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Whistleblowerin vom Drucker verraten

Donald Trump hat Informanten wiederholt gedroht. An einer NSA-Mitarbeiterin könnte nun ein Exempel statuiert werden.

MeinungHans Brandt
Unterstützung für die Whistleblowerin Reality Winner.
Unterstützung für die Whistleblowerin Reality Winner.
Lucas Jackson, Reuters

Es ist kein Deckname, sie heisst wirklich so: Reality Winner. «Trump geht gegen die Realität vor», scherzten Twitter-User. Für die 25-jährige Mitarbeiterin des US-Geheimdienstes NSA ist die Sache allerdings gar nicht lustig. Ihr drohen bis zu zehn Jahre Haft. Sie soll ein Geheimdokument über russische Versuche, die US-Wahlen zu beeinflussen, an die Enthüllungswebsite «The Intercept» weitergegeben haben.

Den US-Behörden zufolge hat die junge Frau zugegeben, die Quelle gewesen zu sein. Sie konnte das kaum bestreiten, denn sie hatte sich äusserst unvorsichtig verhalten. Winner arbeitet für ein Unternehmen im Bundesstaat Georgia, das Analysen für die NSA erstellt. Dort hatte sie den Bericht ausgedruckt und nach Hause genommen. Winner wusste nicht, dass alle modernen Farblaserdrucker auf jedes Dokument ein unsichtbares Muster kleinster Punkte drucken, das die Modell­nummer des Geräts und das Datum des Druckvorgangs offenbart.

Als «The Intercept» die NSA kontaktierte, um eine Stellungnahme einzuholen, wurde dem Geheimdienst eine Kopie des gedruckten Originals überlassen – und die Ermittler konnten die Mikropunkte entschlüsseln. Das führte sie direkt zu Reality Winner. Die Mitarbeiter von «The Intercept» hätten das wissen müssen. Dass Laserdrucker Mikropunkte produzieren, ist unter Forensikern seit Jahren bekannt und etwa bei Betrugsfällen von Bedeutung.

Verhaftet: Winner ist für die Ermittler eine Verräterin, die gegen Gesetze zur Geheimhaltung verstossen hat.Foto: Lincoln County, Georgia, Sheriff's Office (Reuters)
Verhaftet: Winner ist für die Ermittler eine Verräterin, die gegen Gesetze zur Geheimhaltung verstossen hat.Foto: Lincoln County, Georgia, Sheriff's Office (Reuters)

Handelte Reality Winner, ehemalige Persisch-Übersetzerin der US-Luftwaffe, aus politischen Motiven? Oder ist sie eine echte Whistleblowerin, eine besorgte Bürgerin, die Missstände aufdeckt?

Für die Ermittler ist die Frage schnell beantwortet: Winner ist eine Verräterin, die gegen Gesetze zur Geheimhaltung verstossen hat. Das findet auch der Jurist Mark Zaid, Experte für Sicherheitsfragen. «Das hier hat nichts zu tun mit Verschwendung, Betrug oder illegalen Aktionen durch die US-Regierung, die ein Leck gerechtfertigt hätten», sagte er der Website «Daily Beast». «Auch die Obama-Regierung hätte in diesem Fall, ohne zu zögern, Anklage erhoben.»

Sie wusste nicht, dass alle Farblaserdrucker auf jedes Dokument ein unsichtbares Muster kleinster Punkte drucken, das die Modell­nummer des Geräts offenbart.

Tatsächlich wurden unter Barack Obama deutlich mehr Anklagen gegen Informanten erhoben als unter seinen Vorgängern. Dem berühmtesten Whistleblower, Edward Snowden, drohen Jahrzehnte der Haft, sollte er je in die USA zurückkehren. Ebenso soll Julian Assange, der Betreiber von Wikileaks, vor Gericht gestellt werden, sollte er den Schutz der ecuadorianischen Botschaft in London verlassen.

Andererseits liess Obama Milde walten im Fall von Chelsea Manning, die zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde, weil sie Wikileaks Zehntausende Geheimdokumente zugespielt hatte. In einer seiner letzten Amtshandlungen als Präsident erliess Obama im Januar einen grossen Teil der Strafe; Manning kam Mitte Mai frei.

Ein brisantes Fazit

Reality Winner kann von Donald Trump keine Milde erwarten; eher wird er versuchen, an ihr ein Exempel zu statuieren. Denn der Präsident hat Insidern, die Vertrauliches preisgeben, wiederholt gedroht – vor allem, wenn sie ihm persönlich schaden. Das gilt auch für Winner, die in sozialen Medien oft über Trump geschimpft hat. Offenbar wollte sie Trump in Bedrängnis bringen: Der NSA-Bericht kommt zum Schluss, dass Russland versucht hat, Trumps Gegnerin Hillary Clinton zu diskreditieren. Das ist besonders brisant im Zusammenhang mit den laufenden Ermittlungen über die Beziehungen zwischen Trump-Mitarbeitern und den Russen. Ohne Lecks aus dem Weissen Haus wäre es nicht zu diesen Untersuchungen gekommen. Das zeigt, wie bedeutend solche Hinweise sind. Umso mehr sollten die Medien ihre Quellen schützen. Im Fall Reality Winner ist das nicht geschehen.

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