Geltungssucht und Geldgier getan. Die Frauen hätten ausgesagt, um gehört zu werden. «Sie haben ihre Würde geopfert, ihre Privatsphäre und ihren inneren Frieden, in der Erwartung, dass ihre Stimme genug ist, um Gerechtigkeit herzustellen.»

Weinsteins Verteidiger versuchten, die Schuldfrage umzukehren: Harvey Weinstein, argumentierten sie, sei das Opfer seines eigenen Ruhms und einer völlig entfesselten Frauenrechtsbewegung.

Nach dem Schuldspruch feiern Schauspielerinnen und Frauenrechtlerinnen das Urteil als grossen Erfolg. Eine «neue Ära der Justiz» eingeleitet worden, sagt Tina Tchen, Präsidentin der Stiftung Time’s Up, die gegen sexuelle Belästigung kämpft.

Harvey Weinstein wurde gestern durch einen Seitenausgang des Gerichtes abgeführt, die Hände vor dem Bauch mit Handschellen fixiert. Das Strafmass gegen ihn wird erst am 11. März verkündet – ein freier Mann ist er schon jetzt nicht mehr.

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